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Frauen bei Olympia 2012 Alles nur schöner Schein

Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele sind alle 204 Nationen mit Frauen vertreten. Die Funktionäre feiern das als Revolution. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

09.08.2012 18:52
Ronny Blaschke
Die saudi-arabische Läuferin Sarah Attar startete in London über 800 Meter. Sie trug einen Ganzkörperanzug. Foto: dpa

Nach 82 Sekunden hatte Wojdan Shaherkani den Kampf verloren. Ihr Bruder Hassan legte seinen Arm um ihre Schulter, führte sie an einer Hundertschaft Reporter vorbei. Die riefen, schubsten, streckten der Judo-Kämpferin aus Saudi-Arabien die Mikrofone ins blasse Gesicht. Shaherkani, 16 Jahre alt, flüsterte etwas von Ehre, Stolz, Zuversicht. Sie wirkte schüchtern, ängstlich, sie wollte einfach weg. Wojdan Shaherkani ist die erste saudi-arabische Frau, die einen olympischen Wettbewerb bestritten hat.

Sie ist die Frau, die noch gefehlt hat, könnte man sagen. Eine historische Nachzüglerin. Denn nun sind erstmals alle 204 Nationen bei den Spielen mit Frauen vertreten. In Atlanta 1996 hatten noch 26 Teams nur aus Männern bestanden. In London haben Saudi-Arabien, Katar und Brunei die Lücke geschlossen, von rund 10.500 Athleten sind 4800 weiblich.

Wojdan Shaherkani habe Schande über Saudi-Arabien gebracht, schimpfen konservative Muslime im Internet, Schande über die arabische Welt. Nawal El Moutawakel, die marokkanische Vizepräsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, des IOC, spricht von einer friedlichen Revolution. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

Fettsucht und Diabetes

An einem grauen Londoner Morgen sitzt David Mepham in seinem Glaskastenbüro und erklärt, warum selbst historische Momente manchmal trügerisch sind. „Der Kampf von Shaherkani war ein bescheidener Schritt“, sagt der Großbritannien-Direktor von Human Rights Watch. „Wir müssen die Aufmerksamkeit auf den Alltag der saudischen Frauen lenken. Sie haben fast keine Rechte und werden als Bürger zweiter Klasse behandelt.“ In Saudi-Arabien ist Mädchen und Frauen der Sport nicht gestattet, nicht in Schulen, Vereinen, Fitnessstudios. Viele leiden an Fettsucht, Bewegungsarmut, Diabetes. Wenn sie arbeiten, reisen, zum Arzt gehen wollen, müssen sie die Erlaubnis eines männlichen Verwandten vorlegen.

Am Mittwoch ist die Läuferin Sarah Attar, die zweite saudische Olympionikin, im Vorlauf über 800 Meter aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Attar, 19 Jahre alt, ist in Kalifornien aufgewachsen, sie spricht fließend Englisch. Es lassen sich von ihr Fotos finden, auf denen sie kein Kopftuch trägt. Doch das Olympische Komitee Saudi-Arabiens forderte von seinen beiden Sportlerinnen, sich in London „dem Islam angemessen zu verhalten“: Körper und Kopf verhüllt, in Begleitung eines männlichen Aufpassers. Während der Eröffnungsfeier liefen Attar und Shaherkani in der letzten Reihe ihres Teams ins Stadion ein, hinter den Männern.

Die beiden Frauen hatten sich nicht für die Spiele qualifiziert, das IOC erteilte ihnen eine Sondergenehmigung – und feiert sich als Menschenrechtsbund.

David Mepham möchte das geraderücken. Es sei richtig, dass sich Jacques Rogge, der Präsident des IOC, für die Frauen eingesetzt habe. Wichtiger sei allerdings der Druck der Menschenrechtsorganisationen auf das saudische Regime gewesen. „Das IOC hat Macht“, sagt Mephan. „Es muss diese Macht aber auch nach Olympia nutzen, wenn alle Journalisten wieder zu Hause sind.“ Er möchte verhindern, dass hinter der wunderbaren Story um zwei Sportlerinnen die wahren Probleme verschwinden. Dass nach der ausschweifenden Diskussion um eine Kopfbedeckung beim Judo kein Raum mehr ist für andere Themen, für Bildung, Versorgung oder Sexualität von Frauen: „Mädchen haben in Saudi-Arabien keine Möglichkeit, ihre Talente zu entdecken.“

In der Rangliste der Pressefreiheit, die Reporter ohne Grenzen jährlich veröffentlicht, liegt Saudi-Arabien von 179 bewerteten Staaten auf Platz 158. Die saudischen Frauen werden wenig von ihren Olympioniken erfahren, die weiterhin im Ausland leben. Sie werden eher die Empörung konservativer Kräfte zu hören bekommen, die sich durch staatliche Zensur potenzieren könnte. Ali Seraj Shaherkani, Vater der saudischen Judo-Kämpferin, hat nun das Innenministerium seiner Heimat um Hilfe gebeten, er hat einen Anwalt engagiert und möchte die Schmähungen gegen seine Tochter juristisch ahnden lassen. Ob er eine Antwort erhalten wird?

Ein elitärer Zirkel

Die Olympische Idee gilt der Friedensstiftung und der Konfliktlösung, doch schon in der Antike war es Frauen verboten, Sportstätten zu besuchen. Auch Pierre de Coubertin, Gründer der neuzeitlichen Spiele, sah für Frauen keinen Platz. Die Griechin Stamata Revithi nahm 1896 trotzdem zur Premiere am Marathon teil, aber erst 1984 wurde die Strecke für Frauen offiziell olympisch. „Das IOC war ein elitärer Zirkel aus Industriellen und Adligen“, sagt die Historikerin Jutta Braun aus dem Berliner Zentrum deutsche Sportgeschichte. „Sie dachten, dass körperliche Anstrengung das Mädchenantlitz verzerren könnte und sich die Gebärfähigkeit verschlechtern würde.“

Lange mussten sich Frauen bei Olympischen Spielen hinter Mauern oder Büschen umziehen, um nicht von Männern gesehen zu werden. Die Zeitungen berichteten von tüchtigen Fräuleins, nannten sie beim Vornamen, weil sie glaubten, sonst ihre Ehemänner bloßzustellen. „In der Naziherrschaft wurde Sport als wichtig angesehen“, sagt Jutta Braun, „für die Stärkung des Frauenkörpers in der Mutterschaft.“ Nach dem Krieg öffneten sich mehr Sportarten für Frauen, aber Fußball blieb für sie bis 1970 verboten.

Frauen mussten sich jede olympische Sportart hart erarbeiten, in London haben sie die letzte Lücke geschlossen, sie sind nun auch fürs Boxen zugelassen. Bei den Winterspielen in Sotschi in zwei Jahren dürfen sie erstmals von der Schanze springen. Stolz haben die USA und Kanada darauf hingewiesen, in diesem Sommer mehr Frauen als Männer nominiert zu haben. Auch die Briten veröffentlichen viele Artikel über ihre Athletinnen, 262 sind dabei, was einem Anteil von 48 Prozent entspricht. „Olympia für die Mädchen“, titelt der Observer. „Wie das britische Team sich in seine weibliche Seite verliebt.“ Es gibt die Prognose, dass britische Frauen erstmals mehr Medaillen als Männer gewinnen können.

Tim Woodhouse wird von Journalisten oft gebeten, sich an diesen Rechnungen zu beteiligen, doch er stellt dann die Frage, was das dauerhaft bringen soll. Woodhouse arbeitet für die Women’s Sport and Fitness Foundation, die WSFF, sein Büro liegt im Victoria House am schicken Bloomsbury Square, wo sich mehrere Initiativen für den Breitensport einsetzen. „Zwei Wochen Olympia können keine Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern im Sport bewirken“, sagt Woodhouse. „Aber sie geben uns einen Schub und können die Distanz zwischen den Geschlechtern kleiner werden lassen.“

Woodhouse kann alle britischen Gewinnerinnen von Medaillen aufsagen, doch er hat auch Zahlen parat, die im patriotischen Goldgeschrei verloren gehen: Laut Weltgesundheitsorganisation sind im Jahr 2011 zwölf Prozent der britischen Mädchen im Alter von vierzehn regelmäßig aktiv gewesen, bei den Jungen waren es doppelt so viele. Vor allem muslimische Mädchen sind unterrepräsentiert. Zwölf Prozent der britischen Frauen treiben wöchentlich dreimal Sport, bei den Männern sind es zwanzig Prozent. Aus den Sponsorenmitteln für den Sport fließen 0,5 Prozent an Frauen.

Die Hälfte der befragten Mädchen gab vor Olympia an, keine sportlichen Vorbilder zu haben. Vielleicht würden sie sich heute für die Radfahrerin Elizabeth Armitstead entscheiden, die für den Gastgeber die erste Medaille gewonnen hat und von einer Genugtuung sprach, „nach all dem Sexismus“. Armitstead erhielt viele Interview-Anfragen, ausführlich hat sie sich nicht mehr geäußert. Tim Woodhouse überrascht das nicht, er kennt die Zwänge des Geschäfts: „Wir haben es schwer, Mädchen für den Amateursport zu motivieren. Wir brauchen Trainerinnen oder Schiedsrichterinnen – und Sponsoren.“ Das Londoner Organisationskomitee hat von Anfang an auf Ausgeglichenheit in seinen Strukturen geachtet. Ob dieses Signal an der Basis ankommen wird?

Tim Woodhouse will jetzt die Öffentlichkeit nutzen, um seine Stiftung bekannter zu machen. „Viele Menschen sehen zum ersten Mal, dass auch Frauen schnell laufen und hoch springen können.“ Vielleicht wird der eine oder andere Schuldirektor nach dem olympischen Trubel Interesse an einer Mädchensport-AG haben, an einem Basketball-Camp am Wochenende, an einem Mutter-Tochter-Wettlauf. Vielleicht werden aber auch alle Direktoren Britanniens genervt sein von der Dauerbeschallung des „Höher, Schneller, Weiter“.

Mehr Millionäre als Frauen

Von Tim Woodhouse ist es zu Fuß keine Viertelstunde in die enge Berry Street zur Fawcett Society, der vielleicht einflussreichsten Frauenrechtsorganisation Englands. Die Gesellschaft hat ihren Namen von Millicent Garrett Fawcett, die sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts für Wahlrecht, Bildung und politische Beteiligung von Frauen eingesetzt hatte. Die Mitarbeiterinnen von Fawcett möchten sich eigentlich nicht zu Olympia äußern, sie haben zu viele mediale Konjunkturen erlebt, die einer sachlichen Debatte im Weg standen. Olympia scheinen sie eher als hinderlich zu empfinden.

Die Aktivistin Preethi Sundaram erklärt sich bereit, wenigstens über die politische Benachteiligung zu sprechen: „In der britischen Regierung sitzen mehr Millionäre als Frauen, und im Parlament ist nur jedes fünfte Mitglied weiblich.“ Mit diesem Anteil liegt Westminster weltweit auf Rang 56. In der britischen Wirtschaft seien nur dreizehn Prozent der Vorstandsmitglieder Frauen, die Fawcett-Gesellschaft fordert bis 2020 ausgeglichene Verhältnisse: „Überall, wo wichtige Entscheidungen für die Bevölkerung getroffen werden, haben wir einen Mangel an Frauen. Das ist ungesund für eine Demokratie, das hat Auswirkungen auf die Vielfalt einer Gesellschaft.“

Mit Ausnahme der sozialdemokratischen Labour-Partei habe keine politische Strömung eine wirkliche Strategie zur Stärkung von Frauen entwickelt, betont Sundaram. Debatten wie diese gibt es in halb Europa, auch in Deutschland. Und nun sollen ausgerechnet ein paar Medaillen im Zeichen der Ringe an diesem Klima etwas ändern? Preethi Sundaram lächelt ungläubig, schaut auf die Uhr und sagt freundlich, sie habe keine Zeit mehr

Es ist fast unmöglich, eine Olympionikin zu finden, die öffentlich mit dem sportlichen Männlichkeitskult ins Gericht gehen will, zu groß ist die Angst vor dem Verlust der Sponsoren. Laut dem Magazin Stern schaffen es nur zwei Frauen unter die hundert bestbezahlten Sportler der Welt. Einer Studie der Sporthochschule Köln zufolge liegt der Frauenanteil der Sportberichterstatter bei fünf bis 15 Prozent. „Als Frau können Sie in dieser männerbetonten Vermarktungswelt gut punkten, wenn sie Ihre Haut zu Markte tragen“, sagt Imke Duplitzer, eine der erfolgreichsten Fechterinnen Deutschlands und Teilnehmerin in London. „Leistungen sind nett, aber nicht so entscheidend.“

Im Beachvolleyball haben Funktionäre beschlossen, dass Spielerinnen eine Bikinihose tragen müssen, sieben Zentimeter breit, alternativ einen Minirock oder eine Leggings, auch bei Olympia lassen sich davon im Internet Dutzende Bilderstrecken anklicken. Vor der Fußball-WM der Frauen letztes Jahr war auf den deutschen Hochglanzplakaten vor allem die attraktive Reservespielerin Fatmire Bajramaj zu sehen, verziert mit dem Slogan „20elf von seiner schönsten Seite“. Die treffsichere, aber eher unauffällige Spielführerin Birgit Prinz war in der Werbung kaum zusehen. Die Forscher der Sporthochschule Köln bescheinigen Marketing und Medien einen Sexualisierungsdruck. Seit 1995 haben sich in Deutschland mehr als fünfzig Sportlerinnen für den Playboy ausgezogen.

Männliche Leistungsnorm

Im Sport bestimmt das Männliche die Leistungsnorm, sind die Frauen noch mehr Fassade als in Politik und Wirtschaft. Das Internationale Olympische Komitee will dem Publikum trotzdem weismachen, dass Olympia die Geschlechtergrenzen aufweicht. Die Bilder der saudischen Judoka Wojdan Shaherkani werden zum Jahreswechsel vermutlich in jedem Rückblick zu sehen sein, als historisches Erbe der Spiele. Nicht zu sehen sind dann die iranischen Fußballerinnen. Sie konnten sich im vergangenen Jahr nicht für Olympia qualifizieren, da der Weltverband Fifa das Kicken mit Kopftüchern nicht erlaubt hatte.

Jacques Rogge, der oberste Wächter der Olympischen Spiele, wird nicht müde, über das feminine Olympia zu sprechen. Vor Kurzem hat das IOC wieder zwei weibliche Mitglieder aufgenommen. 22 Frauen sitzen nun im Komitee – und fast fünfmal so viele Männer.

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