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Eddie The Eagle Edwards "Ich war anders als die anderen"

Als „Eddie The Eagle“ erlangte der englische Olympionike Michael Edwards Weltruhm – ein Skispringer, der immer Letzter wurde. Ein Gespräch über Abstürze, verlorene olympische Ideale und die Frage, ob man immer siegen muss, um ein Gewinner zu sein.

23.07.2012 17:49
Das Kinn ist gerichtet: Michael Edwards aka Eddie the Eagle Foto: Jörg Schindler

Da kommt Eddie um die Ecke. Labberige Hosen und ein T-Shirt von den Olympischen Spielen in Salt Lake City, das aussieht, als sei es seit 2002 nicht mehr gewaschen worden. Der Mann aus Mittelengland hatte keine Zeit, sich vor dem Gespräch umzuziehen, er arbeitet als Maurer in der Gegend, hat alle Hände voll zu tun. Ende der 80er hatte er als erster englischer Skispringer bei den Olympischen Winterspielen in Calgary teilgenommen – und stets den letzten Platz belegt, wie bei anderen internationalen Wettbewerben auch. Unter seinem Spitznamen „Eddie The Eagle“ wurde Michael Edwards, wie er mit richtigem Namen heißt, zum Medienstar, ein Mann mit kläglichen Sprüngen, der dem olympischen Motto „Dabeisein ist alles“ Strahlkraft verlieh. Als Treffpunkt hat Edwards den Bahnhof in Stroud in der Grafschaft Gloucestershire vorgeschlagen. Die Alt-Hippie-Dichte in der Kleinstadt ist beeindruckend, Englands erster Bauernmarkt wurde hier erfunden, es ist ein Sammelplatz für Aussteiger und Querköpfe aller Art. Der perfekte Ort für einen wie ihn.

Mr. Edwards, Sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich.

Finden Sie?

Wo ist Ihr wuchtiges Kinn hin?

Nun, das Kinn habe ich operativ richten lassen. Und bei der Gelegenheit wurde gleich auch mein Gebiss saniert.

Sind Sie eitel?

Nein, nein, das war medizinisch notwendig. Durch die Fehlstellung des Kinns standen meine Zähne derart schief herum, dass ich Gefahr lief, alle zu verlieren.

Und was ist mit Ihrer legendären Brille passiert? Die war ja sowas wie Ihr Markenzeichen, weil Sie kurz vorm Absprung immer die beschlagenen Gläser putzen mussten.

Eine Firma bot mir an, meine Augen zu lasern, wenn ich dafür etwas Werbung für sie machen würde. Ich war ja doch ziemlich weitsichtig. Jetzt brauche ich keine Brille mehr. Eigentlich schade, dass das so spät kam. Mein größtes Problem beim Skispringen war ja diese bescheuerte Brille, die immer beschlagen hat, weswegen ich meinen Kopf sehr hoch heben musste. Heute wäre ich ein viel besserer Skispringer.

"Usain Bolt braucht keine Angst zu haben"

Würden Sie es wieder tun?

Liebend gerne! Das Blöde ist, dass es in Großbritannien bis heute keine Sprungschanze gibt. Von Skispringern mal ganz abgesehen. Es ist wahrscheinlich ganz gut, dass wir uns die Sommerspiele geschnappt haben.

Hat es Sie nicht gereizt, auch daran teilzunehmen?

Und wie! Mir ist aber keine Disziplin eingefallen, in der ich es hätte schaffen können. Ich spiele gar nicht so schlecht Golf, aber das ist ja nun keine olympische Disziplin. Und für die 100 Meter bin ich definitiv zu alt. Usain Bolt braucht also keine Angst zu haben. Fürs Erste.

Als Sie 1988 bei den Olympischen Winterspielen in Calgary antraten und immer Letzter wurden, haben sich ziemlich viele Leute über Sie lustig gemacht. Hat Sie das getroffen?

Nicht wirklich. Es stimmt ja, ich war anders als die anderen Springer. Die waren immer ernst, ich habe ständig gelacht. Die waren ausgehungert, ich ganz gut genährt. Die waren Profis, ich war totaler Amateur. Für mich war es schon eine Goldmedaille, überhaupt dabei sein zu dürfen. Ich wollte ein bisschen Lockerheit in einen Sport bringen, der immer so wahnsinnig steif und ernsthaft gehandhabt wird.

Ging es Ihnen um den Sport oder um den Ruhm?

Oh, es ging mir immer um den Sport! Ich liebe – ich liebe! – Skispringen. Und dazu kam mein Traum, einmal an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Woher kommt dieser Traum?

Als ich acht, neun Jahre alt war, habe ich erstmals bewusst die Olympischen Spiele im Fernsehen gesehen und dachte: Wow! Es muss großartig sein, für sein Land an so etwas teilzunehmen. Das wollte ich auch. Egal wie.

Und dann?

Dann habe ich als Teenager bei einem Schulausflug in England Skifahren gelernt und gemerkt: Das ist es!

"Eier aus Titan? Aus Stahl vielleicht"

Wo bitte lernt man in England Skifahren?

In Gloucester.

Da gibt’s doch gar keine Berge.

Doch. Oder sagen wir Hügel. Die sind bestimmt 300 Meter hoch. Allerdings gibt’s da doch eher selten Schnee, weswegen man auf Kunstrasen fährt. Ich war da ständig, jede freie Minute. Ich habe vor allem Slalom geliebt. Dann kam ich sogar ins englische Nationalteam und bin international Rennen gefahren.

Und wieso dann der Wechsel zum Skispringen?

Weil die Ausrüstung billiger war. Zumindest die gebrauchte, die ich gekauft habe. Und von einer Schanze zu springen, war deutlich günstiger, als einen Skipass zu kaufen. Ich hatte ja nie besonders viel Geld. Ich bin dann immer zu irgendwelchen Schanzen in Europa gereist, habe im Auto oder im Zelt oder in Kuhställen und einmal sogar in einem finnischen Irrenhaus geschlafen. Das kam erheblich günstiger als Alpinski.

Hatten Sie nie Angst davor, sich das Genick zu brechen?

Oh doch. Aber immer nur gerade so viel, wie es braucht, um mich hundertprozentig konzentrieren zu können.

Der Schauspieler Steve Coogan, der mal für die Hauptrolle in einem Eddie-The-Eagle-Film im Gespräch war, hat über Sie gesagt, Sie seien „schrullig, neben der Spur, ein bisschen eigenbrötlerisch, aber seine Eier müssen aus Titan sein“. Erkennen Sie sich wieder?

Nein! Keine Ahnung, was er meint. Schrullig? Möglich. Aber Eier aus Titan? Aus Stahl vielleicht. Was die Leute immer übersehen, ist, dass ich für das, was ich erreicht habe, wirklich hart gearbeitet habe.

Waren die Olympischen Spiele so, wie Sie es sich erträumt hatten?

Ich habe gar nicht so viel von den Spielen mitbekommen. Das passierte alles sehr schnell, ich bekam plötzlich unglaublich viel Aufmerksamkeit. Das ging so weit, dass ich die meiste Zeit im olympischen Dorf bleiben musste, weil ich draußen ständig von Journalisten und Fans umlagert wurde.

Also ist Ihnen der berühmte olympische Geist nicht begegnet?

Ein bisschen schon. Vor allem die Schlussfeier war ein Wahnsinn, als der damalige Chef des Organisationskomitees in seiner Rede auf mich Bezug nahm und plötzlich Zigtausende anfingen, „Eddie! Eddie!“ zu schreien. Das war unglaublich. Genauso wie der Wettbewerb von der großen Schanze, damals waren 89.000 Zuschauer da, und die meisten haben wieder dieses „Eddie! Eddie!“ gerufen. Das waren Sekunden, in denen ich ahnte, was es heißt, ein Superstar zu sein. Ich habe mich wie ein Skisprung-Champion gefühlt.

"Heute geht es fast nur noch ums Gewinnen"

Gewonnen hat allerdings Matti Nykänen. Wissen Sie noch, wer Zweiter wurde?

Keine Ahnung. Aber ich weiß noch gut, wer Letzter wurde.

Wie sind Ihnen die anderen Springer begegnet?

Vielleicht 90, 95 Prozent der anderen Springer fanden den Hype um mich super. Denn all die Aufmerksamkeit für mich galt ja gleichzeitig auch der Sportart Skispringen. Sie sagten: Wunderbar, durch dich ist unser Sport von Seite 17 in den Zeitungen bis auf Seite 1 vorgerückt. Es floss auch etwas mehr Geld in den Sport. Es gab mehr junge Leute, die Skispringen lernen wollten.

Kein Neid, nirgends?

Ach na ja, es gab vielleicht eine Handvoll Finnen, Norweger und Deutsche, die so auftraten wie: Ich bin der größte Skispringer, was willst du Wicht eigentlich hier? Ein paar Trainer waren auch angefressen. Die haben manchmal irgendetwas zu mir gesagt, aber da ich weder Deutsch noch Finnisch spreche, weiß ich nicht, was. Ganz ehrlich: Es war ja nicht so, dass ich mit dem ausgeklügelten Plan, eine Berühmtheit zu werden, nach Calgary gekommen war.

Wirklich nicht? Sie trugen damals diese hässliche Brille, Ihr Koffer ging auf dem Förderband auf, danach rannten Sie gegen eine Glaswand im Flughafengebäude. Mal unter uns: Wie viel von all dem hatten Sie sich unter PR-Gesichtspunkten ausgedacht?

Das war alles Zufall. Ich wünschte, irgendetwas davon wäre geplant gewesen. Ich schwöre, ich hatte nie vor, der Welt meine Slips zu zeigen. Und was die Glastür betrifft: Diese Türen öffnen sich normalerweise automatisch. Aber mein Flug hatte Verspätung, und ich landete erst um zwei Uhr morgens. Da waren die Türen bereits gesperrt. Das wusste ich aber nicht, deswegen bin ich vor laufenden Kameras volle Kanne dagegen geknallt. Nicht mal den Namen „Eddie The Eagle“ habe ich erfunden, das waren die Kanadier. Alles, was danach kam, brach auch einfach so über mich herein.

Was unterscheidet die Olympischen Spiele von anderen Sportwettkämpfen?

Für mich war es die Tatsache, dass es keinen Unterschied macht, ob du die Nummer eins oder die Nummer 10.000 in der Welt bist – wenn du der beste Athlet deines Landes warst, konntest du hingehen und teilnehmen. Und plötzlich hast du neben den größten Sportlern der Welt gestanden und durftest gegen sie antreten.

Das hat sich seither ein wenig geändert – auch durch Sie.

Ja, sie haben nach Calgary eine neue Regel eingeführt. Manche nennen sie die Eddie-Rule. Heutzutage musst du mindestens zu den besten 30 Prozent in deiner Sportart gehören, um an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. Es sei denn, du bekommst von den Organisatoren eine Wildcard, weswegen man gelegentlich noch Menschen wie diesen fantastisch schlechten Schwimmer aus Äquatorialguinea, „Eric The Eel“, bei den Spielen sieht. Oder diesen Jungen aus Sierra Leone, der bei den Skifahrern mitgemacht hat. Ich finde das gut, weil diese Leute bestimmte Sportarten in ihren Ländern bekannt machen. Aber das wird immer weniger. Heute geht es fast nur noch ums Gewinnen um jeden Preis, um Kommerz, um Professionalität. Die alte olympische Idee, Leute aus aller Welt zusammenzubringen, wird allmählich beerdigt. Gleichzeitig wächst der Druck auf Athleten, unbedingt gewinnen zu müssen, derart, dass man sich nicht über die zunehmenden Dopingskandale wundern darf.

"Ich hasse es, anderen beim Sport zuzuschauen"

Sebastian Coe, der Vorsitzende des Londoner Organisationskomitees, hat sogar das Wildcard-System in Frage gestellt.

Ja, er möchte es abschaffen. Er findet, die Olympischen Spiele sollten ausschließlich für die besten Athleten der Welt reserviert sein. Deswegen streite ich mich auch dauernd mit ihm. Als die Spiele an London vergeben wurden, habe ich etliche Interviews gegeben und argumentiert, dass das Ende des Wildcard-Systems der letzte Sargnagel wäre für die Ursprungsidee der Olympischen Spiele. Seb Coe fand das nicht so gut.

Würde er sich durchsetzen, hätte vermutlich ein Viertel der Staaten weltweit keine Chance mehr, an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Wahrscheinlich noch mehr. Selbst Amerikaner und Kanadier hätten es dann schwer, sich zum Beispiel fürs Skispringen zu qualifizieren. Das hieße, die starken Nationen würden noch stärker und die schwachen verschwänden einfach. Man kann doch nicht zur halben Welt sagen: Ihr müsst leider draußen bleiben. Das hätte nichts mehr mit der olympischen Idee zu tun.

Werden Sie auch in London sein?

Eher nicht. Ich hasse es, anderen beim Sport zuzuschauen.

Ach.

Ich finde das langweilig. Es ist immer dasselbe. Mir fällt kein einziger Querkopf in irgendeiner Sportart ein. Na ja, Ronaldo vielleicht. Arrogant wie Hölle. Aber immerhin lustig, ihm zuzuschauen. Oder Usain Bolt. Aber sonst?

Wieso gehörten Sie eigentlich nicht zu den Trägern der Olympischen Fackel?

Das frage ich mich auch. Ich bin ja vorgeschlagen worden von einer Charity-Gruppe. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Dann bekam ich vier Monate später eine E-Mail: „Sorry, aber Ihre Bewerbung konnte nicht berücksichtigt werden.“

Vielleicht eine Retourkutsche von Sebastian Coe?

Manchmal denke ich das auch. Fakt ist, dass es unter den Organisatoren der Londoner Spiele viele gibt, die alles hassen, wofür ich stehe.

Vermissen Sie manchmal den Ruhm?

Ja, schon. Es hat riesigen Spaß gemacht – vor allem als Single.

"Irgendwann war das Geld weg"

Groupies?

Wunderhübsche Frauen! Die haben mich umschwärmt. Mich! Und seien wir ehrlich: Ich war ein wirklich hässlicher Tropf. Außerdem wurde ich ständig mit Flugzeugen und Helikoptern irgendwo hingebracht, musste Interviews geben. Mann, ich war sogar in der Johnny-Carson-Show! Ich bekam 10?000 Pfund allein dafür, dass ich irgendwo ein Hotel eröffnete. Das ging zwei Jahre lang so.

Sie sind reich!

Ich war es. Wissen Sie, ich war ja trotz allem Skisprung-Amateur und wollte es auch bleiben, um an weiteren Olympischen Spielen teilnehmen zu können. Deshalb floss mein ganzes Geld auf ein Treuhandkonto, das drei Leute verwaltet haben. Sie haben es eher nicht so gut verwaltet. Irgendwann war das Geld weg. Daraufhin habe ich die Treuhänder verklagt und gewonnen. Aber von dem schönen Geld bekam ich trotzdem nur einen Bruchteil zurück.

Stimmt es, dass Sie anlässlich dieses Prozesses Jura studiert haben?

Ja. Als ich 1998 meine Skisprung-Karriere an den Nagel gehängt hatte, dachte ich ernsthaft darüber nach, Anwalt zu werden.

Wieso sind Sie es nicht geworden?

Ich habe festgestellt, dass ich lieber etwas mit meinen Händen tue. Deshalb bin ich zurück in meinen Lehrberuf als Maurer. Außerdem habe ich immer noch etliche Nebenjobs. Ich bin öfter im Fernsehen, trete irgendwo als Stargast auf oder gebe Motivationskurse.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft dabei?

Das Gewinnen nicht nur heißt, Erster in einem Wettbewerb zu werden. Und dass man nie den Spaß an der Sache verlieren sollte. Es gibt ein Zitat von Theodore Roosevelt, das geht ungefähr so: Derjenige, der sich aufrafft, egal, zu was, wird immer zu den Gewinnern zählen. Die einzigen Verlierer sind diejenigen, die aus lauter Angst davor, etwas falsch zu machen, in ihrem Sessel sitzen bleiben.

Interview: Jörg Schindler

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