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Bogenschützin Elena Richter Weit ab vom Schuss

In Südkorea ist Bogenschießen Volkssport - in Deutschland dagegen nur eine Randsportart. Entsprechend klein ist auch das Olympiateam: Elena Richter und Camilo Mayr wollen trotzdem mehr, als nur dabei sein.

17.07.2012 23:36
Wolfgang Hettfleisch
Elena Richter hat Gold im Visier – zumindest das im Zentrum der Zielscheibe. Foto: imago

In Südkorea ist Bogenschießen Volkssport - in Deutschland dagegen nur eine Randsportart. Entsprechend klein ist auch das Olympiateam: Elena Richter und Camilo Mayr wollen trotzdem mehr, als nur dabei sein.

Den Ruhm kriegen die anderen ab. Die Leichtathleten, die Schwimmer, auch Ruderer, Kanuten und Radsportler, jedenfalls dann, wenn sie um Medaillen kämpfen. Für Elena Richter ist dabei sein alles – na ja, fast. „Touristen sind wir definitiv nicht“, stellt Oliver Haidn, der Bundestrainer der Bogenschützen, klar. „Es gibt eine klare Zielsetzung, und die lautet: einen guten Wettkampf abliefern.“ Die 23-jährige Berlinerin schaffte es als einzige Deutsche, sich für den olympischen Wettbewerb zu qualifizieren. Auch der 21-jährige Camilo Mayr aus dem württembergischen Welzheim darf in London das Innere der Zielscheibe anvisieren – er profitiert als Nachrücker davon, dass Israel auf einen Startplatz verzichtet hat.

Deutsches Miniteam

Sie sind also ein Miniteam, die deutschen Bogenschützen bei Olympia. Aber übersehen werden sie sowieso gern. „Es hat auch seine Vorteile, nicht so bekannt zu sein“, findet Elena Richter. „Da muss man wenigstens nichts über sein Privatleben in der Zeitung lesen.“ Deutschland ist, wenn man so will, Bogenschützen-Diaspora – weit ab vom Schuss. Das gelobte Land dieser Sportart ist Südkorea. „Dort ist Bogenschießen Nationalsport“, sagt die Sportsoldatin. 2009 trat sie bei der Weltmeisterschaft im Süden der geteilten koreanischen Halbinsel an. „Da gab es Bilder auf jeder Titelseite, das ist schon bemerkenswert“, berichtet die Berlinerin. „Sie werden dort in jedem kleinen Dorf Bogenschützen finden“, weiß Trainer Haidn.

Von derlei paradiesischen Zuständen ist man in Deutschland weit entfernt, wo die Liebhaber dieses Sports eine kleine Gruppe unter dem großen Dach des Deutschen Schützenbundes bilden. „Aber ich denke, dass wir auf dem Vormarsch sind“, sagt Elena Richter. Ein gutes Abschneiden in London könnte da hilfreich sein. Einfach wird das nicht. Im olympischen Frauenturnier werden Ausscheidungs- und Finalrunde über die 70-Meter-Distanz im K.o.-Modus ausgetragen. Wer sich in der Vorrunde durchsetzen und weit vorn landen kann, schießt im darauffolgenden Match gegen einen entsprechend weit hinten platzierten Konkurrenten. „Ein harter Wettbewerb“, sagt Oliver Haidn. Zumal neben den Medaillenkandidaten aus Südkorea auch die Chinesen den Bogen raushaben.

Für Erfolg braucht es vor allem eines: ausgiebiges Training. Welche Belastungen damit verbunden sind, wird von Außenstehenden gern unterschätzt. „Es ist auch ein körperlich sehr anstrengender Sport“, sagt Elena Richter und spricht von starken Belastungen für Schulterblatt und -muskulatur, aber auch für den Rücken, weil ein stabiler Stand Voraussetzung für gute Resultate ist.

Bis zu 3000 Euro für einen Bogen

Eher geläufig ist der breiten Öffentlichkeit, dass es zum Bogenschießen einer stabilen Psyche und einer guten Konzentrationsfähigkeit bedarf. Im Zen-Buddhismus gilt Bogenschießen traditionell nicht so sehr als körperliche, denn vielmehr als geistige Übung. Alles Mumpitz aus Sicht der Sportschützen? Keineswegs. Autogenes Training gehört bei Richter wie selbstverständlich zur Vorbereitung – auch wenn sie mit der philosophischen Überhöhung ihrer Disziplin eher wenig anfangen kann. Der Leistungssport-Aspekt kommt Deutschlands bester Bogenschützin dabei zu kurz. Und das ausgeklügelte Sportgerät auch. „Wer sich so einen Bogen mal ansieht, der wird ganz schnell erkennen: Das hat mit einem Flitzebogen nicht mehr sehr viel zu tun. Das ist Hightech.“ Dafür ist ein Flitzebogen kinderleicht herzustellen und kostet so gut wie nichts. Ein Hightech-Gerät wie das, dessen sich Richter im olympischen Wettkampf bedienen wird, ist hingegen so teuer wie ein gutes Rennrad: 2.500 bis 3.000 Euro.

Auf der schönen, von zwei Tribünen flankierten Anlage in der Weltmetropole wird den Bogenschützen während der olympischen Wettkämpfe sicher mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden als sie außerhalb Südkoreas gewohnt sind. Richter freut sich auf das große Abenteuer. Als Teilnehmerin der Universiade vorigen Sommer im chinesischen Shenzhen hat sie auch schon einen Vorgeschmack auf gemeinsame Unterbringung und Verpflegung der Athleten aus aller Welt im olympischen Dorf erhalten.

Was der Berlinerin nun noch zum persönlichen Glück fehlt, ist ein überzeugender Wettkampf. „Ich möchte eine gute Vorkampfplatzierung erreichen. Dann würde ich danach erst mal auf eine schwächere Gegnerin treffen. Was dann letztendlich herauskommt, wird man sehen. Ich möchte einfach zufrieden davongehen können.“ Dabei sein ist halt doch nicht alles.

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