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Dortmund vs. Leipzig So nah und doch so fern

Das Verhältnis zwischen Dortmund und Leipzig ist (noch) von Distanz geprägt, dabei werden sich beide zwangsläufig ähnlicher.

03.02.2017 07:14
BVB-Juwel: Ousmane Dembélé. Foto: Jan Huebner

Die Mappe mit dem Bullenlogo klemmte schon unter dem Arm, weil Oliver Mintzlaff eigentlich im Aufbruch begriffen war. Gerade hatte der Vorstandsvorsitzende von RB Leipzig einen bemerkenswerten Vortrag auf dem Sportbusinesskongress in Düsseldorf gehalten und keinen Zweifel an den ehrgeizigen Ambitionen in der „Alpha-Branche“ gehalten, wie Mintzlaff die Bundesliga nannte, weil dort so viele Alphatiere unterwegs seien. Mit einem, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, gilt das Verhältnis als so schwierig, dass es nicht vorstellbar wäre, sich einträchtig für einen gemeinsamen Talk auf ein Sofa zu setzen, so wie es Watzke und Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge einen Tag zuvor getan hatten.

Wie ist die Beziehung zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig, die sich nun im Topspiel (Samstag 18.30 Uhr) duellieren? „Ein respektvolles, normales Verhältnis“, berichtete der 41-jährige Mintzlaff artig, aber dem Fußballchef des Red-Bull-Konzerns war anzusehen, dass er sich gerade in Diplomatie übte. Ein „paar Sätze Smalltalk“ kämen mit Watzke zustande. Immerhin. Aber zumeist reden die Rivalen, den am ehesten zugetraut wird, einmal die Dominanz des FC Bayern im Meisterschaftskampf zu durchbrechen, über- statt miteinander.

Als die Leipziger Führungscrew vor dem allerersten Bundesligaheimspiel der jungen Geschichte eine Einladung zum Essen an die Dortmunder Delegation um Liga- (und BVB-)Präsident Reinhard Rauball aussprach, sagte die Gegenseite ab. Der Aufsteiger gab die Antwort dann auf dem Platz: Der Last-Minute-Sieg (1:0) vom zweiten Spieltag sollte so etwas wie das Erweckungserlebnis werden. Mittlerweile hecheln die Westfalen den Sachsen elf Punkte hinterher.

Watzke bedient sich längst einer weniger forschen Tonart. Wo der gebürtige Sauerländer früher flapsig über „das Performen einer Dose“ lästerte, hört sich das heute differenzierter an: „Dass ich den Grundsätzen des Systems RB Leipzig kritisch gegenüberstehe, ist ja keine neue Erkenntnis. Ich habe gesagt: Die Eingangsidee war nicht das Fußballspielen.“ Der 57-Jährige gibt sich inzwischen als „zwiegespalten“ in der Frage nach der Existenzberechtigung des Emporkömmlings. Tenor: Modell Rasenballsport Leipzig nein, Aushängeschild für diese Region ja. Und: Die handelnden Personen verdienten allerhöchsten Respekt – Trainer Ralph Hasenhüttl und Sportdirektor Ralf Rangnick zuvorderst. Und: „Sie haben eine Topmannschaft.“ Eine, die trotz ihrer geringen Erfahrung viel stabiler, vor allem widerstandsfähiger wirkt. Rangnick konterte den Watzke-Vorwurf rückwirkend, dass Dortmund dann ja „gegen elf Dosen verloren hat“. Und wird nicht am Borsigplatz bei allen Kapitalisierungs- und Kommerzfragen gerne verdrängt, dass der einzige börsennotierte Bundesligist zur Jahrtausendwende einen dreistelligen Millionenbetrag von den Anlegern eingesammelt hat?

Vielleicht beäugen sich zwei Verfolger deswegen so argwöhnisch, weil sie sich zwangsläufig immer ähnlicher werden. Beide beschreiten im Windschatten des europäischen Finanzadels den Weg, sich weltweit lieber um die Toptalente zu kümmern. Gerne in der Preisklasse zwischen sieben und 15 Millionen Euro, und zwangsläufig fischen die Vereine vermehrt im selben Teich.

„Haben keine andere Chance“

Nach dem pfeilschnellen BVB-Juwel Ousmane Dembélé hatte sich auch Leipzig erkundigt, am torhungrigen Jungbullen Timo Werner – der grippekrank das Spitzenspiel verpasst – war auch Dortmund interessiert. Im Umkehrschluss soll der Brauseklub den 18 Jahre alten Christian Pulisic auf dem Radar gehabt haben, der jüngst bei den Schwarz-Gelben bis 2020 verlängert hat.

Jung, dynamisch, entwicklungsfähig – das ist mehr und mehr das spezielle BVB-Beuteschema. „Wir haben keine andere Chance“, betont Sportdirektor Michael Zorc, „zu den fünf, sechs Topklubs in Europa fehlen uns 200 Millionen Euro Umsatz und 100 Millionen mehr Gehaltsbudget.“ Kollege Rangnick stellt also nicht zu Unrecht fest, dass Dortmund „transfertechnisch einen ähnlichen Weg“ gehe: „Offensichtlich hat sich der BVB auch dieses Thema ‚Jugend forscht‘ aus Überzeugung auf seine Fahnen geschrieben.“ Ganz sicher sogar: Sonst wäre nicht in diesem Winter der erst 17-jährige Schweden Alexander Isak gekommen.

Dass es beim Scouting der Hochbegabten, beim Buhlen um die Stars von morgen bald zu viel mehr Überschneidungen kommt, versteht sich fast von selbst. Vor allem, wenn beide Vereine kommende Saison mit dem Lockmittel Champions League an Berater und Spieler herantreten. Doch die Gemeinsamkeiten bei der Ausrichtung dürften nicht viel daran ändern, dass ein traditionsreicher Verein wie der 1909 gegründete BVB mit seinem mehr als 145 000 Mitgliedern nicht warm wird mit einem 2009 geschaffenen Red-Bull-Gebilde, in dem nur eine Gruppe von 17 Auserwählten mitbestimmen darf. Daher gilt: So nah und doch so fern.

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