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Doping Wada Nada Frostige Kommentare

In der Erfurter Dopingaffäre erhebt Wada-Generaldirektor David Howman schwere Vorwürfe gegen die Nationale Antidopingagentur Nada. Howmann fügt damit der an Peinlichkeiten reichhaltigen Geschichte der Nada ein neues Kapitel hinzu.

04.06.2012 21:17
Grit Hartmann
Böses Blut. Die Wada sieht sich durch die Erfurter Affäre von deutscher Seite in Bedrängnis gebracht. Foto: dapd

David Howman, der Generaldirektor der Welt-Antidopingagentur Wada, wirkt erschöpft, aber konzentriert. Diese Sache klarzustellen – das ist dem Neuseeländer so wichtig, dass er dafür einen 13-Stunden-Flug nach Deutschland auf sich genommen hat. Für zwei Interviews und zweieinhalb Stunden sitzt er am frühen Montagmorgen in einem Hotel am Frankfurter Flughafen, bevor er wieder in den Flieger steigt.

Um die Affäre am Erfurter Olympiastützpunkt geht es, um den Ruf der Institution Wada und auch um seinen eigenen. Denn Howman hatte im Februar erklärt, die Bestrahlung von Sportlerblut mit UV-Licht sei wohl Blutdoping, sie stehe seit Jahren auf der Verbotsliste. Das galt, bis die Nationale Antidopingagentur Deutschlands (Nada) vor vier Wochen eine Kehrtwende der Montrealer Betrugsbekämpfer verkündete: Die Erfurter Praktiken, hieß es nun, seien erst ab 2011 von den Dopingregeln erfasst.

„Die Nada hat uns in eine Situation manövriert“

Das sorgte selbst bei Wada-Präsident John Fahey für Irritation. „Er hat mich damit beauftragt“, sagt Howman, „den Fall noch einmal persönlich zu durchleuchten und dem Exekutivkomitee ein Positionspapier vorzulegen.“

Das Resultat der Akteneinsicht war wenig erfreulich: „Eine Menge ist schiefgelaufen in der Kommunikation.“ Vor allem dies: „Wichtige Informationen“ halte die deutsche Agentur bis heute zurück. Und Howman, der drei Jahrzehnte als Anwalt tätig war, weiß, was wichtig ist: „Beispielsweise haben wir die Ermittlungsunterlagen der Staatsanwaltschaft nie zu Gesicht bekommen. Das ist okay. Aber man sollte dann von uns keine Meinung erwarten.“

Der an Peinlichkeiten reichhaltigen Geschichte der Nada ist damit zweifellos ein neues Kapitel hinzugefügt. Mehr noch aber hat den Wada-General ein anderer Umstand verärgert. Ihm ist nicht entgangen, wie eilig die Bonner Agentur dem Wada-Bescheid folgte: Nada-Chefin Andrea Gotzmann flötete sogleich, ihre „überlegte Vorgehensweise“ sei richtig gewesen.

„Die Nada muss jetzt ihren Job machen.“

Von 30 Athleten, deren Blut der Erfurter Arzt Andreas Franke seit 2005 manipuliert hatte, blieben nur noch jene zwei, gegen die ohnehin Verfahren laufen: die Eisschnellläuferin Judith Hesse und der Radler Jakob Steigmiller. Howman kommentiert das frostig: „Die Nada hat uns in eine Situation manövriert, in der wir nicht sind. Sie hat suggeriert, die Wada entscheide. Das ist komplett falsch. Ein Sportgericht hat zu entscheiden.“

Das gelte, daran lässt Howman keinen Zweifel, auch für Athleten, die ihr Blut vor 2011 in Erfurt manipulieren ließen: „Ich empfehle, einen Fall für ein Dopingverfahren herauszugreifen. Die Nada muss jetzt ihren Job machen.“ Aufgabe der Wada sei es, zu beobachten und dann gegebenenfalls beim Weltsportgerichtshof CAS in Berufung zu gehen.

Die fragwürdige Bewertung des Dopingskandals im eigenen Haus kann Howman freilich auch nicht wegreden. Durchgesickert ist, dass bei weitem nicht alle Mitglieder des für die Verbotsliste zuständigen Komitees, das angeblich die Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt hat, befragt worden sind. Dessen Vorsitzender, der Brite Richard Budgett, soll gar geglaubt haben, in Erfurt seien Sportler über die Haut mit UV-Licht bestrahlt worden. Howman will das nicht bestätigen, sagt aber: „Der Kern ist, dass keiner unserer Experten alle Fakten auf dem Tisch hatte.“
Was also ist die Auskunft der Wada noch wert? „Da uns Informationen fehlten, ist diese Einschätzung hinfällig. Unvollständige Informationen ergeben keine finale Antwort. Sie ist nichts wert.“

„Denkfehler“

Der Neuseeländer lässt sich durchaus auch auf die komplizierteren Fragen der Causa ein, etwa auf die Argumente einiger früherer Gutachter der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Sie berufen sich auf die Überschrift über dem Blutdoping-Paragrafen in der Wada-Verbotsliste ? Verbesserung des Sauerstofftransports, lautet sie. Da die Manipulation von 50 ml Blut den Sauerstofftransfer nicht erhöhe, seien die Erfurter Praktiken bis zu einer Regelpräzisierung Anfang 2011 erlaubt gewesen.

Howman hält das für einen „Denkfehler“. Jeder Anwalt, der Gesetze zu interpretieren habe, wisse, dass es auf den Gesetzestext ankomme, nicht auf die Überschrift. „Der Text sagt klar, was unter Blutdoping zu verstehen ist. Blutdoping ist der Gebrauch von Blut und Produkten aus roten Blutzellen.“ Das habe aber nicht er, sondern ein Schiedsgericht zu entscheiden.

Howmans Botschaft ist also klar. Und für die Bonner Nada – die eher Interesse an der Vermeidung eines Dopingskandals demonstrierte als an der Ahndung von möglichen Dopingfällen ? herrscht Erklärungsnotstand. Vor allem vor dem Hintergrund, dass das Bundesministerium des Innern (BMI), mit Erfurt als Dopingfinanzier in der Kritik, von Anfang an eine „nicht eindeutige Verbotslage“ reklamierte, um weitere Dopingverfahren abzuwenden.

Auch DOSB-Präsident Thomas Bach legte die Interpretation nahe, die Blutbehandlungen seien erst ab 2011 verboten. Ein größerer Skandal so kurz vor den Londoner Spielen, gar die fällige Debatte über Dopingmentalität an einem deutschen Olympiastützpunkt, passte erkennbar wenig ins Konzept ? weder dem BMI noch Bach, der im nächsten Jahr IOC-Präsident werden möchte.

Womöglich für London nominierte Radsportlerin streichen

Dass die Medaillenzählerei in der deutschen Sportfamilie seit je schwerer wiegt als der „saubere Sport“, den Bach gerade bei der ersten Nominierungsrunde fürs Olympiateam fromm beschwor, verdeutlicht ein weiterer Fakt, der nun neue Brisanz gewinnt: Aus dem „härtesten Konkurrenzkampf, den es je gegeben hat“ (Bach über London), wird der DOSB womöglich eine bereits nominierte Radsportlerin wieder aussortieren müssen. Sie gilt als Medaillenkandidatin – und zählte 2010 zu Frankes Kunden.

Howman jedenfalls sagt auch zu diesem speziellen Fall: „Wenn es Vorwürfe gibt gegen Olympiateilnehmer, sollten diese Vorwürfe mit großer Dringlichkeit behandelt und vor ein Sportgericht gebracht werden.“

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