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Doping in Spanien Weckruf in einem anderen Land

Spanien zeigt nach der Verhaftung einer Hindernisläuferin Reife im Dopingkampf. Statt Desinteresse wird die einstige Landesheldin als "Lügnerin" bezeichnet. Bei einer Razzia wird eine Dopingkette ausgehoben. Unter den Verdächtigen: Der mutmaßliche Dopingarzt Eufemiano Fuentes.

10.12.2010 16:33
Ronald Reng
Unter Dopingverdacht: Hindernisläuferin Marta Dominguez Foto: REUTERS

Ihr Frauenarzt hatte Marta Domínguez strikte Ruhe verordnet. Die Schwangerschaft erweist sich auch im vierten Monat als kompliziert, deshalb sollte Domínguez die nächste Woche im Bett verbringen.

Aber die spanische Polizei erkundigte sich nicht bei Domínguez’ Frauenarzt. Sie holte die Weltmeisterin im 3000-Meter-Hindernislauf am Donnerstag nach einer Fruchtwasseruntersuchung im Río-Carrión-Krankenhaus von Palencia ab und verhörte sie acht Stunden auf dem Revier, bevor sie sie wieder auf freien Fuß setzte ? mit der Auflage, sich für weitere Verhöre zur Verfügung zu halten.

Von ihren Aufgaben als Vizepräsidentin des spanischen Leichtathletik-Verbandes RFEA wurde sie vorübergehend entbunden. Domínguez wird verdächtigt, mit Dopingsubstanzen zu handeln. Dass sie diese Mittel selbst nahm, ist die unausgesprochene Anklage.

Auch die Netten, Charmanten dopen

Für Spanien ist der Fall eine Offenbarung wie für Deutschland die positive Dopingprobe des Olympiasiegers im 5000-Meter-Lauf, Dieter Baumann vor elf Jahren: Auch die Netten, Charmanten dopen.

Marta Domínguez, 35, war das Symbol der modernen spanischen Frau, die mit Leidenschaft und Zähigkeit alle Hindernisse überwindet. Zweimal wurde sie Europameisterin über 5000 Meter. Als die Beine sie nicht mehr ganz so schnell trugen, stieg sie 2008 auf die Hindernisdistanz und offenbar auf die schiefe Bahn um. Sie wechselte den Trainer und damit zum Doping, so stellt es jedenfalls ihr ehemaliger Coach da: Ihr neuer Trainer César Pérez sei „der Kleindealer“ des mutmaßlichen Dopingarztes Eufemiano Fuentes.

Eine komplette Dopingkette wurde bei der Razzia am Donnerstag ausgehoben, 14 Verdächtige wurden verhaftet, von der Athletin über Trainer, Manager, Zwischenhändler bis hin zu jenem Fuentes, der jahrelang die weltbesten Radfahrer wie Jan Ullrich, Ivan Basso oder Alberto Contador mit Stoff versorgt haben soll, und seiner Schwester Yolanda. Getuschelt wurde schon länger, Fuentes sei trotz seiner Enttarnung in der Operación Puerto 2006 längst wieder im lukrativen Doping aktiv. Die Polizei kam ihm im April erneut auf die Spur.

Fuentes wohl wieder aktiv

Fuentes hatte Spanien ungestört als Doping-Freihandelszone etablieren können, weil die Justiz, Sportverbände und Öffentlichkeit in einer Mischung aus Desinteresse, Komplizentum und Inkompetenz Betrug im Sport duldeten. Eine Aufsteigernation wollte sich den Rausch ihrer vielen Sporterfolge nicht durch schlechte Nachrichten nehmen lassen und machte einfach die Augen zu.

Doch als Spanien am Morgen nach den Verhaftungen erwachte, stellte es fest, dass es ein anderes Land geworden ist. Wo vor zwei, drei Jahren eine überführte Landesheldin noch patriotisch blind verteidigt worden wäre, schrieb die größte Sportzeitung Marca nun auf Seite eins: „Marta war auch eine Lüge.“ Kein Kollege stellte sich an ihre Seite.

„Es war ein offenes Geheimnis, endlich ist es draußen. Viele von uns freuen sich unendlich“, sagte 5000-Meter-Läufer Jesús España zu Domínguez’ Festnahme. Als Sportnation wurde Spanien bereits erwachsen, nun legt es offenbar auch die unkritisch anhimmelnde Kinderperspektive auf seine Sieger ab. Dank des neuen Dopinggesetzes von 2009 wird der Fuentes-Ring kaum noch mal davonkommen.

„Biologische Nachsorge“

Das Erstaunlichste ist, dass der Fuentes-Ring seit den 80er-Jahren bestand, dem Zeitalter des ungestörten Dopings. Hauptpartner des Arztes war wohl der Leichtathletik-Trainer Manuel Pascua. Zu ihm kam schon über die Grenze des Kalten Krieges hinweg die Tschechoslowakin Jarmila Kratochvílová, deren 800-Meter-Monsterweltrekord wie ein Mahnmal gegen Doping überdauert. Heute betreut Pascua die Mittelstrecken-Europameisterin Nuria Fernández. „Biologische Nachsorge“ nannten Fuentes und Pascua ihr Programm.

Marta Domínguez hätte am Freitag in ihrer Stadt als Sportlerin des Jahres geehrt werden sollen. Als ihre Mutter Paquita am Donnerstag ein großes Aufgebot von Reportern vor dem Haus ihrer Tochter sah, ging sie hinüber und fragte die Journalisten freundlich: „Sind Sie alle wegen der Ehrung hier?“

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