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Doping Abwarten und herunterspielen

Der Erfurter Dopingskandal bringt nicht nur Athleten, Ärzte und Funktionäre in Bedrängnis - sondern auch die Nationale Antidoping-Agentur.

15.01.2012 19:07
Von Grit Hartmann
Im Fokus der Ermittler: Eisschnellläufer, aber zudem auch Radsportler und Leichtathleten. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Die Affäre sorgt im deutschen Spitzensport derzeit für helle Aufregung: Es geht um den Verdacht auf Blutdoping bei Topathleten aus mehreren Sportarten, ausgehend vom Zentrum des Fördersystems, von einem Olympiastützpunkt (OSP). Auslöser ist ein laufendes Ermittlungsverfahren der Erfurter Staatsanwaltschaft gegen einen Mediziner. Der Doktor war Vertragsarzt am OSP Thüringen. Er galt als Koryphäe; nicht nur Sportler aus Erfurt pilgerten zu ihm. Und er soll jahrelang ihr Blut manipuliert haben.

Doch die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) hält sich bedeckt. Nur wenig gibt sie preis zur Frage, wie sie sportrechtlich umgeht mit der Strafsache gegen den Arzt: Die Nada sei „frühzeitig über das grundsätzliche Vorgehen der Staatsanwaltschaft informiert“ gewesen und habe zudem „eigene Ermittlungen angestellt“. Ein Disziplinar-, sprich: Dopingverfahren laufe bereits.

Dritter und letzter Satz der offiziellen Antwort an anfragende Medien: „In anderen Fällen prüfen wir dies.“

UV-Bestrahlung des Blutes

Dass die Nada sonderlich energisch prüft, darf bezweifelt werden. Die Agentur ist nämlich nicht bloß „über das grundsätzliche Vorgehen“ der Thüringer Ermittler informiert. Hannes Grünseisen, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Erfurt, sagt: „Die Nada hat bei uns vollumfänglich Akteneinsicht in das Verfahren gegen den Mediziner genommen.“ Und in den Akten findet sich nach Informationen dieser Zeitung mindestens ein zweiter glasklarer Dopingverstoß. Er ist so unmissverständlich, dass sich die Frage aufdrängt: Was genau prüft die Nada eigentlich und wie lange braucht sie noch dafür?

Das Verfahren gegen den Arzt war noch von der Doping-Schwerpunktstaatsanwaltschaft München I eingeleitet und schon Ende 2010 nach Erfurt abgegeben worden. Sie stieß bei den Ermittlungen gegen unbekannt im Fall Claudia Pechstein auf die Umtriebe des Mediziners. Die Münchner stellten bekanntlich ihr Verfahren im vorigen Sommer ein. Da ermittelten die Erfurter Kollegen längst mit Hochdruck gegen den Arzt, der für den Olympiastützpunkt Eisschnellläufer, Radsportler und Leichtathleten betreute.

Im April 2011 marschierten sie mit einem Durchsuchungsbefehl in der Praxis des Arztes und im Olympiastützpunkt am Steigerwald ein.

Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, lautet der Vorwurf. Der Doktor soll eine Methode praktiziert haben, die nach dem Kodex der Welt-Antidoping-Agentur als Doping gilt: UV-Bestrahlung des Blutes. Dafür wird Blut entnommen, bestrahlt und wieder injiziert. Angeblich verbessert dies den Sauerstofftransport.

Entlarvendes Telefonat

Nach Informationen dieser Zeitung wurden in der Arztpraxis verräterische Computerdateien beschlagnahmt. Sie dokumentieren zum Beispiel, dass ein Topathlet schon im Jahr 2005 den Blut-Service in Anspruch nahm. Auch ein aufgezeichnetes Telefonat, schon von den Münchnern zu den Akten gegeben, entlarvt angeblich diesen Sportler: In dem empfiehlt er die Spezialität des Erfurter Doktors einem anderen Athleten. Der äußert Bedenken, fragt, ob das nicht Doping sei. Antwort des Tippgebers: UV-Bestrahlung sei doch nicht nachweisbar. Eindeutiger kann ein Höchstleister kaum formulieren, dass er dopt und sich dessen bewusst ist.

Staatsanwalt Grünseisen, nach diesen Akteninhalten befragt, sagt nur: „Das können wir nicht kommentieren.“ Zugleich weist er darauf hin, dass Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz nach fünf Jahren verjähren. Das heißt: Ein solcher Fall wäre für die Ermittlungen gegen den Arzt uninteressant.

Der Athlet würde auch nicht als Zeuge befragt – im Gegensatz zu anderen, die ab 2006 Kunden des Mediziners waren. Grünseisen sagt, bisher seien zehn Sportler gehört worden: Eisschnellläufer, Radsportler, Leichtathleten.

Nada prüft "ob Auskunft möglich sei"

Die Nada müsste sich für all das brennend interessieren: Sie hat von den drei betroffenen Spitzenverbänden das sogenannte Ergebnismanagement übernommen, entscheidet also allein über Doping-Sanktionen. Auch der handfeste Altfall aus 2005 ist sportrechtlich nicht verjährt – Dopingverstöße sind acht Jahre lang zu ahnden. Fragen zu diesem Fall konnte die Nada bisher nicht beantworten. Ihr Sprecher Berthold Mertes sicherte zu, man prüfe, „ob Auskunft möglich sei“.

Dem ersten Nada-Verfahren gegen eine Eisschnellläuferin vom ESC Erfurt müssten also weitere folgen.

Noch ist offen, bei wie vielen Athleten und seit wann der Mediziner die Eigenblut-Behandlung praktiziert hat. Hinweise darauf, dass dies jahrelang geschah, dementiert nicht einmal das Bundesministerium des Innern. Der Geldgeber auch des Thüringer Olympiastützpunktes ist über den Vorgang informiert. BMI-Sprecher Hendrik Lörges sagt, der Olympiastützpunkt habe den Mediziner „unverzüglich suspendiert“. Er sei seinen „Mitteilungs- und Handlungspflichten“ auch mit Unterrichtung des Ministeriums „umfänglich nachgekommen“. Ansonsten aber werde das BMI die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen und sportrechtlichen Ermittlungen „abwarten“.

Das klingt nach herunterspielen. Denn der Fall wirft Fragen auf, denen nachzugehen allerdings die Büchse der Pandora öffnen könnte. Die wichtigste lautet: Kann eine solche Dopingpraxis, für deren systematische Anwendung viel spricht, Funktionären und Trainern tatsächlich über Jahre hinweg entgangen sein?

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