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Diskussion um Abseitsregel Passiv-aggressive Kritik

Die Auslegung der Abseitsregel sorgt für Aufregung, Fußball-Papst Beckenbauer wünscht sich gar angesichts mancher Entscheidungen "zurück in die Steinzeit". Allerdings: Die reflexhafte Empörung ist weitgehend grundlos.

18.10.2011 17:49
Wolfgang Hettfleisch
Zum Verzweifeln: Sergio Pinto merkt, dass sein Tor nicht zählt. Nicht die Regel war schuld, sondern ein Fehler der Unparteiischen. Foto: dpa

Eigentlich hätten alle Fußballinteressierten längst Bescheid wissen müssen über die veränderte Regelauslegung zum Passiven Abseits in der laufenden Saison. Der entscheidende Satz war schon vor der Spielzeit gefallen. Man werde „die Stellschrauben zurückdrehen“, hatte Lutz Michael Fröhlich, Leiter der DFB-Schiedsrichter-Abteilung, angekündigt. Er sprach von Situationen, bei denen Spieler im Abseits stehen, die der Ball nicht erreicht.

Am Wochenende sorgte die früh angekündigte Feinjustierung gleich in drei Bundesliga-Spielen für Aufregung. Fußball-Kassandra Franz Beckenbauer sieht den Untergang des Abendlands heraufziehen und rief im kaiserlichen Haus- und Hofsender Sky zur Umkehr auf: „Zurück in die Steinzeit, wo Abseits noch Abseits war.“

Die reflexhafte Empörung, von diversen Medien geschürt, ist bei genauerer Betrachtung fragwürdig. Fröhlichs Erkenntnis aus den strittigen Szenen am Freitag in Bremen (gegen Dortmund), am Samstag in Mainz (gegen Augsburg) und am Sonntag in Köln (gegen Hannover) lautet: „Es gibt kein Problem mit der Regelauslegung. Die Schiedsrichter-Assistenten sind gut gerüstet. Ich behaupte mal, besser als je zuvor.“

"Schiedsrichterverwirrung" und "Quatsch-Regeln"

Millionen Fans, die Probleme haben, der veränderten Praxis an der Pfeife zu folgen, wird in großen Lettern ganz anderes verkauft. Von „Schiedsrichterverwirrung“ (Presseagentur dapd) und „Quatsch-Regeln“ (Bild) ist da die Rede. Im populistischen Furor wird unterschlagen, dass die drei fraglichen Situationen differenziert zu betrachten sind – und von den Verantwortlichen auch betrachtet werden.

Als Nicolai Müller am Samstag in Mainz vermeintlich die 1:0-Führung der 05er erzielte, zog der abseits postierte Eric-Maxim Choupo-Moting die Augsburger Verteidigung in Richtung Tor, was den Querpass von Marcel Risse auf Müller und damit den Torabschluss begünstigte. „Die Abwehrspieler reagieren auf den im Abseits stehenden Spieler“, erläutert der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichterkommission, Herbert Fandel. Soll heißen: Schiedsrichter Marco Fritz, der den Treffer nicht gab, lag in dieser Szene richtig. „Mainz taugt zum Musterbeispiel für die jetzige Regelauslegung“, sagt Fröhlich. Klärungsbedarf? Null.

Gleiches gilt ? unter anderen Vorzeichen ? für die vielleicht spielentscheidende Szene beim Kölner Heimsieg gegen Hannover. Als Sergio Pinto zum vermeintlichen 1:1-Ausgleich für die Niedersachsen traf, stand dessen Kollege Didier Ya Konan zwar abseits, aber so weit neben dem Kölner Kasten, dass FC-Torhüter Michael Rensing erklärte, vom 96-Angreifer nicht irritiert worden zu sein: „Das war ein reguläres Tor.“´

Problem für den Assistenten

Schiedsrichter Jochen Drees gab den Treffer fälschlicherweise nicht, nachdem sein Assistent wegen Ya Konan inbrünstig gewinkt hatte. „Aus unserer Sicht ist das falsch beurteilt worden. Der Spieler Ya Konan bindet keinen Gegenspieler und behindert auch keinen Spieler“, sagt Herbert Fandel. Klärungsbedarf? Wieder null.

Bei der Manöverkritik am Montag hielten sich die Schiedsrichter-Funktionäre deshalb auch mit diesem Beispiel nicht lange auf. Klar sei, „dass der Assistent in solchen Situationen ein Riesenproblem hat“, wirbt Fröhlich um Verständnis. Von der Außenlinie sei schwer zu beurteilen, ob ein Angreifer nun vor oder neben dem gegnerischen Tor stehe. Fandel münzt das Dilemma in eine kleine Regieanweisung an die Assistenten um: „Man muss sich da bei den Fahnenzeichen ein Stück zurückhalten.“ Der Schiedsrichter könne sich so stärker auf sein eigenes Urteil verlassen und den Ermessensspielraum besser ausschöpfen.

Gewisse Situationen würden schwieriger zu bewerten sein, hatte dem am Sonntag irrenden Drees vor der Spielzeit geschwant. Einzige Bestätigung dafür war der Treffer von Patrick Owomoyela zum 2:0 für den BVB am Freitagabend in Bremen. Der abseits stehende Robert Lewandowski orientiert sich kurz zum Ball, ist aber schon im nächsten Moment unbeteiligt und nimmt laut Fröhlich „keinen Einfluss auf das Verhalten der Abwehrspieler“. Schiedsrichter Florian Meyer, der das Tor gab, habe ergo „eher richtig entschieden“.

Zweifel an dieser Auslegung mögen zulässig sein.

Ein Grund, das Spiel zurück in die Steinzeit zu wünschen, sind sie nicht.

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