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Die WM und ihr Nutzen Gute Hoffnung

Längst diskutieren die Südafrikaner den Nutzen der Weltmeisterschaft. Bisher, so ließe sich konstatieren, tun sich die Afrikaner schwer, 2010 zu ihrem Ereignis zu machen. Von Johannes Dieterich

04.12.2009 00:12
Das Greenpoint WM-Stadion im Stadtteil Greenpoint in Kapstadt. Foto: dpa

Fast 80 Jahre lang, so lang wie die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt zurückreicht, mussten die Afrikaner auf diesen Augenblick warten: Niemals zuvor wurde dem Kontinent, auf dessen Weltklassespieler längst keiner der besten europäischen Klubs mehr verzichten mag, die Austragung eines der größten Ereignisse der Welt zugetraut.

Selbst nachdem der Weltverband Fifa am 15. Mai 2004 den Weltcup 2010 nach Südafrika vergeben hatte, rissen die von zumindest unterschwelligem Rassismus bestimmten Unkenrufe nicht ab: "Die schaffen das doch nie", lautete das auch im deutschen Blätterwald weit verbreitete Urteil.

Inzwischen glauben nur noch ganz Verstockte, dass die Tage zwischen dem 11. Juni und dem 11. Juli 2010 ein Fiasko werden: Vom Fußballfieber am Kap Angesteckte sind sogar überzeugt, dass die erste afrikanische WM die schönste überhaupt werden wird. Sämtliche zehn Stadien, einige davon wirkliche Juwele, sind bereits fertig oder stehen unmittelbar davor, fertig zu werden; mit Volldampf arbeiten Bautrupps an der Vollendung eines insgesamt 60 Milliarden Euro teuren Programms zur Verbesserung der Infrastruktur.

Nach der WM werde der Findelkontinent Afrika nicht mehr der gleiche sein, ist Fifa-Präsident Sepp Blatter sicher: Selbst wenn auch dieses Mal noch kein afrikanisches Team den 6,5 Kilogramm schweren Pokal mit nach Hause nehmen sollte, hätte der Kontinent doch einen historischen Sieg errungen. "Seit dem Ende der Kolonialherrschaft in den 60er-Jahren", meint der deutsche Afrika-Kenner Bartholomäus Grill, "gab es kein Ereignis, das das afrikanische Selbstbewusstsein mehr beflügelt hat."

Soweit die luftige Welt der Psyche, auf dem materialistischen Boden sieht es doch etwas anders aus. Während sich die Fifa-Funktionäre im sonnigen Kapstadt der Festlaune hingaben, fand zeitgleich wenige Kilometer entfernt in Stellenbosch ein Seminar internationaler Sportwirtschaftler statt, bei dem ganz andere Rechnungen aufgestellt wurden. Der ökonomische Nutzen des Mega-Ereignisses werde notorisch überschätzt, warnte der südafrikanische Sportökonom Udesh Pillay: "Der Weltcup", pflichtete ihm sein US-Kollege Stefan Szymanski bei, "wird keine Dollar vom Himmel fallen lassen."

Aufgetakelte Ladenhüter

Befürchtet wird, dass höchstens ein Teil der milliardenschweren Investititonen den Südafrikanern auch nach 2010 zu Gute kommen werden: Einige der neugebauten Arenen, zumindest in Provinzstädten wie Nelspruit oder Polokwane, werden nach dem 11. Juli zweifellos weitgehend ungenutzt als aufgetakelte Ladenhüter in der Gegend herumstehen.

Optimisten meinen, dass der Nutzen eines solchen Ereignisses nicht nur in Zahlen auszudrücken sei: Grabenbrüche in der mentalen Tektonik der Bevölkerung wie die Steigerung des Selbstbewusstseins hätten aber durchaus auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsbilanz einer Nation, auch wenn diese nicht zu messen seien. Das mag für Südafrika zutreffen, für den Rest des Kontinents aber bislang noch nicht. Von Anfang an hatten die Afrikaner Schwierigkeiten, ihr Gewicht hinter das eben erst vom Kolonialismus befreite Kap zu werfen: Alle den Kontinent repräsentierenden Fifa-Funktionäre hatten 2004 für Marokko gestimmt - und nicht für das Mandela-Land.

Noch heute tun sich die Afrikaner schwer, 2010 zu ihrem Ereignis zu machen: Aus dem Kontinent gingen erschreckend wenig Kartenwünsche ein, klagt der Chef des südafrikanischen Organisationskomitees, Danny Jordaan. Das wird sich womöglich erst ändern, wenn ein afrikanisches Team wie Ghana ins Viertel- oder dieses Mal sogar ins Halbfinale einzieht, dann aber mit der ganzen Leidenschaft, mit der der Erdteil immer wieder überrascht.

Spätestens dann wird die Welt entdecken, was der Brasilianer Pelé schon seit vielen Jahren weiß: "Die Zukunft des Fußballs ist schwarz."

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