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DFL Genörgel nervt den Ligachef

DFL-Boss Christian Seifert über die Bayern-Dominanz, finanzielle Überlegenheit und die Idee, über Olympia die Auslandsvermarktung anzukurbeln.

02.03.2016 16:11
Jan Christian Müller
Finanziell ist die englische Liga kaum zu halten: Der Augsburger Ragnar Klavan versucht es beim Liverpooler Daniel Sturridge. Foto: REUTERS

Eine erfolgreiche Teilnahme der deutschen U 21 an den Olympischen Spielen in diesem Sommer in Rio de Janeiro ist für die Fußball-Bundesliga von großer Bedeutung. Darauf hat Christian Seifert am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion in Mainz hingewiesen, an der der mächtigste Mann im deutschen Fußball gemeinsam mit Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff teilnahm. Der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga müht sich um höhere Einnahmen für den deutschen Profifußball aus der Auslandsvermarktung.

Die Bundesliga nimmt derzeit nur rund 160 Millionen Euro, ein Sechstel jener Milliardensumme ein, welche die englische Premier League Jahr für Jahr aus dem Verkauf ihrer Fernsehrechte in andere Länder erlöst. Seifert will diesen Abstand verringern, und setzt dabei auch auf das deutsche Olympia-Fußballteam: „Olympia wird auf der ganzen Welt wahrgenommen, deshalb wollen wir auch den Spagat schaffen und mit Unterstützung der Klubs eine ordentliche Olympiamannschaft nach Brasilien schicken.“ Damit alle Spieler rechtzeitig zum Saisonbeginn wieder zurück sind, startet die Bundesliga deshalb erst am allerletzten Augustwochenende nach dann dreieinhalb Monaten Sommerpause.

Seifert räumte bei der Veranstaltung anlässlich des 111. Geburtstages von Mainz 05 ein, dass es ihm schwerfalle, internationale Spiele mit Beteiligung deutscher Vereine sowie der Nationalmannschaft entspannt als Privatmann verfolgen zu können. „Ich kann bei der Europa oder Champions League nicht zuschauen, ohne an die Fünfjahreswertung der Uefa zu denken.“ Dort hat sich die Bundesliga inzwischen unter den Top-Drei-Ligen etabliert und darf deshalb Jahr für Jahr gemeinsam mit England und Spanien vier Champions-League-Teilnehmer schicken.

In der medialen Wahrnehmung findet Seifert die Erfolgsgeschichte der Bundesliga nicht entsprechend wiedergegeben: „Wenn man die Presse liest, könnte man denken, wir stünden fast vor dem Abgrund.“ Dem sei sicher nicht so, sagte der Cheflobbyist des deutschen Lizenzfußballs, auch das ständige Genörgel über angeblich zu viel Langeweile in der Bundesliga aufgrund der Überlegenheit des FC Bayern München wehrte der 46-Jährige ab: „Fragen Sie mal in Hamburg nach, ob dort die Bundesliga als langweilig empfunden wird.“ Ein paar Sorgen macht er sich aber doch angesichts der drückenden finanziellen Überlegenheit der Top-20-Klubs in Europa dank deren regelmäßiger Einnahmen aus der Champions League. „Das Hauen und Stechen um die besten Spieler nimmt dort immer mehr zu.“ Seifert appellierte an die Europäische Union: „Wie kann die EU möglicherweise die nationalen Wettbewerbe so regulieren, dass diese nicht kollabieren?“

Auch die Uefa sieht Seifert in der Pflicht, wenn diese, wie er mit unverhohlenem Sarkasmus anfügte, „hoffentlich bald wieder einen Präsidenten und einen Generalsekretär hat“. Die Uefa müsse „darüber nachdenken, die Kadergrößen zu steuern“. Es sei nicht gut, wenn ein Klub wie der FC Chelsea in der ganzen Welt Spieler aufkaufe, eine Kadergröße von mehr als 60 Profis habe und überall in Europa Farmteams unterhalte. Dem neuen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino traut Seifert einiges zu, sieht aber auch dessen Grenzen: „Die Fifa führt man nicht über Leitartikel in deutschen Zeitungen. Die lesen nämlich 206 von 209 Verbänden gar nicht.“ Auf Fifa-Ebene zu glauben, ein Präsident könne seine Linie einfach durchziehen, sei „ein Missverständnis“. Um die Fifa zu führen, bedürfe es „einer Aneinanderreihung von Kompromissen“.

Mit Blick auf die Bundesliga erhielt Mainz 05 besonderes Lob von Seifert: „Der Verein agiert seit vielen Jahren immer an der oberen Grenze seiner Möglichkeiten.“ Die Mainzer haben in dieser Saison auch dank der Schwäche von Teams wie VfL Wolfsburg, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach und Bayer Leverkusen sogar noch Chancen auf eine Qualifikation für die Champions League. Oliver Bierhoff warnte: „Sich dafür zu qualifizieren, kann auch eine Gefahr sein. Dann gehen die Gehälter hoch und die Erwartungen.“ Gerade im Zusammenhang mit dem Wechsel auf der Managerposition durch den Abschied von Christian Heidel sei das eine möglicherweise zu große Herausforderung für Mainz 05. Seifert stimmte zu: „Die Champions League ist klasse, aber wenn du sechs Klatschen kriegst, kann das zur Belastung werden.“

Künftig fünfmal montags

Der seit 2005 für die Deutsche Fußball-Liga tätige Topmanager erwartet, dass sich künftig regelmäßig drei deutsche Klubs für die Achtelfinals der Europa League sowie zwei Vereine für die Viertelfinals der Champions League qualifizieren. Die Finanzausstattung dafür sei inzwischen entsprechend hoch, mehr als neun Bundesligaklubs machen pro Saison Umsätze jenseits der 100 Millionen Euro, Mainz 05 und Eintracht Frankfurt inbegriffen.

Um zu verhindern, dass künftig, wie am vergangenen Wochenende, wegen der Europa League vier Spiele an einem Sonntag stattfinden müssen, wird ab der Spielzeit 2017/18 fünfmal an einem Montag Erstligafußball präsentiert. Zudem wird es dann immer ein Freitagsspiel in der zweiten Liga weniger und dafür am Samstag eines mehr geben. Weitere Änderungen seien nicht absehbar, sagte Seifert, der aus dem neuen TV-Vertrag 1,1 bis 1,5 Milliarden Euro erlösen will, was bis zu einer Verdoppelung der derzeit überwiesenen Summe führen könnte.

Die Premier League kassiert von der kommenden Saison an insgesamt 3,3 Milliarden Euro pro Spieljahr, über entsprechend viel Kapital verfügen auch englische Mittelklasseklubs. Seifert ist ziemlich sicher: „Es werden noch zwei verrückte Jahre kommen“, in denen diese Mittelklasseklubs erhebliche Investitionen in Ablösesummen und Gehälter tätigen werden, um einen noch viel teureren Abstieg zu vermeiden. Davon sei auch die Bundesliga betroffen. Die deutschen Topklubs sollten jedoch in der Lage sein, Offerten abzublocken, denn: „Ein Topspieler der Bundesliga wechselt nicht zum Tabellenachten der Premier League.“ Der CEO der DFL wies erfreut darauf hin: „Bis auf Schweinsteiger und de Bruyne ist der Bundesliga kein Profilspieler verloren gegangen.“

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