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DFB-Schiedsrichterreform 252 brave Claquere

Die Schiedsrichterreformen werden beim DFB-Bundestag einstimmig abgenickt. Für Zwanziger gibt es verhaltenen Applaus. Von Jan Christian Müller

10.04.2010 00:04
Von Jan Christian Müller
DFB-Präsident Theo Zwanziger Foto: dpa

Nach einer Stunde und 17 Minuten war schon alles vorbei, und auch Ehrengast Joachim Löw konnte sich wieder trollen. Ganz schnell hatten 252 Delegierte brav ihr Stimmkärtchen gehoben und die Reform des deutschen Schiedsrichterwesens, um die es im Vorfeld so lautstarken Trommelwirbel gegeben hatte, abgenickt. Nicht einer aus der zweieinhalbfachen Hundertschaft der Claqueure hatte sich zuvor zu einer Wortmeldung durchringen können beim 180.000 Euro teuren Außerordentlichen Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes im Frankfurter Flughafenhotel.

Kein Wunder, dass der zuvor wochenlang im medialen Feuer stehende DFB-Präsident Theo Zwanziger hinterher schwer zufrieden war: "Ich hatte nicht unbedingt erwartet, dass alles einstimmig verabschiedet wird." Andererseits kennt der mächtigste Mann im deutschen Fußball, der seit nunmehr sechs Jahren an der Spitze des DFB steht, seine Pappenheimer aus den Landesverbänden des 6,7-Millionen-Mitglieder-Verbandes natürlich sehr genau. Der 64-Jährige wusste also, was zu tun ist. Darum hatte er am Gründonnerstag eigens seinen Osterurlaub in Hockenheim unterbrochen und die einflussreichen Bosse der Regionalverbände in einer dreistündigen Unterredung auf einen gemeinsamen Kurs eingeschworen.

Zwanziger, der für seine 19-minütige Rede nur gedämpften Beifall erhielt, ging also erwartungsgemäß gestärkt aus der Veranstaltung am Freitagnachmittag hervor. Auch deshalb, weil der neue starke Mann der deutschen Schiedsrichter, Herbert Fandel, in Abwesenheit seines noch bis 21. Mai amtierenden Vorgängers Volker Roth in einem leidenschaftlichen Vortrag seine Sicht der Dinge darstellte. Seine Kernpunkte nach der noch nicht überstandenen Affäre um den zurückgetretenen Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell und den angehenden Fifa-Unparteiischen Michael Kempter: "Wunschansetzungen von Schiedsrichtern wird es nicht mehr geben", "Frontalunterricht ist nicht mehr modern", "Schiedsrichter sind Hochleistungssportler, die entsprechend betreut werden müssen" und "Persönlichkeit ist wichtiger als jugendliches Alter".

Zuletzt waren immer wieder Beschwerden von der Basis, an der 78.000 Schiedsrichter tätig sind, an Fandel herangetragen worden. Im DFB, so die Vorhaltungen, sei geradezu ein "Jugendwahn" ausgebrochen. Fandel will gegensteuern. Eine Blitzkarriere wie die von Michael Kempter, der mit 23 Jahren jüngster deutscher Bundesligaschiedsrichter geworden war, dürfte es auf absehbare Zeit im DFB nicht mehr geben.

Profi-Unparteiische, die keinem anderen Beruf mehr nachgehen, sollen in den deutschen Bundesligen zunächst nicht pfeifen. Hellmut Krug, der als Vertreter der Deutschen Fußball Liga entscheidend am Reformpaket mitgearbeitet hatte, sagte dazu auf FR-Anfrage: "Wir glauben nicht, dass das zu einer Leistungsverbesserung führen würde. Denn wir können keinem Spitzen-Schiedsrichter garantieren, dass er 15 Jahre lang auf höchstem Niveau pfeifen darf." Krug fürchtet, dass die "nervliche Belastung durch die Furcht vor Arbeitslosigkeit blockierend wirken könnte". Ergo: "Schiedsrichter müssen ein zweites Standbein haben und damit ein Gefühl der Sicherheit."

Unüberhörbare Kritik am Dachverband übte derweil der für Amateurangelegenheiten zuständige Vize-Präsident Hermann Korfmacher aus Gütersloh. Er lobte zwar das vom DFB regelmäßig zur Verfügung gestellte gute Werbematerial zur Schiedsrichtergewinnung, rügte aber auch: "Die Basisarbeit muss noch sichtbarer werden." Es sei "unbefriedigend" gewesen, sich zuletzt in den brisanten Schiedsrichterfragen "aus der Presse informieren" zu müssen. Und dann sagte Korfmacher noch einen schönen Satz, der die Missstände womöglich am prägnantesten zusammenfasste: "Nicht immer in den letzten Jahren waren die Lanzen der Regionalverbände gleich lang."

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