Lade Inhalte...

DFB-Pressesprecher Harald Stenger "Intensive Gespräche in der Sauna"

Nach dem Länderspiel Deutschland gegen Argentinien wird Harald Stenger zum letzten Mal die Pressekonferenz leiten. Im Interview spricht er über besondere Erlebnisse bei der Nationalmannschaft, seine Sauna-Freundschaft mit Lukas Podolski und unsachliche Kritik der Medien.

15.08.2012 16:08
Harald Stenger leitet zum letzten Mal die DFB-Pressekonferenz. Foto: AFP

Seine erste Weltmeisterschaft als Pressesprecher der Fußball-Nationalmannschaft erlebte Harald Stenger 2002 in Japan und Südkorea. Insgesamt war der Frankfurter bei sieben Turnieren dabei. Am diesem Mittwoch wird er zum letzten Mal die Pressekonferenz nach einem Länderspiel leiten.

Herr Stenger, was werden Sie am meisten vermissen?

Viele freundschaftliche Kontakte und auch die ebenso intensive wie attraktive Arbeit praktisch rund um die Uhr. Das wird ein Einschnitt werden. Es gab zwar schnell einige Angebote, nachdem bekanntgeworden war, dass mein Vertrag nicht verlängert wird, aber ich bin derzeit nicht in der Lage, mich damit zu beschäftigen. Dazu habe ich mich mit der Nationalmannschaft viel zu sehr identifiziert.

War die Nationalmannschaft wie eine Ersatz-Familie für Sie?

Es war eine intakte Gemeinschaft mit einem familiären Charakter. Ein Beispiel: Abends um elf haben wir uns stets mit allen Betreuern an der Bar getroffen. Als ich im EM-Trainingslager in Frankreich eine Viertelstunde später aus meinem Büro kam, war niemand da. Ich schaute verdutzt in die Gegend und der Barkeeper reagierte sofort: „Ihre Familie sitzt heute draußen auf der Terrasse.“ Das sagt alles über die Atmosphäre.

Legendär sind Ihre Saunagänge mit Lukas Podolski. War das eine besondere Beziehung?

Wir haben uns immer sehr gut verstanden. Aber nicht nur Lukas war mein Saunapartner, bei der EM in Polen bestand die Saunagemeinschaft aus etwa zehn Spielern, Per Mertesacker und Tim Wiese waren fast immer dabei. Die Saunaabende haben alle genossen. Da kam es regelmäßig auch zu tiefgründigen, intensiven Gesprächen, nicht nur über Fußball.

Sie haben die Nationalmannschaft auf sieben Turnieren als Pressesprecher begleitet. Welche Erlebnisse sind am tiefsten haften geblieben?

Sicher die Begebenheiten nach dem Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale der WM 2006. Ich fand mich auf einmal mit ausgebreiteten Armen mitten im Getümmel zwischen Oliver Bierhoff und einigen Argentiniern wieder, die mir ständig in die Beine getreten haben. Außerdem die Vize-Weltmeisterschaft 2002 in Yokohama unter Rudi Völler …

… mit einer Mannschaft, von der eine solche Leistung niemand erwartet hatte.

Ja, mit einer Mannschaft, die ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl entwickelt hatte. Den Empfang nach der Rückkehr auf dem Frankfurter Römerberg, in meiner Heimatstadt, werde ich nie vergessen. Und Südafrika 2010 war auch ein Höhepunkt. Ohne pathetisch zu sein: Da wurde ein junges Multi-Kulti-Team geboren, das auch spielerisch glänzte und in der internationalen Presse nicht nur dafür, sondern auch für das von ihr vermittelte neue Deutschland-Bild gelobt wurde. Es war eine gelungene Fortsetzung dessen, was schon bei der WM 2006 begonnen hatte. Dass ich daran mitwirken durfte, ist ein Geschenk des Himmels.

Es heißt, Sie hätten nach dem Argentinien-Spiel die Polonaise durchs Hotel angeführt?

Damals sind alle nach dem Motto „Black And White Together“ durchs Hotel getanzt. Erst hatten die afrikanischen Hotelangestellten bei unserer Ankunft vom Flughafen eher traurige afrikanische Lieder gesungen, und da habe ich die „Shosholoza“ angestimmt und dann die Polonaise angezettelt.

Was hat sich verändert zwischen 2001 und 2012?

Der Medienhype ist größer geworden und damit die Gefahr, dass durch das Tempo in der digitalen Gesellschaft immer oberflächlicher berichtet wird. Umso mehr schätze ich hintergründige Kommentare und Analysen, aber ich sehe den Trend zum Infotainment und zum Schwarz-Weiß-Denken. Eine Berichterstattung, die dazu führt, dass Spieler, die vorher noch zu Helden gemacht wurden, plötzlich als Deppen dastehen. Niemand sollte glauben, dass das den Jungs nicht unter die Haut geht.

Sie haben die Trainer Rudi Völler, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw erlebt, wenn auch nicht in der Sauna. Was bleibt?

Völlers Vater war Dreher, Klinsmanns Vater war Bäckermeister, Löws Vater war Ofensetzer, meiner Steinmetzmeister – von daher gab es bei allen Trainern eine gemeinsame Basis. Wir alle wissen, dass man sich nie wichtiger nehmen darf als man ist. Über Rudi habe ich den ersten Artikel auf dem Bieberer Berg für die Frankfurter Rundschau geschrieben, als er 17 war. Seitdem haben wir ein glänzendes Verhältnis. Bei Jürgen hat es öfter mal geknistert, aber seine Konsequenz schätze ich heute mehr denn je. Bei Jogi hat mich seine innere Ruhe fasziniert. Ich bin ihm dankbar, dass er sich mit Oliver Bierhoff nach der WM 2010 so stark für mich gemacht hat, denn eigentlich sollte ich ja schon damals beim DFB gehen.

Das hat er jetzt nicht getan.

Das stimmt meines Wissens nicht. Das Verhältnis zu Jogi Löw wird jedenfalls nicht leiden.

Sie haben an der Seite von Ex-Präsident Theo Zwanziger Akzente gegen Rassismus und für Integration gesetzt.

Deshalb bedanke ich mich auch sehr herzlich für die etwa ein Dutzend Briefe und Mails, die ich aus der rechten Ecke erhalten habe von Menschen, die mich zum Abschied nochmals anonym beschimpft haben. Diese Schreiben empfinde ich als Anerkennung.

Wird bei der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Argentinien ein Kloß im Hals stecken?

Wenn es so kommen sollte, würde ich mich meiner Tränen bestimmt nicht schämen.

Das Gespräch führte Jan Christian Müller.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen