Lade Inhalte...

DFB Nationalmannschaft Vom Wesen der Standardsituation

Assistent Hansi Flick setzt sich durch: Bundestrainer Löw lässt bei der Nationalmannschaft Freistöße und Ecken trainieren. Der Grund ist offensichtlich: In der Statistik liegt die DFB-Auswahl hinsichtlich des Abschluss nach Freistößen oder Eckbällen weit unter dem Durchschnitt.

06.06.2012 15:24
Jan Christian Müller
Mats Hummels beim Kopfball. Foto: dpa

In seinem Internetauftritt lässt der Deutsche Fußball-Bund keinen Zweifel: Tore nach Ecken oder Freistößen zählen genauso wie nach wunderbaren Flachpass-Kombination. Man hatte daran zuletzt zweifeln können, derart deutlich war des Bundestrainers Abneigung, für das Trainieren von Standardsituationen Zeit zu opfern. Joachim Löw tat gerade so, als seien Standards so modern wie Stummfilme mit Charly Chaplin.

Auf der DFB-Internetseite „Praxis“ heißt es dagegen: „Die WM in Südafrika hat den Eindruck erneut bestätigt: Die Möglichkeiten hinsichtlich Standardsituationen in Tornähe sind längst noch nicht ausgereizt. Immer noch werden viel zu selten Freistöße oder Eckbälle gefährlich vor das Tor gebracht und Treffer nach Standards erzielt. Der DFB studiert mit seinen U-Nationalmannschaften regelmäßig neue Varianten ein bzw. festigt die Automatismen bekannter Abläufe.“

Zur Not eben mit Brachialgewalt

Die Ratschläge kommen aus dem Hause Matthias Sammer, der für die Junioren-Nationalmannschaften verantwortlich ist. Komischerweise hat der DFB-Sportdirektor nach dem durch die Standardsituationen Eckstoß Mata/Kopfball Drogba (mit exakt einstudierten Laufwegen und Wegblocken von Gegenspielern) und Elfmeterschießen herausgearbeiteten Sieg des FC Chelsea im Champions League-Finale gegen Bayern München von einer „Katastrophe für den Fußball“ gesprochen.

Dabei ist Sammer doch immer derjenige gewesen, für den ein Titel das Maß aller Dinge darstellte; zur Not eben mit Brachialgewalt und purem Willen erzwungen, wie die Europameisterschaft 1996 mit ihm selbst als Anführer.

Interessant vor diesem Hintergrund, dass die Bayern im Endspiel gegen Chelsea aus 20 Ecken und fast genauso vielen Freistößen in Tornähe keine einzige gefährliche Torchance, geschweige denn einen Treffer erzielen konnten: viel Aufwand, null Ertrag.

Unterdurchschnittlich bei Freistößen und Eckbällen

Die statistischen Werte der A-Nationalmannschaft liegen bei Passqualität und Ballkontaktzeiten weit über dem Bundesligadurchschnitt, beim erfolgreichen Abschluss nach Freistößen oder Eckbällen jedoch weit darunter. Assistent Hansi Flick sieht deshalb, anders als Löw, dringenden Handlungsbedarf. Flick sagt: „Bei einer Europameisterschaft agieren viele Mannschaften auf dem gleichen Niveau. Da ist es wichtig, dass du alle Facetten des Fußballspiels beherrscht.“

Die Facette Standardsituationen beherrscht Deutschland unzureichend, das räumt Flick ein: „Unser Manko ist, dass wir bei Standards nicht so effektiv sind. In Sachen Standards bin ich mit Jogi nicht immer einer Meinung. Ich denke, wir müssen sie mehr trainieren, müssten mehr Dynamik reinbekommen. Jogi sieht das Ganze und hat andere Schwerpunkte. Natürlich ist unsere Zeit begrenzt. Aber Standards können effektiv sein, das haben wir schmerzlich gesehen im WM-Halbfinale gegen Spanien.“ Dort traf Spanien durch Puyol. Der Aufwand war gering und hatte nichts von der Anmut spanischer Fußballästhetik. Stattdessen Flanke, Kopfball, Tor. Aber der Treffer zählte trotzdem, und Deutschland war geschlagen.

Ehemals deutsche Stärke

Joachim Löw hat dieser Tage erstmals wissen lassen, er werde das Einüben von Standards „selbstverständlich“ ins Trainingsprogramm aufnehmen. Selbstverständlich ist das allerdings nie gewesen, seit Jürgen Klinsmann und Löw vor acht Jahren auch aus guten Gründen im Tagesablauf mehr Platz für Technik und Taktik, Life Kinetik, Yoga, Psychologie und Muskelkräftigungsübungen unter Anleitung von US-Fitnesstrainern schafften.

In der Bundesliga hat besonders Stuttgarts Trainer Bruno Labbadia den Mehrwert von Toren nach Standards erkannt: „Das trainieren wir sehr intensiv.“ Das tut auch Mirko Slomka mit Hannover 96. Beide Vereine trafen in der vergangenen Saison entsprechend regelmäßig nach Ecken und Freistößen.

In der Nationalmannschaft erhob besonders Ex-Teamchef Rudi Völler Standardsituationen einer spielerisch limitierten Mannschaft zum bevorzugten Stilmittel. Mit Erfolg: Zwei Treffer im entscheidenden Relegationsspiel gegen die Ukraine (4:1) im November 2001 fielen nach Ecken, und Ballack wuchtete per Kopf nach Freistoß von Ziege in einem ansonsten einem fußballerischen Offenbarungseid gleichenden WM-Viertelfinale 2002 gegen die USA zum entscheidenden 1:0 ein.

Purer Wille von Ballack

Ohnehin galten Tore nach Standardsituationen vormals als deutsche Stärke und waren weltweit gefürchtet: Hrubesch köpfte nach Ecke von Rummenigge das entscheidende 2:1 gegen Belgien im EM-Endspiel 1980, Rummenigge und Völler trafen nach Ecken von Brehme nach 0:2 zum 2:2 im WM-Finale 1986 gegen Argentinien, selbst 1990 bescherten Standards Deutschland den WM-Titel. Nach dem dramatischen Achtelfinalsieg gegen die Niederlande gelang kein Tor mehr aus dem Spiel heraus. Im Viertelfinale gegen Tschechien und im Finale gegen Argentinien resultierten 1:0-Siege aus Strafstößen von Matthäus und Brehme, im Halbfinale gegen England gewann die DFB-Elf durch Brehmes Freistoßtor und schließlich im Elfmeterschießen.

Nach der EM 2008 fassten die Uefa-Experten im technischen Bericht zusammen: „Kaum eine Rolle spielten Standardsituationen, nur fünf Tore nach Ecken und ein direkt verwandelter Freistoß standen zu Buche.“ Es war der vom puren Willen und unbändiger Wucht ins österreichische Tor getriebene Freistoß zum entscheidenden 1:0 von Michael Ballack. Im Fall einer Niederlage wäre Joachim Löw als Bundestrainer zurückgetreten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen