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DDR-Fußballstar Eigendorf Gestorben für die Freiheit?

Vor 30 Jahren starb der Beckenbauer der DDR bei einem Autounfall, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Aber vieles spricht dafür, dass die Stasi einen Republikflüchtling abstrafen wollte.

05.03.2013 17:25
Thomas Purschke
Lutz Eigendorf 1983 bei Eintracht Braunschweig. Foto: imago sportfotodienst

Am Abend des 5. März 1983 sitzt Lutz Eigendorf, der Beckenbauer der DDR, wie ihn seine Fans nannten, der Verräter, wie er nach seiner Republikflucht im Ministerium für Staatssicherheit hieß, unangeschnallt am Steuer seines geleasten Alfa Romeo GTV 6. Es ist kurz nach 23 Uhr. Eigendorf ist deprimiert, wie alle Fußballer, die verletzt sind und nicht spielen können. Er kommt aus seiner Stammkneipe Cockpit, wo er ein paar Bier getrunken haben soll, später wird man einen Blutalkoholwert von 2,2 Promille feststellen.

In der Braunschweiger Forststraße, auf einem regennassen Verbindungsstück zwischen Querum und Bienrode, kommt der Sportwagen in einer Rechtskurve ins Schlingern und prallt auf Höhe der Fahrertür gegen einen Baum – anderthalb Tage später erliegt Eigendorf seinen schweren Verletzungen am Kopf und im Brustbereich.

Dreißig Jahre später zählt dieser Unfall zu den spektakulärsten und bis heute nicht komplett aufgeklärten Todesfällen im Sport während der Zeit der deutschen Teilung. Die Polizei hat damals zunächst keine Hinweise auf die Unfallursache gefunden, es gab keine Zeugen, kein anderes Fahrzeug schien verwickelt zu sein. War es vielleicht doch Mord? Hat jemand einen Schuss auf Eigendorfs Alfa abgefeuert? Wurde er vergiftet?

Akte schnell geschlossen

Viele Indizien deuten darauf hin, dass die Stasi am Unfall beteiligt war, früh tauchten erste Hinweise und Gerüchte auf. Doch die Staatsanwaltschaft Braunschweig schloss den Fall rasch ab, wegen des Blutalkoholwertes, auch wenn mehrere Zeugen ausgesagt hatten, dass Eigendorf weitaus weniger getrunken habe, bevor er in sein Auto stieg.

Von den Spitzenfunktionären der DDR wurden Flüchtlinge wie Lutz Eigendorf nicht nur als „Sport-Verräter“ gebrandmarkt, sie wurden von der Stasi auch in Westdeutschland verfolgt und bedroht. Das Brisante an diesem Fall: Eigendorf hatte vor seiner Flucht, die ihm im Frühjahr 1979 gelang, nach einem Freundschaftsspiel und während eines Einkaufsbummels in Gießen, ausgerechnet für den Ostberliner Stasiklub BFC Dynamo gespielt, dessen oberster Chef Erich Mielke war. Und für den cholerischen Minister für Staatssicherheit war Eigendorfs Flucht eine schwere Niederlage. Eine sehr persönliche. „Denkt an Eigendorf“, soll er seinen Mitarbeitern immer wieder gesagt haben.

Erst nach der Wende wurden zahlreiche Akten entdeckt, die enorme Aktivitäten der Stasi bei Eigendorfs Überwachung in Westdeutschland dokumentieren. Mehr als fünfzig Spitzel waren bei der bis zu seinem Tod fast vier Jahre andauernden Observation beteiligt, von der auch seine Familie sowie Bekannte nicht verschont geblieben waren. Dafür erhielten die Agenten zum Teil erhebliche Geldsummen.

Die Stasi setzte auf Eigendorfs Ehefrau Gabi, die mit einer zweijährigen Tochter im Osten geblieben war, einen früheren Jugendfreund als „Romeo“ an, den sie später auch heiratete. Der im Auftrag der Stasi 1980 in den Westen ausgereiste einstige DDR-Boxmeister Karl-Heinz Felgner alias IM „Schlosser“ schlich sich als vermeintlicher Freund in die neue Familie ein. Felgner kannte Eigendorf aus Ostberlin.

Mordauftrag angenommen

Er lieferte detaillierte Informationen über Lebensweise, Verbindungen, und Besitzverhältnisse des Fußballers. Auffällig viele Treffen von Felgner mit seinen Führungsoffizieren in den Wochen vor Eigendorfs Unfall sowie Geldprämien sind aktenkundig. 2010 hatte Felgner vor dem Landgericht Düsseldorf wegen schweren Raubs in einer Drogerie ausführliche Angaben zu seinem Lebenslauf gemacht und dabei auch von einem konkreten Mordauftrag für Eigendorf gesprochen. Er habe diesen einst von der Stasi erhalten und auch angenommen, um mit seiner Lebensgefährtin aus der DDR ausreisen zu können. Ausgeführt habe er den Mordauftrag, wie er behauptete, jedoch nicht.

Auch die mögliche Verwendung von Giftstoffen und Gasen bei Eigendorf wurde von den Stasi-Offizieren in Ostberlin diskutiert, wie aufgefundene Dokumente belegen. Demnach könnte der mysteriöse Verkehrsunfall ein geplanter Mordanschlag gewesen sein.

Der pensionierte Braunschweiger Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Grasemann, sagt, es bleibe ein Mysterium. „Der letzte Beweis fehlt, aber der riesige Aufwand der Stasi lässt den Schluss zu, dass entweder die Tötung oder eine Entführung geplant war.“

Der Fall sorgt bis heute für Diskussionen. Andreas Holy befasste sich an der Universität Mainz in seiner Abschlussarbeit zum Lehramt-Staatsexamen intensiv mit der Causa Eigendorf. Beim Studium der Aktenlage stellte der fußballinteressierte Pädagoge fest, dass die Ermittlungsbehörden in Westdeutschland die politische Brisanz des Falls damals unterschätzt und nicht einmal eine Obduktion des Leichnams und eine Untersuchung auf eventuelle Giftstoffe angeordnet hatten. Auch das Unfallauto wurde nur von einem Kfz-Sachverständigen auf eine mögliche Manipulation von Bremsen, Lenkung und Reifen hin überprüft. Eine ausführliche kriminaltechnische Untersuchung blieb aus. Auch Holy verweist darauf, dass die Polizei Braunschweig den Fall vorschnell als Alkohol-Unfall abgehakt hat. Eigendorf wurde ohne Obduktion in Kaiserslautern bestattet.

Nach der Wende hat dann die Staatsanwaltschaft Berlin 1990 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Holy sagt: „Bei der Analyse der Verhöre von Beschuldigten oder auch von Zeugen ist mir aufgefallen, dass die Staatsanwaltschaft ja eher den Fall als Belastung angesehen hat und zum Teil auch zu wenig Ressourcen bereitgestellt hat.“

Stasi-Oberst nie vernommen

So wurde neben anderen wichtigen Verdächtigen aus dem DDR-Geheimdienstapparat beispielsweise der einstige Stasi-Oberstleutnant Heinz Heß, der mit der Observation von Lutz Eigendorf im Westen befasst war, von den Ermittlern nie vernommen. Heß war in der Stasi-Zentrale Berlin Abteilungsleiter für Sonderaufgaben der „Zentralen Koordinierungsgruppe ZKG“. Diese war für die Bekämpfung von Republikfluchten zuständig. In Geheimdienstakten ist dokumentiert, dass Heß ausgerechnet am Todestag von Eigendorf mit einer Sonderprämie von 1000 Mark ausgezeichnet worden war.

Holy sagt: „Heinz Heß wurde als Beschuldigter in einem Mordfall vorgeladen von der Polizei, ist jedoch einfach nicht erschienen zu diesem Verhör. Daraufhin wurden auch keine weiteren Schritte mehr unternommen, was meiner Meinung nach sehr kritisch zu sehen ist. Ich muss hier in Versagen der Staatsanwaltschaft betonen.“

Heß verstarb im Jahr 2004. Die Staatsanwaltschaft Berlin, die den Fall über Jahre bearbeitet und im selben Jahr eingestellt hatte, erklärte nach nochmaliger Prüfung Anfang 2011, dass es „keine objektiven Hinweise auf ein Fremdverschulden“ gebe. Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn sagte, dass es möglich sei, dass in den nahezu 15?000 Papiersäcken mit zerrissenen Akten noch Dokumente gefunden werden, die eine weitere Aufklärung befördern können. An der Rekonstruktion des Aktenmaterials werde intensiv gearbeitet.

In der Braunschweiger Forststraße erinnert nichts mehr an den tragischen Tod von Lutz Eigendorf. Der Baum, an dem sein Alfa zerschellte, wurde nach dem Unfall gefällt. Nur einmal im Jahr, sagt ein Nachbar, sieht man am Straßenrand ein paar Blumen und Kerzen.

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