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Confed-Cup Brasilien Brasilianer gegen "WM für Reiche"

Die Brasilianer protestieren während des Confed-Cup gegen die "WM für Reiche", wie sich aus ihrer Sicht das Turnier darstellt. Die Polizei reagiert überhart auf die Demonstrationen.

17.06.2013 14:03
Staatsmacht in Kampfmontur, Demonstranten mit erhobenen Händen: Auftakt des Confed-Cups. Foto: afp

Die Brasilianer protestieren während des Confed-Cup gegen die "WM für Reiche", wie sich aus ihrer Sicht das Turnier darstellt. Die Polizei reagiert überhart auf die Demonstrationen.

Während der Spiele um den Confederations Cup sorgen 54.000 Polizisten und Soldaten für Sicherheit. In ihre Ausrüstung sind 700 Millionen Euro gesteckt worden – sogar gegen terroristische Chemie-Attacken ist Brasilien gewappnet. Bloß mit dem naheliegenden scheinen die Behörden nicht gerechnet zu haben: mit Bürgerprotesten.

Vor dem Eröffnungsspiel am Samstag in Brasília, das die Gastgeber gegen Japan 3:0 (1:0) gewannen, zeigte das Fernsehen Bilder, die die Regierung gerne vermieden hätte: Eine Polizei-Übermacht von 1700 Mann, die mit 500 Protestierenden kaum fertig wird. 39 verletzte Demonstranten, 30 Festnahmen – schon die Zahlen legen nahe, dass Brasiliens Polizei auf derartige Manifestationen nicht angemessen zu reagieren versteht.

Konflikte angeheizt

Die Proteste hatten vergangene Woche begonnen, vor allem in São Paulo, wo die Erhöhung der Fahrpreise für Busse und Bahnen den Anlass gab. Nach einigen Akten des Vandalismus schlug die Polizei wie blind zurück. Brasiliens mehrheitlich konservative Presse, die zunächst auf Recht und Ordnung gepocht hatte, änderte die Tonlage und warf der Polizei Unfähigkeit vor – falsche Taktik und ungehemmte Brutalität hätten die Konflikte erst angeheizt statt sie zu dämpfen.

Allein von der „Folha de S. Paulo“ wurden sieben Reporter verletzt, als die Polizei losschlug. Auch völlig Unbeteiligte wurden verprügelt oder in Tränengaswolken gehüllt. Der in Rio de Janeiro erscheinende „Globo“ veröffentlichte ein Foto, auf dem Polizisten aus einer Distanz von weniger als fünf Metern mit Gummigeschossen auf Demonstranten zu feuern scheinen; der Hersteller der Munition schreibe eine Mindestentfernung von 20 Metern vor. Auch in anderen Städten kam es zu Demonstrationen, und zum Auftakt des Confed Cup verlagerte sich das Thema der Demonstrationen von den Fahrpreise zu den gewaltigen Summen, die für die Organisation der sportlichen Großereignisse ausgegeben werden.

Hilflose, brutale Truppe

Tatsächlich ist Brasiliens Polizei kaum für Konfliktdämpfung und -vermeidung ausgebildet. Demonstrationen und Bürgerproteste sind selten in Brasilien, und noch seltener sind gewalttätige Übergriffe, die aus solchen Menschenansammlungen heraus geschehen. Entsprechend hilflos und brutal zugleich reagiert eine Truppe, die gegen Schwerverbrecher vorzugehen gewohnt und geschult ist.

Durch die Erhöhung steigt der Fahrpreis in São Paulo von umgerechnet 1,10 auf 1,18 Euro. Das ist ein relativ kleiner Aufschlag, aber für Bezieher des gesetzlichen Mindestlohnes von 251 Euro ist der Fahrpreis so hoch, dass sich für viele der Job kaum lohnt, wenn der Arbeitgeber keinen Fahrgeldzuschuss gibt. In Rio de Janeiro, wo die Fahrpreise ähnlich erhöht wurden, gibt es weder billigere Monatskarten noch einen Verkehrsverbund; wer weit draußen wohnt, muss mehrfach zahlen. Der Staat betreibt den Nahverkehr nicht selber, sondern vergibt Konzessionen an Privatfirmen, deren mafiaartige Strukturen die Politik nicht antastet.

Präsidentin ausgebuht

Die Popularität von Präsidentin Dilma Rousseff ist zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren gefallen, von 64 auf 57 Prozent. Dass sie vor allem bei Frauen weniger Zustimmung hat, führen die Meinungsforscher auf die Teuerung zurück. Die Pizza teurer als in Italien, die Bananen teurer als in Deutschland: Die Lebensmittelpreise sind in einem Jahr um 13 Prozent gestiegen. Der Konsum stagniert, die brasilianischen Haushalte geben 22 Prozent ihres Einkommens aus, um Schulden abzutragen. 2012 wuchs die Wirtschaft nur um 0,9 Prozent.

Ob die Proteste in Brasilien schon der Beginn türkischer Verhältnisse sind, wie die Kritiker hoffen, ist fraglich. Zwar wurde die Präsidentin bei der Eröffnung des Confed Cups im Stadion ebenso ausgebuht wie der ob dieser „Respektlosigkeit“ gegenüber ihm zürnende Fifa-Präsident Joseph Blatter. Aber bisher haben es die Brasilianer vielleicht nicht klaglos, aber doch tatenlos hingenommen, dass Milliarden für Luxus-Stadien ausgegeben werden, während in den öffentlichen Schulen oder Krankenhäusern oft noch Zustände wie in einem Entwicklungsland herrschen.

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