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Coming-out Thomas Hitzlsperger „Ist das eine Krankheit?“

Für Thomas Hitzlsperger gibt es viel Lob. Nun muss sich erweisen, dass den Worten auch Taten folgen. Nur zwei von 21 Landesverbänden im DFB befassen sich mit Homosexualität.

10.01.2014 06:36
Ronny Blaschke
In manchen Stadien wird Flagge gezeigt. Foto: imago

Gerd Liesegang hat viele Artikel gelesen, das Lob, die Anerkennung, die Bewunderung. Der Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes freut sich über das Coming-out des ehemaligen Nationalspielers Thomas Hitzlsperger. „Jetzt haben wir ein Vorbild, das uns die Arbeit im Amateurfußball erleichtert. Aber die Probleme sind nicht automatisch gelöst.“ Liesegang erwähnt eine Tagung von Fußballfunktionären, die noch nicht lange zurückliegt. Ein Chef eines Landesverbandes habe gefragt: „Ist Homosexualität eine Krankheit?“ Ein anderer Verbandspräsident ergänzte: „Kann man das erben?“

Hitzlsperger wird gefeiert

Politiker, Spieler und Fans feiern den Schritt von Thomas Hitzlsperger als Meilenstein. Doch welche Auswirkung hat ein medial vorbereitetes Coming-out auf den Fußball? Auf einen Bereich fernab von Kameras, Reportern und Sponsoren, in dem künftige Profis einen wichtigen Teil ihrer Sozialisation erleben? Von den 21 Landesverbänden des Deutschen Fußball-Bundes pflegt nur der Berliner Fußball-Verband eine intensive Kooperation mit einem Lesben- und Schwulenverband. Die große Mehrheit der meist älteren Entscheidungsträger im Fußball hat sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt. „Es ist wichtig, dass auch von unten ein Bewusstsein wächst“, sagt Gerd Liesegang.

Im europäischen Vergleich hat die DFB-Spitze eine beachtliche Symbolpolitik zum Thema geleistet, findet der Sozialwissenschaftler und Fanforscher Gerd Dembowski. Der Verband hat 2009 ein Länderspiel gegen Finnland mit dem Kampf gegen Homophobie überschrieben, er hat schwul-lesbische Fanklubs unterstützt, eine Fachkonferenz in Hennef organisiert, zuletzt eine Broschüre mit Leitfragen an die Vereine verschickt. Und dennoch ist die Aufklärung kein Pflichtmodul von Schiedsrichter- oder Trainerschulungen. Dembowski: „Hitzlsperger schafft nun einen Anlass, diese Forderung voranzubringen.“

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Noch sehr viel Arbeit

Der Berliner Fußball-Verband zeigt, wie das funktionieren kann. Seit drei Jahren baut der BFV mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) ein Netzwerk auf. Dazu gehören Workshops, Flyer, ein anonymes Postfach. „Wir stoßen auf viel Unwissenheit“, sagt Torsten Siebert, Projektleiter des LSVD. Vor kurzem starteten die Partner das Aufklärungsprojekt „Rote Karte für Homophobie“ mit zunächst vierzehn Vereinen. Doch BFV-Vize Gerd Liesegang macht sich keine Illusionen: „Wir können unmöglich alle erreichen.“ Der BFV hat 134 000 Mitglieder, mit 6000 ehrenamtlichen Helfern in 400 Vereinen.

Der BFV gilt innerhalb Deutschlands als fortschrittlich, trotzdem hat der Verband erst im November die erste Frau in sein Präsidium gewählt: Tanja Walther-Ahrens. Die ehemalige Bundesliga-Spielerin ist wohl die einflussreichste Aktivistin gegen Homophobie im deutschen Fußball. Sie möchte das Coming-out von Thomas Hitzlsperger nutzen, um eingefahrene Rollenbilder des Fußballs zu hinterfragen: den Männlichkeitskult, das Körperbewusstsein, die Kämpferideale. „Wir müssen dem Nachwuchs vermitteln, dass Überlegenheitsausdrücke wie schwuler Pass für Unbeteiligte diskriminierend ist.“

Eine Debatte ist nötig

Vereine und Verbände haben in gesellschaftlichen Fragen lange eine Unterstützung von außen verweigert. Das hat die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in Berlin zu spüren bekommen, als sie prominente Klubvertreter für ihr Aufklärungskonzept im Fußball gesucht hat. „Inzwischen wird der Bedarf erkannt, dass die vielen Spekulationen zum Thema Homosexualität und Fußball durch wissenschaftliche Verlässlichkeit ersetzt werden muss“, sagt Jörg Litwinschuh, Geschäftsführer der Hirschfeld-Stiftung. In Zusammenarbeit mit der Universität Vechta soll ein Bildungsprojekt etabliert werden, so dass schwulenfeindliche Einstellungen bei jungen Kickern gar nicht erst entstehen können. Werder Bremen ist nun der erste Bundesligist, der sich diese Langzeitforschung auch Geld kosten lässt.

Für Dirk Brüllau ist diese Offensive überfällig. „Die meisten Profivereine haben keinen kompetenten Ansprechpartner für gesellschaftliche Vielfalt“, sagt der Sprecher der Queer Football Fanclubs, ein 2006 gegründetes Netzwerk von nun 27 schwul-lesbischen Fanklubs. „Oft wurden die Anliegen unserer Mitglieder in den Vorzimmern der Klubvorstände abgeschmettert.“ Am Wochenende veranstaltet das Bündnis eine Konferenz in Köln, dann mit drei neuen Fanklubs, aus Frankfurt, Hoffenheim, Mönchengladbach. Dirk Brüllau vergleicht Profiklubs mit großen Unternehmen und Werbeträgern: „Sie brauchen einen Antidiskriminierungs-Beauftragten, der in der Fanszene akzeptiert ist, aber auch unabhängig Stellung beziehen kann.“ Eine Debatte, die in den Klubs kaum geführt wird – Thomas Hitzlsperger könnte das ändern.

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