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Chemnitz Dumpfe Rufe von Rechtsaußen

In Chemnitz durften sich die NS-Boys bis vor kurzem ganz offen zur Fußball-Fanszene zählen. Von Johannes Kopp

20.09.2008 00:09
JOHANNES KOPP

Ronny Licht wähnt sich in einer "Zeit der Hetzjagden auf ostdeutsche Szenen." Deshalb stufte der Ansprechpartner der "Ultras Chemnitz '99" die Anfrage, weshalb sein Fanclub auf der Homepage einen Link zu den rechtsextremen "NS-Boys" geschaltet hätte, als Angriff ein. Entsprechend reagierte er: "Wir untersagen Ihnen hiermit, den Namen ,Ultras Chemnitz'99' sowie die Namen einzelner Personen, vor allem meiner, in geplanten Veröffentlichungen zu verwenden." Und in einer zweiten Mail warnte er: "Gerade als freier Journalist sollten Sie wissen, dass eben kein großes Verlagshaus mit gut bezahlten Anwälten hinter Ihnen steht."

Ein Verbot und ein Einschüchterungsversuch. Eine Antwort gab es zudem auch. Licht bekannte sich streng vertraulich zu dem Link und schrieb, die "NS-Boys" gehörten zur Chemnitzer Fanszene. Auf deren Internetseite wären schließlich keine strafrechtlichen Inhalte zu finden. Sven-Uwe Kühn, der Pressesprecher vom Chemnitzer FC, distanzierte sich hingegen eindeutig von den NS-Boys. Er sagte, diese Gruppierung wäre im Verein aufgrund ihrer Gewaltbereitschaft und rechtsextremen Gesinnung unerwünscht. Deshalb habe man im Frühjahr 2006 den "NS-Boys", deren Kürzel für "New Society" steht, ein Stadionverbot erteilt.

Pikant ist nun allerdings, dass sich die "UC '99" seit dieser Saison rühmen, die erste deutsche Ultra-Gruppierung zu sein, die ihrem Verein als Werbepartner zur Seite steht. Kühn bestätigte, dass deren Geld (ein vierstelliger Betrag) dem Oberligaaufsteiger im Sommer in quasi letzter Minute die Regionalligalizenz gerettet habe. Angesprochen auf die Verlinkung zwischen den Ultras und den NS-Boys sagte der CFC-Sprecher: "Davon weiß ich nichts und das überrascht mich."

Doch warum hat sich der Klub nicht im Vorfeld mit der Außendarstellung seines Werbepartners beschäftigt? Kühn sagt, bei etwa 300 Geschäftspartnern könne der Verein nicht jede einzelne Website überprüfen. Dass Kühn die Ultras in eine Reihe mit Bäckereien, Metzgereien und einem Baby- und Kinderladen stellt, die den Chemnitzer FC unterstützen, ist verwegen. Er versicherte jedoch, er werde mit den Ultras über den Link reden. Zwei Tage später berichtete Kühn: "Es hat keinerlei Diskussionen gegeben. Der Link wird von der Seite genommen."

Die Aussage von Licht, dass er die NS-Boys zur Chemnitzer Fanszene zähle, mochte er nicht kommentieren. Am 12. September wurde der Link tatsächlich gelöscht. Jedoch nicht nur dieser, sondern auch alle anderen Verknüpfungen zu Chemnitzer Fanclubs, als wollten die Ultras damit trotzig demonstrieren, dass man die CFC-Fanszene nicht auseinanderdividieren lasse. Licht verwies darauf, dass die Fans in den letzten Jahren nur einmal auffällig geworden wären.Für ihn rechtfertigt das offensichtlich die Verbrüderung mit der rechtsextremen Fanszene vor "Angriffen" von außen. Dem Klub kann man zugute halten, sofort reagiert zu haben. Diese Geschichte verdeutlicht aber auch: Gehandelt wird meist nur auf Druck von außen.

So organisierte bis ins Frühjahr 2007 Thomas Haller, der Gründer der Chemnitzer Hooliganbewegung "Hoonara" (Hooligans-Nazis-Rassisten), den Ordnerdienst beim CFC. Erst nachdem dieser durch ein Interview mit dem inzwischen eingestellten Fußballmagazins Rund in die Öffentlichkeit trat, wurde Haller der Vertrag gekündigt.

Vor knapp drei Wochen tauchte kurzzeitig wieder ein "Hoonara"-Transparent im Chemnitzer Stadion auf. Mitglieder einer 50-köpfigen Gruppe hatten es aufgehängt, als Türkiyemspor Berlin zu Gast war. Zudem grölte dieser Mob: "Berlin bleibt Deutsch" und "Wir kommen euch besuchen bald...im KZ von Buchenwald!" Die Polizei stellte angeblich fest, dass der Großteil der Krakeeler von außerhalb kam und nichts mit der Chemnitzer Fanszene zu tun hat. Verwunderlich ist jedoch auch in diesem Fall das zögerliche Verhalten des Vereins. Drei Tage benötigte der CFC, um sich in einer Presseerklärung von den rassistischen Rufern zu distanzieren. Pressesprecher Kühn erklärt, man hätte sich erst einmal klar werden müssen, was eigentlich passiert gewesen sei. Vielleicht taktierte der CFC aber auch, um nicht selbst Auslöser negativer Schlagzeilen zu sein.

Vom Deutschen Fußball-Bund wurde der Verein in diese Woche mit 5000 Euro zur Kasse gebeten. Außerdem darf das nächste Heimspiel nur vor 1000 Zuschauer ausgetragen werden. Auch einige CFC-Anhänger fordern nun in Internetforen, die Fans und der Verein müssten sich endlich entschiedener von der rechten Szene abgrenzen.

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