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Chelsea gewinnt Champions League Später Lohn für die alte Garde

Irgendwie unverhofft und doch nicht zufällig gelingt Chelsea mit einer alternden Garde und einem geduldeten Übergangstrainer der Triumph in München. Für Terry, Lampard und Co. ist es auch ein später Sieg der Gerechtigkeit.

21.05.2012 18:29
Losgelöst: Fernando Torres (li.) und David Luiz feiern den Triumph in München Foto: AFP

Einmal angenommen, dieser glänzende Silberpokal würde irgendwann in einer fernen Zukunft seine Geschichten der Vergangenheit erzählen, dann würde bestimmt diese Episode von der Befreiung aus einer englischen Belagerung nicht fehlen: Schlussendlich schien Roberto Di Matteo bereits am gerade angebrochenen Sonntag des 20. Mai 2012 das Urvertrauen in seine frenetisch feiernde Bande verloren zu haben, als der Trainer des FC Chelsea sich plötzlich des Henkelpotts bemächtigte, um das gute Stück ohne Schrammen allein von der Kabine zum Bus zu tragen.

Dafür hat der 41-Jährige einfach ein großes Ohr mit einer Hand gegriffen und ist mit dem Objekt der Begierde locker schwingend an den Absperrgittern vorbeigelaufen. So lässig wie ein Handwerker, der einhändig seine Bohrmaschine zum Werkzeugkasten trägt.

Belastungsproben für den Pott

Die Menge jauchzte, Fotoapparate klickten, aber Di Matteo scherte sich nicht darum, sondern lächelte. Dann nichts wie in Sicherheit mit dem Ding.

Natürlich hat der wohlerzogene Italiener mit der Sozialisation im schweizerischen Schaffhausen nicht den Rund-um-die-Uhr-Wachdienst spielen können. Also ist der Cup bei den nächtlichen Feierlichkeiten in einer eigens angemieteten Nobeldiskothek an der Münchner Maximilianstraße und der sonntäglichen Busparade durch den Londoner Stadtteil Chelsea den nächsten Belastungsproben unterzogen worden, was aber nur gut zu verstehen ist.

Kein englischer Klub ist dem Gewinn der Königsklasse so hinterher gehechelt wie der 1905 in einem Pub an der Fulham Road gegründete FC Chelsea.

Seit der umstrittene russische Oligarch Roman Abramowitsch, 45, immer neue, abstrus anmutende Investitionen für sein Londoner Spielzeug getätigt hatte, regte sich sogar auf der Insel immer wieder Häme, wenn bewiesen wurde, dass sich mit Geld eben doch nicht alles kaufen lässt. Zumindest nicht die begehrteste Trophäe im Vereinsfußball.

Genugtuung für Terry und Co.

Dass diese während der Siegerehrung nun auch vom russischen Gönner lächelnd in den Konfettiregen gereckt wurde, dürfte Uli Hoeneß mit Bauchgrimmen beobachtet haben. Doch auch das präsidiale Oberhaupt des FC Bayern wird mit Abstand erkennen, dass die alternden Helden von der Stamford Bridge nur einen späten Sieg der Gerechtigkeit davontrugen.

2004, 2005 und 2007 scheiterten die „Blues“ im Halbfinale, 2008 im Finale tragisch im Elfmeterschießen an Manchester und 2009 im Halbfinale gegen Barcelona auch wegen eines norwegischen Schiedsrichters.

Der Haudegen John Terry (31) hat bei den meisten traumatische Erlebnissen Schlüsselrollen bekleidet; dass er sich nun fürs Endspiel mit einem törichten Tritt ins Abseits manövriert hatte, passte. Und sein trauriger Blick vor Anpfiff in ungewohnter Dienstkleidung ? blütenweißes Hemd mit blauem Schlips – erregte sogar Mitleid. Doch hinterher ist plötzlich ein anderer Terry aufgelaufen; mit Stollenschuhen und Trikot, denn aufs offizielle Siegerfoto sollten die ausgesperrten Profis des FC Chelsea doch bitteschön in ihrem passenden Outfit.

Um kurz nach Mitternacht hat dann Petr Cech in aller Höflichkeit die Chelsea-Kollegen gebeten, sich auch einmal mit Pokal – und ohne Helm – ablichten lassen zu dürfen. Schließlich hat der Tscheche am Sonntag nicht nur seinen 30. Geburtstag gefeiert, sondern legte mit seinen drei Elfmeterparaden erst den Grundstein zum Titelgewinn.

„Wir haben nicht fantastisch gespielt, aber wir haben diesen Erfolg unbedingt gewollt“, sagte Kapitän Frank Lampard (33) der befand, dass zuerst Di Matteo „einen wunderbaren Job“ gemacht habe, „weil er mit uns allen wieder gesprochen hat“. Anders als Vorgänger André Villas-Boas, der die alternden Helden stutzen wollte.

Spielerversteher Di Matteo

Di Matteo ist es gelungen, mit der Terry-Lampard-Drogba-Generation einen übergeordneten Erfolg zu erringen, der José Mourinho, Luiz Felipe Scolari oder Guus Hiddink verwehrt blieb. „Den Fußball und das Leben kann man nicht vorhersagen – es ist manchmal einfach verrückt“, diagnostizierte ein Coach, der seinen Stolz hinter einer Maskerade aus tiefenentspannten Gesichtsausdrücken verbarg.

Der italienische Nationalspieler war selbst dabei, als Chelsea 1998 den Europapokal der Pokalsieger gewann – gegen den von Joachim Löw trainierten VfB Stuttgart. Di Matteo und Löw besitzen eine Schnittstelle aus aktiver Zeit beim Drittligisten FC Schaffhausen, und es ist überliefert, dass der Bundestrainer ein Faible für diesen Facharbeiter hegt. Sogar Bayern-Trainer Jupp Heynckes hat ein Hohelied auf den kahlköpfigen Spielerversteher aus den Abruzzen gesungen: „Wäre ich Klubeigner, würde ich ihm einen Dreijahresvertrag geben.“

Chelsea konnte nicht anders

Dabei hatte ihn der körperbetonte, knorrige Spielstil des Gegners ziemlich genervt. Die italienisch gefärbte defensive Ausrichtung taugt sicher nicht als Vorbild, doch es darf einem Kader nicht angelastet werden, der gegen stärkere und schnelle Gegner nicht anders spielen kann. In der heimischen Vollgas-Liga hätte sich Chelsea als Sechster gar nicht wieder für den Europapokal qualifiziert; nun rutscht der Vierte Tottenham in die ungeliebte Europa League ab, „für uns doppeltes Glück“, befand Di Matteo.

Doch ob er wirklich noch in London weitermacht, bleibt ungewiss. „Was der Klub entscheidet, wird von mir akzeptiert“, sagte er. Eine Unterredung mit Abramowitsch, der am Sonntagmorgen leger mit T-Shirt und blau umrandeter Sonnenbrille durch die Münchner Innenstadt spazierte, habe er hinter sich, „aber was mit dem Chef besprochen wird, verrät man nicht.“

Sicherheitshalber hat sich der deutschsprachige Fußballlehrer bereits international positioniert: „Ich fühle mich als Europäer. Ich bin da ganz offen. Ich kann mir vieles vorstellen.“ Und Pokale sicher tragen.

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