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Champions League Wenn alles klar ist

Fußball eint, Fußball trennt. Fußball gibt Halt und tröstet. Und strukturiert das Leben besser als jeder Terminplaner. Eine Liebeserklärung vor dem Wembley-Spiel.

24.05.2013 17:14
Deutschland, ein Samstagsmärchen. Foto: BLZ

Es war alles kaputt. Ich hatte der Wunderbaren wehgetan. Die Sonne würde nie mehr scheinen. Ewiger November sollte herrschen, innen wie außen. Es war Jupp, der mir Halt gab. Denn er ordnete meine melodramatische Wundheit, diesen allerallerletzten Ausläufer meiner Pubertät in den wichtigsten gültigen Zusammenhang ein: Fußball. „Sowas hatte ich auch mal. Damals. Mitten in der Relegation!“ Damit meinte er wohl die Saison 1985/86 und die taumeligen Spiele gegen Fortuna Köln, die Borussia Dortmund letztlich den Erhalt der Klasse sicherten.

Wir gehören zu einer Gruppe von Männern, die erst recht spät vom Jakobsweg gehört haben. Bei großen Sorgen wurde also jahrelang das Wegwandern von seelischem Ungemach nicht im Options-Menü angezeigt. Stattdessen schlängelte sich folgender Holzweg durch das Kummergebirge: sehr viel trinken, die Haare nicht mehr waschen. Dann überlegen, mal „etwas ganz anderes“ zu machen. Da die genauere Eingrenzung von „etwas ganz anderes“ schon sehr anstrengend erscheint, lieber weiter trinken. Und dann, ja, was dann? Mein Freund Fritz hat damals nicht viele Worte gemacht. Selbstverständlich hat er nicht versprochen, dass alles bald wieder gut wird. Denn Fritz ist zu klug, um nicht zu wissen, dass sich Situationen, in denen alles gut ist, nur sehr momentan und vor allem sehr selten ereignen.

Statt zu vieler Worte hatte er eine Eintrittskarte. Für das Westfalenstadion. Der erste Rundumblick, der vertraute Klang und es war klar, warum wir letztlich zurechtkommen, ohne uns jemals von der Aussicht auf Santiago de Compostela helfen lassen zu müssen. Hier ist alles klar. Gleich werden da unten aus dieser Tür junge Männer mit gelben Hemden herauskommen. Das sind wir. Ich kenne keinen von denen persönlich. Die verdienen viel, viel Geld mehr als ich, nehmen Frisuren sehr viel wichtiger als ich, und über Autos möchte ich mit denen auch nicht sprechen müssen. Aber die sind wir. So wie andere vor ihnen „wir“ waren. Wenn jedem Einzelnen aus der Mannschaft da unten schon längst der Abschieds-Blumenstrauß übergeben worden ist, dann werden wieder andere „wir“ sein. Zweiter, 14. Tabellenplatz oder eben Relegation: Wir sind wir. Doch, liebe Bayern, wir auch.

Wie oft hat das schon genervt. Oder sogar wehgetan. Verpasste Teilnahme am internationalen Wettbewerb. Versemmelte internationale Spiele gegen Mannschaften aus Städten mit viel zu vielen Konsonanten im Ortsnamen. Komplett verratzte Begegnungen mit den Königsblauen aus der Gegend von Herne, die sich damit in ihrem sechsten Jahrzehnt ohne Meisterschaft kurzfristig recht gut trösten können.

Niemals werde ich den evangelischen Pfarrer vergessen, der mir – auf Dortmunder Boden – das Fanzine „Auf Schalke“ überreichte. Unmittelbar, nachdem er die Trauerrede für meine Großmutter gehalten hatte. Wahrscheinlich sieht es dieser Geistliche wie viele von uns: Klar, da ist irgendwo Gott. Aber dann kommt auch schon bald der Fußball. Die Bayern glauben zudem, dass sich in diese Zweisamkeit irgendwo auch noch Franz Beckenbauer eingruppiert. Der für uns andere nicht viel mehr ist, als ein sympathisch gealterter Quatschkopf. Abseits dieser Personalie verbindet uns allerdings mehr, als uns trennt.

Da gibt es bestimmt einen 44-Jährigen in Kolbermoor im Landkreis Rosenheim. Der verkauft vielleicht Versicherungen, und diese Woche lief gar nicht gut. Womöglich hat seine Frau seine liebevoll gemeinten SMS kaum beantwortet und ihm dann noch am Mittwoch gesagt, er habe ganz schön zugelegt. Aber das wird ihm am Samstagabend völlig gleichgültig sein. Am Samstag laufen seine Roten in das Wembley-Stadion ein. Er erinnert sich, wie gerne er mitgerannt wäre. Damals, als er an das Zulegen noch keinen einzigen Gedanken verschwenden musste. Sein Name über einer Rückennummer. Er neben den anderen auf einem dieser unfassbar verkrampften Mannschaftsfotos.

Der Anpfiff kommt

Was alles nichts geworden ist und in der kommenden Woche vielleicht schwierig wird, das spielt am Samstag keine Rolle. Irgendwann kommt der Anpfiff und dann zählt nur noch dieses Spiel. 90 Minuten plus Nachspielzeit frei von allem anderen sein. Wahrscheinlich ahnen die Spieler, wie sehr sie „wir“ sein müssen. Der verzweifelte Ausdruck in Bastian Schweinsteigers Gesicht, als er im Champions-League-Finale im vergangenen Jahr den alles entscheidenden Elfmeter verschoss. Selbstverständlich weiß der, wie viele Anhänger in seinem Geburtsort Kolbermoor im Landkreis Rosenheim heute vor dem Fernseher ein gerade noch so über den Weißbierbauch passendes Trikot tragen.

Die im Süden, wir im tiefen Westen wissen, dass uns Sonnabend auch der Blues droht. Wenn nicht „wir“, sondern die anderen im Konfettiregen stehen. Wenn Beckenbauer womöglich in ein ZDF-Mikrofon sagt, dieser FC Bayern sei jetzt auf Jahrzehnte hin völlig unbesiegbar. Wenn sich unangenehm grinsende BMW-Cabrio-Gockel gegenseitig abklatschen. Das gehört aber dazu.

Unabhängig vom Ergebnis bekommt das Leben für viele Menschen, die ich kenne und viele, die ich in Kolbermoor nicht kenne, heute eine neue Koordinate. Im Landkreis Rosenheim wird ein Daniel in einigen Monaten überlegen, ob er seine Sarah vor oder nach Wembley kennengelernt hat. In Dortmund-Lütgendortmund wird ein Thorsten bei der Rückbesinnung auf 2013 sagen, dass es der Oma vor dem Finale aber noch richtig gut ging. 30. Geburtstag, Verlobung, Tante Monikas Goldhochzeit und das Champions-League-Finale gegen Bayern. Es ist eine Spekulation, aber ich behaupte, dass manche Goldhochzeit sogar weniger leidenschaftlich gefeiert wird als der Anpfiff am Sonnabend.

Tatsächlich sortieren wir unser Leben auch nach dem Arbeitsergebnis wildfremder Professioneller. Nur weil wir glauben, dass die auch „wir“ sind.

Zwischen der Meisterschaft 2011 und 2012 durfte ich die Wunderbare heiraten. Der Mannschaftskapitän Sebastian Kehl kam und überreichte zwei von allen Spielern unterschriebene Trikots. Den Freunden, die in der Kirche noch gedöst hatten, war jetzt erstmals zum Heulen zumute.

Als Überraschungsgast musste Herr Kehl kurz vor der Tür warten. Dort traf er eine Berliner Freundin. Die ihn nicht kannte und deswegen fragte, was er denn so mache. Fußball, antwortete er. Ob man denn davon leben könnte, fragte sie.
An einem Tag wie diesem muss die Frage genau andersrum gestellt werden: Wie soll es denn ohne gehen?

Jörg Thadeusz ist RBB-Moderator.

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