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Champions-League-Finale Von Licht und Schatten

Die Heimstätte von Benfica Lissabon bildet am Samstag den Schauplatz des Madrider Stadtduells im Champions-League-Finale.

20.05.2014 15:15
In Lissabon ist die Champions League-Trophäe abzuholen. Foto: rtr

In Lissabon genügt der Bummel durch die Fußgängerzone Rua Augusta zum Praça do Comércio, und die sich zum Wasser öffnende Stadt an der westlichen Spitze Europas scheint von fernen Kontinenten zu träumen. Dass der Name Lisboa oft vom phönizischen „Alis Ubo“, der „lieblichen Bucht“ abgeleitet wird, erscheint an dieser belebten Stelle allzu verständlich. Das Terrain gilt als Kronjuwel der Baixa (Unterstadt), und was früher das Eldorado für Kaufleute, Geldwechsler oder Gewürzhändler war, dient heute den Boutiquenbesitzern, Restaurantbetreibern und Kleinhändlern als Erwerbsquelle aus den Touristenströmen.

Bernabeu vorgeschlagen

Noch sind allenfalls dezente Hinweise auf das fußballerische Großereignis zu vernehmen, wenn in Portugals Kapitale das erste Stadtduell in der 59-jährigen Geschichte des wichtigsten europäischen Vereinswettbewerbs steigt: Das Champions-League-Finale Real Madrid gegen Club Atlético de Madrid (Samstag 20.45 Uhr/ZDF) wird dafür sorgen, dass sich bald Massen spanischer Fußballfans durch das Gasen-Labyrinth drängeln und die unzähligen Bars bevölkern.

Wo sich jetzt noch vornehmlich ältere Menschen mit Regenschirmen vor dem für diese Jahreszeit unüblichen Schauerwetter schützen, wird sich hier bald für das „Derbi madrileño“ im Estadio da Luz eingestimmt. Real-Präsident Florentino Perez hatte vorsorglich vorgeschlagen, „wir könnten auch im Bernabeu spielen“, seiner Heimstätte, doch es hat für die beiden Anhängerschaften schon beschwerlichere Anfahrten gegeben, als die 630 Kilometer über die A 5 bis in den Norden Lissabons zum Sportkomplex von Benfica. Bei deren Gefolgschaft wird der als Endspielort ausgesuchte Fünf-Sterne-Tempel mit seiner ausladenden Dachkonstruktion einfach nur „A Catedral“, die Kathedrale, genannt. Eigentlich ein passender Ort für die Königlichen, wenn da nicht nur dieser verhängnisvolle historische Kontext wäre, den Real wiederum mit Benfica verbindet.

Fünfmal in Folge hatte sich das „weiße Ballett“ im 1955 gegründeten Europapokal der Landesmeister mit dem legendären Alfredo di Stefano zu den Königen Europas gekrönt, als sich eine Elf aus Lissabon daran machte, die Hegemonie zu brechen. 1961 und 1962 gewann Benfica mit dem zu Jahresanfang verstorbenen Heroen Eusebio die Trophäe, und als sagenumwoben galt jenes 5:3 in Amsterdam, in denen den Madrilenen auch drei Tore von Ferenc Puskas nichts nützten.

Nachwirkungen in die Neuzeit sind aus rationalen Gesichtspunkten eigentlich auszuschließen, aber weil bei Real der zehnte Titel in der Champions League („La Decima“) eine Obsession ist, werden diese Geschichte zumindest im iberischen Teil Europas detailliert hervorgekramt. Wer sich in Lissabon umhört, erfährt, dass vielen der pompöse Glanz, in dem sich Real im Stadion des Lichts sonnen möchte, nicht geheuer ist. Dagegen weckt die Tapferkeit des Außenseiters Atletico automatisch Sympathien.

Im Gegensatz zum Rivalen Real, der schon sein 13. Endspiel dieser Art absolviert, hatten die Rot-Weißen nur einmal die Hand am Henkelpott; aber da auch ganz feste: 1974 gegen den FC Bayern fühlte man sich wie der sichere Sieger, bis „Katsche“ Schwarzenbeck abzog – und traf. Im Wiederholungsspiel zwei Tage später im Brüsseler Heysel-Stadion kam Atletico gegen die entfesselten Münchner mit 0:4 unter die Räder. Aber das ist doch auch Geschichte: Eine Abreibung dieser Art würde die aktuelle Generation mit seiner wehrhaften Haltung nie und nimmer kassieren, behaupten die „Rojiblancos“.

Ronaldo soll und will spielen

Doch erste „Madridistas“, die am Tejo eingetroffen sind, posieren trotzdem bereits mit Victory-Zeichen vor den Sehenswürdigkeiten. Sie haben in der „Marca“ gelesen, dass Cristiano Ronaldo ganz sicher dabei sein wird, auch wenn die portugiesische Stilikone bis Donnerstag wegen einer Oberschenkelverletzung nur individuell trainieren kann. Im Vollbesitz seiner Kräfte wird der Superstar, dessen Fehlzeiten im Vorfeld der WM eine Besorgnis erregende Dimension angenommen haben, eher nicht sein – aber mitmachen will der 29-Jährige auf jeden Fall. Wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet jeder Mann in Lissabon fehlen würde, der hier aufgrund seiner Vita wohl selbst mit verbundenen Augen zum Fremdenführer taugen würde.

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