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Burnout Runter von der Überholspur

Christian Stoll moderierte 2006 das WM-Finale. Auf der Suche nach dem großen Kick erlitt der Stadionsprecher einen Nervenzusammenbruch. Heute wird Stoll das DFB-Länderspiel im Weserstadion moderieren. Gegen die Depression kämpft er weiter.

28.02.2012 12:28
Jan Christian Müller
"Ich bleibe ein gefährdeter Mensch" Der Bremer Stadionsprecher Christian Stoll. Foto: dapd

In der Nacht nach dem WM-Finale ist Christian Stoll erst um fünf Uhr morgens ins Hotel zurückgekommen, noch immer vollgepumpt mit Adrenalin. Am Abend zuvor hatte er das Endspiel zwischen Italien und Frankreich als Stadionsprecher im Olympiastadion begleitet. „Auf seine Stimme hört die Welt“, hatte in den Zeitungen gestanden. Der Höhepunkt seiner Karriere. „Ich habe mir in der Nacht auf dem Balkon noch eine Flasche Rotwein aufgemacht, weil ich so stolz auf mich selber war.“

Drei Tage später fragte sich Christian Stoll: „Was soll jetzt noch kommen?“ Und brach zusammen.

Weihnachtskarte von Löw und Bierhoff

Er hat sich dann wieder erholt, ein Arzt hatte erkannt, dass ihm das für die persönliche Stimmungslage wichtige Hormon Serotonin fehlt, „ein biologischer Defekt“, sagt Stoll. Fünf Jahre lang haben ihn Tabletten über die Depression hinweg geholfen, am 2. November 2011 half nichts mehr. Er erlitt den nächsten schweren Nervenzusammenbruch. Um elf Uhr morgens im Office  in Hannover, Weinkrampf im Angesicht der Kollegen. Seine Frau setzte ihn ins Auto in ihre Heimatstadt Berlin und sorgte für die Einweisung in eine Spezialklinik.

Drei Monate ist Christian Stoll dort behandelt worden, Willi Lemke, der Werder-Aufsichtsrat, hat sich mit einem drei Seiten langen Brief gemeldet, Oliver Bierhoff und Jogi Löw haben eine Weihnachtskarte geschickt, immerhin. Seit Ende Januar ist er wieder zu Hause, es gibt nur noch die eine Wohnung in Berlin, am Montag war er im DFB-Hotel, „die Herzlichkeit war umwerfend, ich hätte schon wieder heulen können“.

Zeitdruck selbst beim Wellness

Mittwochabend in Bremen wird er das Länderspiel gegen Frankreich im Weserstadion moderieren.

„Stolli“ ist zurück, aber er ist längst nicht geheilt. Er weiß selbst noch nicht, ob er es schaffen wird, runterzukommen von der Überholspur, auf der er wie von Sinnen entlang gerast ist. Fast bis in den Tod. „Ich war nur zu feige, es zu tun.“

Er  ist jetzt 51 Jahre alt, ein kleiner Mann mit wachen Augen, der die Hände selten ruhig halten kann. „Ich habe immer geglaubt: Du schaffst das, ich habe mein Leben 20 Jahre in Viertelstunden getaktet, und ich hatte Spaß dabei, aber es hat unglaublich viel Substanz gekostet.“ Die Außenfassade: „Ich reiß jeden Baum um.“ Innen drin sah es ganz anders aus.

Selbst beim Wellness hat er sich unter Zeitdruck gesetzt. Ein Saunagang, eine Massage, nur schnell weiter, er nannte das „Power relaxen“.

Täglich drei Tabletten

Stolli hier, Stolli dort, drei Autos: einen Ferrari, einen Porsche und einen BMW; drei Wohnungen: in Hannover, Bremen und Berlin, ein Dutzend Jobs: Chefredakteur bei Antenne Niedersachsen, Stadionsprecher bei Werder Bremen, beim DFB und für die Fifa, Hallensprecher bei Sechstagerennen in Bremen, Berlin, Stuttgart und Zürich, Moderator des ATP-Finals in Hannover, Fußballtrainer bei der Spvgg. Niedersachsen-Döhren (dem Heimatverein von Schiedsrichter Babak Rafati), Organisator von Radrennen, „immer auf der Suche nach dem nächsten Kick“, schließlich der große Plan ein Sechstagerennen in Hannover, „das gab es 30 Jahre nicht“.

Und wird es so schnell auch nicht wieder geben. Ohne Stoll wird das nichts, und mit ihm jetzt ganz sicher auch nicht mehr.

Im Sommer bei der EM wird er die Spiele des DFB-Teams als deutscher Sprecher in den Stadien begleiten. Er freut sich sehr darauf. Er nimmt täglich drei Tabletten. „Ich weiß, ich bleibe ein gefährdeter Mensch. Ich hoffe, dass ich stark genug bin.“ Alle 14 Tage muss er zur Untersuchung in die Klinik. Er fährt jetzt einen Mini und nur noch 120.         

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