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Bundestrainer Dirk Lange Freischwimmen zum Chef

Er polarisiert mit einem Selbstbewusstsein bis an die Schmerzgrenze: Dirk Lange ist wohl nur auf Bewährung Bundestrainer der Schwimmer - um sich für Höheres zu empfehlen. Von Jürgen Ahäuser

19.11.2008 00:11
Hält sich für den Besten: Dirk Lange. Foto: Getty

Franziska van Almsick hat ihm einst empfohlen, "einfach mal den Mund zu halten". Deutschlands damals über allen Wasser schwebende Ausnahmeschwimmerin schickte ihm, dessen "ständiger Senf" ihr "ziemlich auf den Geist" ging, dann noch ein unfreundliches "Er hält sich wohl für den Größten" hinterher. Er, das ist Dirk Lange, seit dem Weltcupwochenende in Berlin neuer Bundestrainer im Deutschen Schwimmverband (DSV) und vor gut zehn Jahren noch Lebensgefährte und Trainer von van Almsicks Dauerrivalin Sandra Völker. Die Wege der einstigen Vorschwimmerin der Nation und des bis an die Schmerzgrenze ebenso egozentrischen wie selbstbewussten Trainers werden sich, wenn auch indirekt, spätestens beim nächsten größeren Schwimmereignis wieder kreuzen. Die Bade-Diva muss als ARD-Expertin ja schließlich kritisch begleiten, wie Lange "aus dem schweren Tanker DSV wieder ein Speedboot macht".

Keine Begeisterung

Dirk Lange hat bis zu seinem Engagement als Cheftrainer der südafrikanischen Schwimmer in Deutschland polarisiert. Öffentliche Auftritte mit so persönlichen Bekenntnissen wie dem, er sei der beste Schwimmcoach Europas (und einem unhörbar mitschwingenden: mindestens), verursachten bei den Kollegen wahlweise Kopfschütteln oder Migräne. Jetzt soll ausgerechnet dieser Dirk Lange den deutschen Schwimmsport vor dem Ertrinken retten. Große Begeisterung hat der plötzlich aus dem Hut gezauberte neue Bundestrainer in der Szene nicht ausgelöst. Die DSV-Spitze hat natürlich um die Vorbehalte gegenüber der Person Lange gewusst und deshalb zu einem Trick gegriffen. Der Verband sucht noch immer einen Cheftrainer, der zusammen mit dem Direktor Leistungssport, Lutz Buschkow , den vielfach angekündigten geraden Kurs durchsetzt.

Lange sofort zum (fast) allmächtigen Schwimmchef zu machen, schien zu gewagt. So wurde der Rückkehrer zunächst auf die Stelle des in den Ruhestand verabschiedeten Bundestrainers Manfred Thiesmann gehievt. Am neuen Dienstort Berlin verbringt Lange nun praktisch seine Bewährungszeit, um irgendwann die Rolle des Bosses einzunehmen. Denn obwohl Buschkow alle künftigen sechs Stützpunktrainer so wie alle anderen Personen, die sich dazu berufen fühlen, aufforderte, sich bei ihm zu bewerben, scheint Lange bereits jetzt der Favorit auf den Posten zu sein. Schwer vorstellbar, dass der 45-Jährige, der mit Völker und anderen Athleten 105 internationale Medaillen gewann, sich klaglos einem anderen Cheftrainer unterordnen würde.

In einem FR-Interview während der Olympischen Spiele in Peking hatte der Erfolgscoach schon keinen Hehl daraus gemacht, dass ihn die Aufgabe in der alten Heimat reizen würde: "Es wird ja hoffentlich wohl niemand gesucht, der Nettigkeiten verteilt." So benutzte der Neu-Bundestrainer bei seiner Präsentation in Berlin denn auch häufig das Wort hart. "Ich stehe für ein hartes Anforderungsprofil, harte Kriterien und Wettkampfhärte", betonte er.

Indirekt kritisierte Lange die deutschen Trainer und Schwimmer, indem er sie aufforderte, über den Tellerrand zu schauen. "Internationalität ist gefordert." Einer der Gründe für den Untergang des deutschen Schwimmteams sei es gewesen, dass einige nicht mitbekommen hätten, was sich im Schwimmsport weltweit tut. Ausdrücklich nahm Lange damals wie heute den ehemaligen Cheftrainer und Sportdirektor Örjan Madsen aus. "Örjan hatte nicht die Kompetenzen, um entsprechend ein- und durchzugreifen."

Das soll nun unter dem neuen Chef anders werden. Allem Anschein nach wird sich der deutsche Schwimmverband aber bis zum Ende der Weltmeisterschaft 2009 in Rom Zeit lassen und erst dann eine Bilanz über die Probezeit von Lange ziehen. Bis dahin wird sich auch zeigen, ob der Egozentriker Lange neben der erforderlichen Durchsetzungskraft und Kompetenz auch die im Anforderungsprofil genannten Fähigkeiten zur Teamarbeit und Integration besitzt. Den Knüppel will er jedenfalls jetzt nicht rausholen.

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