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Bundesliga VfL Wolfsburg am Tiefpunkt

Die Niedersachsen geraten in immer größere Turbulenzen und stehen der schweren Krise einigermaßen ratlos gegenüber.

30.10.2016 16:27
Hendrik Buchheister
Nichts geht mehr: Die Spieler des VfL Wolfsburg, fassungslos. Foto: dpa

Der Protest war allgegenwärtig, und eine Weile sah es so aus, als würde er zum Ziel führen. Die Fans des VfL Wolfsburg hatten für das Spiel gegen Bayer Leverkusen ein Banner über die ganze Breite der Hintertortribüne gespannt, um das Ende ihrer Geduld zu dokumentieren. „Schluss mit Durchhalteparolen – Kämpft jetzt!“, war darauf zu lesen, in weißer Schrift auf grünem Grund. Eine Halbzeit lang kamen die Wolfsburger Profis dieser Aufforderung nach. Sie zeigten im ersten Abschnitt eine ordentliche Leistung und gingen verdient in Führung durch den Treffer von Maximilian Arnold in der 37. Minute.

Doch mit dem Seitenwechsel änderte sich die Statik des Spiels. Der VfL überließ den Leverkusenern das Feld, kam selbst kaum noch planvoll nach vorne und bettelte förmlich darum, die Partie noch zu verlieren, was dann ja auch geschah nach den späten Gegentoren durch Admir Mehmedi und Tin Jedvaj. So gelang es den Wolfsburgern nicht, die ungeduldigen Fans zu beschwichtigen, im Gegenteil. Die Niederlage führte zur nächsten Eskalationsstufe. „Scheiß Millionäre!“, sangen die Zuschauer in den Schlussminuten. Nach dem Spiel blockierten einige von ihnen die Zufahrt zum Stadion und hinderten die Profis so an der Abreise.

Die Stimmung beim VfL hat nach dem 1:2 gegen Bayer also den nächsten Tiefpunkt erreicht, es war das achte sieglose Spiel im neunten Versuch in dieser Saison, und spätestens jetzt ist klar, wie fest die Krise sitzt. Sie ist weit mehr als nur der verkorkste Saisonstart einer wieder einmal großflächig und mit viel Geld umgebauten Mannschaft. Anstatt um den Einzug in den Europapokal zu spielen, wie es das Ziel des von VW finanzierten Klubs ist, stecken die Wolfsburger im Abstiegskampf, und es ist nicht ersichtlich, wie sie sich daraus so schnell befreien wollen. Das Spiel gegen Leverkusen war ja nicht nur geprägt gewesen von einem rätselhaften Einbruch in der zweiten Halbzeit, sondern auch von allgemeiner Ratlosigkeit über die verfahrene Situation.

Wenige Erkenntnisse

„Ich weiß nicht, keine Ahnung“ – das waren die häufigsten Antworten, die von den Profis des VfL zu hören waren, als sie zu den Ursachen der Krise befragt wurden. Es ließen sich nur wenige Erkenntnisse aus ihren Aussagen destillieren, am ehesten noch diese: Das Wolfsburger Tief hat viel mit Verunsicherung und fehlendem Selbstvertrauen zu tun. „Ich glaube schon, dass der Kopf eine Rolle spielt“, sagte Mittelfeldspieler Arnold mit leiser Stimme. Man musste fürchten, dass er jeden Moment in Tränen ausbrechen würde.

Mario Gomez, mit 31 Jahren ein gestandener Profi, hat bei seinen Kollegen eine „Angst vorm Gewinnen“ identifiziert. Nach dem 1:0 in der zweiten Pokalrunde in Heidenheim unter der Woche und der ordentlichen ersten Halbzeit gegen die ebenfalls kriselnden Leverkusener hätte die Mannschaft eigentlich „mit einer breiten Brust“ auftreten müssen. Doch „wir haben aufgehört, Fußball zu spielen“, klagte Gomez. Sportchef Klaus Allofs sprach davon, „dass wir unsere Nerven nicht unter Kontrolle haben“. Die Wolfsburger sind seltsam blockiert im Moment.

Dabei haben sie schon einiges gegen die Krise unternommen. Vor zwei Wochen musste Trainer Dieter Hecking gehen, für ihn übernahm übergangsweise der ehemalige Profi Valérien Ismaël. Der Wechsel verpuffte, der Franzose vermochte die Blockade nicht zu lösen. Unter dem neuen Mann gab es in der Bundesliga in zwei Spielen zwei Niederlagen, erst in Darmstadt, jetzt gegen Leverkusen. Dennoch darf er weiter auf eine dauerhafte Anstellung als Trainer der Profis hoffen. Zumindest in Freiburg könnte Ismaël auf der Bank sitzen. Geschäftsführer Allofs sondiert aber weiterhin den Trainermarkt.

Allofs wirkte von allen Wolfsburger Protagonisten noch am wenigsten verzagt nach der Niederlage gegen Leverkusen. Seiner Meinung nach hat die Misere des VfL einen klar zu identifizierenden Grund, nämlich das Verletzungspech. Unter anderem fehlen Josuha Guilavogui, Vieirinha und Daniel Didavi, nun verletzte sich noch Verteidiger Robin Knoche früh, für ihn kam der 21 Jahre junge Debütant Hendrik Hansen. Die deutlich erfahreneren Philipp Wollscheid und Marcel Schäfer mussten draußen bleiben. „Wenn die verletzten Spieler wieder mittrainieren, wird neuer Schwung kommen“, sagte Ismaël. Man kann diese Aussage als Beleg echter Hoffnung interpretieren – oder als die nächste Durchhalteparole.

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