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Bundesliga Mit Wollmütze und Sensoren

Auch Werder Bremen praktiziert einige neue Trainingsmethoden, die einen alten Hasen wie Torsten Frings den Kopf schütteln lassen.

26.07.2008 00:07
Torsten Frings
Skeptisch ob der neuen Trainingsmethoden bei Werder: Torsten Frings. Foto: ap

Es war klar, dass einer wie Torsten Frings solch eine Übung mit größter Skepsis begleitete. Es schien ja auch höchst überflüssig, sich bei herrlichem Sommerwetter im österreichischen Vorarlberg noch eine löchrige Baumwollmütze über die wuchernde Haarpracht zu stülpen und in eine enge Zwangsjacke zu schlüpfen, um sich damit durch Stangen zu schlängeln, über Hürden zu hüpfen und abgesteckte Distanzen zu sprinten. Doch Yann-Benjamin Kugel legte am Fuße des Montafoner Hochjochmassivs größten Wert darauf, schließlich hatte der lizenzierte Fitnesstrainer eine Menge Lichtschranken aufgebaut und Mütze sowie Jacke mit Sensoren versehen, die reichlich Daten auf den mitgebrachten Laptop übermittelten.

"Damit können wir die Schnelligkeit in Verbindung mit der Koordination messen. Und gleichzeitig alle Bewegungsachsen - die transversale, horizontale und sagittale - erfassen", erklärt der 28-Jährige, der bislang an der Kölner Sporthochschule Kanuten und Triathleten fit gemacht hat und mit dem Fußball nur bei einem Entwicklungsprojekt in Brasilien in Berührung gekommen ist. Der frühere Handballer ließ die Fußballer von Werder Bremen sogar von einer Bank auf eine Matte hüpfen und hochspringen; der Test nennt sich "Counter-Movement-Jump".

Dass der Mann aus Siegburg mit dem Erscheinungsbild eines Surflehrers zeitweise anstelle von Chefcoach Thomas Schaaf im Trainingslager von Schruns den Ton angibt, damit haben Arrivierte unter den Werder-Kickern noch ihre Probleme. "Keine Ahnung, was das soll. Ich werde in meinem Alter nicht gelenkiger", sagt Frings. Und als der Bodytrainer den 77-fachen Nationalspieler auch noch beim Schusstraining korrigierte, platzte Frings der Kragen: "Rede nicht so viel Unsinn. Du hast doch noch nie Fußball gespielt." Das war halb Spaß, halb Ernst. Denn im Grunde begrüßt Werders Wortführer solche Veränderungen auch. "Nach den vielen Verletzten aus der vergangenen Saison ist das sinnvoll. Wir waren in diesem Bereich unterbesetzt", gesteht Frings.

Das gilt seiner Meinung nach auch noch für den Angriff. "Wir brauchen noch Verstärkung: Mit drei Stürmern kommen wir nicht durch 60 Spiele." Der 31-Jährige, der der Nationalmannschaft weiter zur Verfügung steht ("So lange ich mich gut fühle"), will schließlich "mal wieder richtig bis zum Schluss um einen Titel mitspielen". Frings erweckt den Eindruck, als hänge Werders Wohl und Wehe nur an einem noch nicht getätigten Millionen-Transfer. Ein stürmender Überflieger wird tatsächlich noch gesucht, zumal Boubacar Sanogo, Hugo Almeida und Markus Rosenberg eine gewisse Klasse, aber keine Sonderklasse darstellen, und Martin Harnik, der österreichische EM-Teilnehmer, zuletzt gar nur in der zweiten Mannschaft kickte. "Wir haben einige Dinge geprüft, die aber nicht praktikabel waren", entgegnet Sportchef Klaus Allofs.

Gemeint sind der Brasilianer Fred von Olympique Lyon (bislang zu teuer), der kolumbianische Wunschstürmer Marcelo Moreno (ging zu Schachtjor Donezk) oder dessen in Buenos Aires spielender Landsmann Radamel Falcao (wohl bei River Plate unverkäuflich). In Panik ist Allofs eingedenk der Sachlage nicht. "Die einen sagen, vier Angreifer können genug sein, die anderen behaupten, fünf sind zu viel. Warten wir mal ab." Das gelte auch für das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) in der leidigen Causa Diego. Allofs bewertet das als "als völlig unnötige Geschichte", von der Fifa verschuldet. Würde sein Verein so fahrlässig agieren wie der Weltverband, wären die Grün-Weißen längst aus dem erlauchten Kreis deutscher Spitzenvereine entschwunden und nicht das fünfte Male in Folge für die Champions League qualifiziert.

Voraussicht und Gelassenheit bleiben die ersten Gebote an der Weser, das weiß auch Frings nur allzu gut. Mit Interesse beobachtet er die Aufregung, die Jürgen Klinsmann in München produziert. "Bei ihm gibt es immer etwas Neues", sagt das Kraftpaket aus Würselen, "aber wenn auf dem Platz nichts läuft, helfen auch keine Buddhafiguren auf dem Dach." Unterhaltung à la Bremen geht anders - wieder zu besichtigen beim 4:3 in Schruns im Test gegen Aris Saloniki; eine anderthalbstündige Blaupause der vergangenen Saison.

Schwankungen zwischen Genie und Wahnsinn, vorne hui, hinten pfui. Insofern passt Zugang Sebastian Prödl, 20, bestens ins Profil: Zwei Kopfballtore sorgten für Aufsehen, die Stellungsfehler aber auch. Der EM-erprobte Ersatzmann des verletzten Per Mertesacker werde sich, glaubt Frings, übrigens bald noch wundern, "die deutsche Bundesliga ist ein bisschen stärker als die österreichische". Aber Werder ist ja bekannt dafür, die meisten Profis nach vorne zu bringen. Neuerdings auch mit Hightech-Training.

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