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Borussia Dortmund Ende einer Ära

Borussia Dortmund muss schmerzhaft erkennen, dass die Magie der Vergangenheit verraucht ist. Zählt Klopps „Immer-Vollgas“-Credo vielleicht zu den Gründen für die zahlreichen Verletzungen? Wie muss die Spielweise weiterentwickelt werden, um wieder in die Ligaspitze vorzustoßen?

19.03.2015 15:02
Daniel Theweleit
Turins Jubel nach dem Tor zum 2:0. Foto: dpa

Die Anhänger auf der Dortmunder Südtribüne verfügen traditionell über ein besonders feines Gespür für die Essenz außergewöhnlicher Momente. Nach dem ebenso enttäuschenden wie desillusionierenden 0:3 (0:1) gegen Juventus Turin und dem Achtelfinal-Aus in der Champions League gab es allerlei Motive für Pfiffe und Schmähungen. Ein durch und durch uninspiriertes Fußballspiel hatte der BVB seinem Publikum zugemutet, aber die Fans sangen und applaudierten nach dem Abpfiff. Oder vielleicht sollte man besser sagen: Sie nahmen Abschied von ihrem Ensemble weltweit bewunderter Europapokalhelden, das das Publikum „vier Jahre lang mit wunderschönen Abenden“ verzaubert hat, wie Kapitän Mats Hummels noch einmal in Erinnerung rief. Es war ein Moment der Trauer und der Dankbarkeit.

Offenbar war vielen Anhängern bewusst, dass sich Gesicht und Charakter dieser Mannschaft verändert haben werden, wenn die Dortmunder frühestens in eineinhalb Jahren in die Champions League zurückkehren. Denn der BVB steht vor einer Zäsur. Spätestens seit Mittwochabend ist klar, dass sich die Magie der Vergangenheit nicht reanimieren lässt, dass der BVB sich neu erfinden muss. Wie dieser Veränderungsprozess aussehen wird, ist in den kommenden Monaten die vielleicht spannendste Frage rund um den Revierklub.

Jürgen Klopp mochte auf solche Überlegungen vorerst nicht eingehen, „jetzt geht es in Hannover weiter, das ist für mich viel wichtiger, als darüber nachzudenken, wie wir irgendwann wieder Juve schlagen“, sagte der Trainer, aber intern wird natürlich längst an der Zukunft gebastelt. Und wenn nicht alles täuscht, geht Klopp gerade ein wenig auf Distanz zu Teilen seiner Mannschaft. „Wer nicht schießt, kann auch keine Tore erzielen“, sagte er in Anspielung auf die Mutlosigkeit seiner Angreifer. Wo er sich sonst schützend vor seine Spieler stellt, formulierte er nun eine deutliche Kritik. „Wir waren bemüht, aber das ist kein Riesenkompliment“, sagte er, „wenn man 20 Meter vor dem Tor am Ball ist, muss man entweder zum Abschluss kommen oder gefoult werden, in den entscheidenden Räumen fehlt uns die Kompromisslosigkeit.“

Bis vor Wochen erklärte Klopp solche Unzulänglichkeiten noch mit dem Verletzungspech, mit einer unzureichenden Saisonvorbereitung oder dem besonderen Druck des Abstiegskampfes. Auch die Debatte um die Vertragsverlängerung von Marco Reus störte die Konzentration, aber all diese Faktoren sind nicht mehr vorhanden. Nach den vier Siegen in der Bundesliga und dem passablen 1:2 im Hinspiel in Turin, war der Moment, in dem die Mannschaft hätte durchstarten können, viele Beobachter hielten gar eine Wiedergeburt der alten Borussia für möglich. Das war eine Fehleinschätzung. „Wir hatten die ganze Saison einen gewissen Knacks im Spiel“, sagte Torhüter Roman Weidenfeller, und der ist noch längst nicht repariert.

Eine Ära ist zu Ende

Daher werden nun viele Fragen neu gestellt werden: Zählt Klopps „Immer-Vollgas“-Credo vielleicht doch zu den Gründen für die zahlreichen Verletzungen, die Dortmunder Spieler sich in den vergangenen Monaten zugezogen haben? Wie muss die Spielweise weiterentwickelt werden, um wieder in die Ligaspitze vorzustoßen? Und welche der alten Helden sind bereit, sich ernsthaft vom großen BVB der Jahre 2011, 2012 und 2013 zu lösen, um eine neue Ära zu prägen? Denn die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des alten Zaubers, die auch in der Mannschaft kursierte, war während der vergangenen Wochen eher hinderlich. Nun ist sie endgültig, verflogen. „Wenn wir heute etwas gemerkt haben, dann, dass wir im Moment keine Berechtigung mehr haben, in der Champions League zu spielen“, sagte Klopp.

Die Konturen der Mannschaft, die den höchsten Ansprüchen irgendwann wieder genügen könnte, liegen allerdings noch im Dunkeln. Einen neuen Trainer wird es wohl nicht geben, und die Suche nach Spielern, die den Klub auf jeden Fall verlassen werden, ist schwierig, weil die meisten Verträge weiterlaufen, und weil vielen Profis zugetraut wird, irgendwann wieder ein höheres Niveau zu erreichen. Auch deshalb blieb Mats Hummels bewusst vage als er sagte: „Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass Borussia Dortmund immer wiederkommt, und ich hoffe, dass das auch für die Champions League gilt.“

Derzeit ist es schwer zu sagen, wann der BVB in die Champions League zurückkehrt. Die Ära der großen Europapokalhelden, die ihr Publikum Anfang der 2010er-Jahre verzauberten, ist aber an diesem Abend endgültig zu Ende gegangen.

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