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Besuch in Vancouver Noch kein Olympiafieber

Heute in vier Monaten beginnen die Winterspiele - und in Vancouver herrscht noch große Gelassenheit. Die Wettkampfstätten sind fertig - und vor allem: bereits getestet. Dafür gibt's Lob vom IOC. Von Gerd Braune

12.10.2009 00:10
Gerd Braune

Wie von Geisterhand fährt der Zug in den S-Bahnhof des Flughafens Vancouver ein. Auf dem Bahnsteig warten bereits die Fahrgäste, die in die Innenstadt wollen. "Canada Line", die neue, 1,2 Milliarden Euro teure Bahn zwischen Flughafen und Stadtzentrum, ist die neue Attraktion der Olympiastadt. Der Zug ist voll automatisiert und wird von einem Kontrollzentrum aus gesteuert. Es gibt keinen Zugführer.

In vier Monaten sind Vancouver und der 120 Kilometer weiter nördlich in den Bergen liegende Wintersportort Whistler Austragungsorte der 21. Olympischen Winterspiele (12. bis 28. Februar) und vier Wochen später der 10. Paralympischen Spiele. Als "Tor zum Pazifik" oder "Perle am Pazifik" wird Vancouver bezeichnet, das sich mit San Francisco einen Wettstreit um den Titel liefert, die schönste Stadt an der amerikanischen Westküste zu sein. Gebaut am Fuß der Berge und entlang von Pazifikbuchten, ausgestattet mit weitläufigen Parks, vornehmen Wohnvierteln, einer pulsierenden Innenstadt und ihrer Skyline, ist sie der Stolz der Bewohner, der "Vancouverites".

"Ob ich in der Stadt stehe oder auf dem Grouse Mountain und auf die Stadt schaue, es ist großartig", sagt der 22-jährige Student Daniel Mercer, der sich ein Bier in Johnnie Fox´s Irish Pub auf der Granville Street genehmigt.

Die Wettkampfstätten sind fertig und bereits getestet. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) lobt das Organisationskomitee Vanoc für die Einhaltung des ehrgeizigen Zeitplans. Langsam stimmen sich Vancouver und Whistler auf die Spiele ein, Interesse und Spannung wachsen. Richtiges olympisches Fieber ist aber noch nicht ausgebrochen. Das mag am heißen Sommer gelegen haben, dem nun ein warmer Herbst folgt, der Gedanken an Winter noch nicht aufkommen lässt. Aber auch an den Befürchtungen, dass die Spiele trotz gegenteiliger Versicherungen von Vanoc doch mit einem Defizit enden könnten, für das die Steuerzahler bluten müssen.

Zu den Kritikern gehört Am Johal von der Bürgerinitiative "Impact on Communities Coalition". "Was wir immer wieder sehen, ist die vorsätzliche Vernachlässigung der sozialen Folgen, die Mega-Ereignisse wie die Olympischen Spiele haben", sagt er. Olympia-Kritiker fürchten zudem, dass kommunale Gesetze genutzt werden, um Bürgerrechte einzuschränken und Proteste gegen die Spiele im Keim zu ersticken.

In Downtown Vancouver genießen die Menschen die Sonne und lassen sich in Straßencafés oder an einem der Springbrunnen vor den Glaspalästen mit ihrer spielerischen Architektur nieder. Gary Matson ist Anwalt. Nach dem Mittagessen in einem Restaurant hat der 64-jährige noch mit einem Becher Kaffee auf einer Bank Platz genommen. Es sei "eine Wesensart hier in Vancouver, alles etwas entspannter zu sehen".

"Vancouver ist eine wunderbare Stadt. Gesegnet von der Natur, in einer wunderbaren Landschaft mit Bergen, Ozean, Seen, Flüssen und Wäldern", sagt Matson. "Und es ist eine vibrierende Stadt, mit vielen kleinen Nischen - und Platz für viele ethnischen Gruppen." 600000 Menschen leben in der Stadt Vancouver, 2,2 Millionen im Ballungsgebiet "Greater Vancouver". Die Stadt ist geprägt vom asiatisch-pazifischen Raum. Nirgendwo sonst in Kanada ist der prozentuale Anteil der aus Asien stammenden Bevölkerung so groß. Chinesen, Japaner und Koreaner, Filipinos, Inder, Pakistani, Bangladeshi und Menschen aus vielen anderen Ländern Asiens oder dem Mittleren und Nahen Osten bilden ein buntes Völkergemisch.

Die Stadt am Pazifik ist vor Jahren einen Weg gegangen, der sich von dem anderer Städte Nordamerikas unterscheidet. "Vancouverismus" heißt das Städtebaukonzept, die weitläufige Ausdehnung zu bremsen und eine dichte Innenstadt zu schaffen, in der die Menschen arbeiten und leben. In den 70er-Jahren entschieden sich die Bürger gegen die "autogerechte Stadt" mit Hochstraßen, die die Städte zerschneiden. Statt Autobahnen zu bauen, wurde auf den öffentlichen Nahverkehr gesetzt.

Aber es gibt nicht nur die positiven Seiten einer lebendigen Innenstadt, in der sich Fußgänger wohlfühlen. Die Attraktivität der Innenstadt ließ die Wohnungspreise steigen. "Die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch. Aber die Kosten für Unterkunft sind unerhört. Für junge Leute ist das fast unerschwinglich", schimpft Matson. Rund 700000 Dollar (450000 Euro) für ein mittelmäßiges Einfamilienhaus sind gängig. 50 Prozent der Bewohner Vancouvers wohnen daher zur Miete, mehr als in anderen Großstädten Kanadas.

Die glitzernde Stadt hat auch ihre offene Wunde: "Downtown Eastside". Nur einen Steinwurf von Gastown, dem Touristenzentrum, entfernt zeigen sich Not, Armut, Drogenabhängigkeit und Prostitution. Nirgendwo in der industrialisierten Welt breiteten sich HIV und Aids so schnell aus wie in Vancouvers Downtown Eastside. Gleichzeitig hat sich die Eastside auch zum Ort sozialen Engagements entwickelt - und ist Standort einer für Nordamerika einzigartigen Einrichtung: "Insite", ein sauberer, sicherer Ort, an dem Drogenabhängige unter Anwesenheit von medizinischem Personal ihre Drogen spritzen können.

Für Anwalt Matson wird es Zeit, ins Büro zurückzukehren. Ob er sich Wettbewerbe ansehen wird? Er sieht es als "Vancourite" gelassen. "Vielleicht kaufe ich mir im November ein paar Karten. Es ist ja noch Zeit."

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