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Bei den deutschen Langstrecklern geht fast nichts

Trotz Laufbooms / Breitensport in Konkurrenz zum Leistungssport

06.08.2005 12:08
ULRIKE JOHN, DPA
Sabrina Mockenhaupt von der LG Sieg gewinnt bei den DeutschenLeichtathletik-Meisterschaften in Bochum die 5000 m in 15:09,39Minuten (Archivfoto vom 02.07.2005). Foto: ddp

Stuttgart (dpa). 17 Millionen Hobbyläufer in Deutschland, 3500 Lauftreffs, jährlich über 3500 Volksläufe mit mehr als 1,5 Millionen Teilnehmern - aber nur eine hatte den Atem, sich für die Leichtathletik-Weltmeisterschaften zu qualifizieren. Sabrina Mockenhaupt startet als einzige deutsche Langstreckenläuferin bei den am Samstag in Helsinki beginnenden Titelkämpfe, bei den Männern läuft gar nichts. "Ich kann mir meine Konkurrenz nicht aussuchen. Es ist einfach so in Deutschland", sagt die kleine 10.000-Meter-Spezialistin von der LG Sieg. "Das Freizeitlaufen boomt, aber es schlägt kaum jemand den Weg zum Leistungssport ein."

1500, 5000, 3000 Meter Hindernis und Marathon - all diese Rennen finden bei der WM ohne deutsche Beteiligung statt. Bei den Männern konnte sich auch über 10.000 Meter niemand qualifizieren. Der Tübinger Hindernisläufer Filmon Ghirmai wurde wieder aus dem WM- Aufgebot gestrichen, nachdem er wegen einer Achillessehnenreizung nicht mehr schnell genug war. Bei den Frauen ist auch "auf die Schnelle" nichts zu machen: Die 100, 200, 400, 4 x 100 Meter hat derDeutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ebenfalls nicht besetzt.

"Ganz Europa tut sich im Laufbereich sehr schwer gegen die afrikanischen Länder", sagt der neue Langstrecken-Bundestrainer Detlev Uhlemann. "Die Situation ist nicht gerade ermutigend und ich sage den jungen Talenten immer, sie sollen vor allem schauen, dass sie ihre Bestzeiten verbessern." Denn Wunderläufer wie der ÄthiopierKenenisa Bekele erscheinen mitunter wie Wesen von einem anderen Stern. Während sich früher der Rest der Welt "nur" gegen die übermächtigen Kenianer erwehren musste, machen die Äthiopier aus internationalen Endläufen längst Länderkämpfe.

"Die Afrikaner sind genetisch und von den Lebensbedingungen her bevorteilt", erklärt Uhlemann. "Aber man darf auch nicht vergessen: Das sind Lebensbedingungen, die wir nicht haben wollen." Er könne jedoch auch in Deutschland keinem jungen Athleten guten Wissens raten, voll auf die Karte Leistungssport zu setzten. Eine Ausbildungvertrage sich aber oft nicht mit dem enorm zeitaufwendigen Ausdauertraining. "Langstreckenlauf ist in Deutschland nichts für Blitzerfolge", sagt Uhlemann.

Die letzten internationalen Läufermedaillen für den DLV gewannen bei der EM 2002 in München Luminita Zaituc und Sonja Oberem (Silber und Bronze) im Marathon und Dieter Baumann als Zweiter über 10.000 Meter. Doch selbst der Olympiasieger tut sich schwer mit seiner Trainingsgruppe in Tübingen und hat keinem seiner Schützlinge zu einer WM-Teilnahme verhelfen können.

25 Jahre nachdem der Hallenser Waldemar Cierpinski in Moskau sein zweites olympisches Gold geholt hat, sieht es auch im deutschen Marathon schlecht aus. Nicht nur Meister Martin Beckmann scheiterte an der WM-Norm (2:12,00 Stunden). Vize-Europameisterin Luminita Zaituc fährt wegen Trainingsrückstands nicht nach Helsinki. Andere wiederum konzentrieren sich auf die hoch dotierten Städtemarathons.

Dabei zieht die 42,195 Kilometer lange Strecke immer mehr Sportler an. Im vergangenen Jahr fanden hier zu Lande nach DLV-Angaben 98 Marathonläufe statt. Allein in Berlin kamen 28000 ins Ziel. Insgesamt beendeten etwa 100000 Läufer in Deutschland (davon etwa 20 Prozent Frauen) ein Rennen. "Von dem Laufboom können wir für den Spitzensport gar nichts rausziehen. Das ist fast sogar Konkurrenz für uns", meint Bundestrainer Uhlemann. "Viele junge Talente, die in den Spitzensport gehen könnten, entscheiden sich für den Breitensport."

Sabrina Mockenhaupt ist ein Beispiel dafür, dass man international doch Fuß fassen kann. In Helsinki hat die extrovertierte Läuferin noch etwas gutzumachen: Bei der WM 2003 in Paris war sie ausgestiegen und hatte so herzzerreißend geheult, dass die Szene in Stefan Raabs "TV Total" rauf und runter lief. Bei den Olympischen Spielen in Athen stand die 25-Jährige erneut in den Stadionkatakomben und weinte - vor Glück, weil sie als 15. ins Ziel gekommen war. "Aufgeben", sagte sie und sprach damit Millionen von Hobbyläufern aus der Seele, "aufgeben will ich nie wieder".

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