Lade Inhalte...

Aries Merritt Weltrekordler mit Niereninsuffizienz

Vier Tage nach dem 110-Meter-Hürdenfinale erhält Weltrekordler Aries Merritt ein Spenderorgan. Der 30-jährige US-Amerikaner will trotz des Handicaps um den Titel mitlaufen.

25.08.2015 14:11
Reinhard Sogl
Noch immer schnell unterwegs: Aries Merritt. Foto: REUTERS

Das Finale bei der Leichtathletik-WM in Peking am Freitag ist für die weltbesten Hürdensprinter der Saisonhöhepunkt und es spricht manches dafür, dass auch Weltrekordler Aries Merritt dann wieder an der Startlinie stehen wird. Für den Olympiasieger 2012 aus den USA ist dieser 28. August aber nur der zweitwichtigste Termin des Jahres, denn schon am 1. September folgt für ihn ein noch bedeutenderer Tag. Der 30-Jährige, dessen Nieren nur noch zu 20 Prozent arbeiten, wird dann nämlich ein Spenderorgan erhalten.

Zuvor aber will Merritt weitere Meriten sammeln. „Mein Ziel für Peking ist wie das von allen anderen auch: Ich will Weltmeister werden“, sagt er vor dem heutigen Vorlauf. Aber er gibt auch zu: „In meiner derzeitigen Verfassung würde es mehr als genügen, wenn ich ins Finale käme und eine Medaille gewinnen würde.“ In der chinesischen Kapitale ist er mit seinen im Mai gelaufenen 13,12 Sekunden siebtschnellster Teilnehmer.

In Eugene stellte Merritt gewissermaßen eine Bestmarke für Menschen mit Niereninsuffizienz auf, nachdem er am 7. September 2012 in Brüssel mit 12,80 Sekunden den noch gültigen Weltrekord über die 110 Meter Hürden in seinen Besitz gebracht hatte. Zwischen beiden Rennen lag ein monatelanger Wettlauf gegen eine lebensbedrohende Erkrankung.

Nachdem Merritt zum Welt-Leichtathleten des Jahres 2012 gekürt worden war, sollte er schon in der folgenden Saison nicht an seine Leistungen anknüpfen können. Bei der WM 2013 wurde er Sechster. „In Moskau ist mir bewusst geworden, dass irgendetwas nicht stimmte. Danach aber erst wurde ich richtig krank, ich war ohne Energie, kurzatmig und konnte mich kaum erholen“, wird Merritt auf der IAAF-Seite zitiert. Im Oktober suchte er die Notfallaufnahme der Mayo Clinic in Arizona auf und erhielt von den Ärzten eine niederschmetternde Diagnose. „Als sie mir sagten, dass ich ein Nierenleiden habe, ist mir das Herz zerbrochen“, erzählt der Mann mit der Rasta-Mähne. Er würde vielleicht nie mehr rennen können.

Seltener Gendefekt

Merritts Problem geht auf einen seltenen Gendefekt zurück. Die Malaise verschlimmerte sich dramatisch, weil ein Virus Nieren und Knochenmark befiel. Von Oktober 2013 bis Ende April war er im Krankenhaus. Die Leistungsfähigkeit der Nieren sank auf 15 Prozent. Merritt verlor an Muskelmasse, an körperliche Belastung war monatelang nicht zu denken. Erst im Frühjahr, als der Virus besiegt war, begann er wieder mit leichtem Training. Nach nicht mal sechs Wochen Vorbereitung kehrte der Mann, der von dem aus Frankfurt stammenden Coach Andreas Behm in Phoenix trainiert wird und zu dessen Teamkollegen auch der deutsche WM-Starter Matthias Bühler aus Offenburg zählt, im Mai 2014 auf die Bahn zurück. Das Comeback endete nach 13,78 Sekunden, aber Merritt freute sich über die Zeit so sehr wie weiland beim Weltrekord: „Nachdem mir gesagt worden war, dass ich vielleicht nie mehr laufen können würde, war ich einfach nur glücklich, wieder das tun zu können, was ich liebe.“

In der Saison 2014 verbesserte er sich noch auf 13,27 Sekunden und obwohl er aufgrund der arg eingeschränkten Nierenfunktion nicht optimal trainieren kann, war er im WM-Jahr in der Lage, wieder Zeiten unter 13,20 anzubieten. Bei den stark besetzten US Trials wurde er Dritter und qualifizierte sich für seine fünfte WM. „Nach allem, was ich mitgemacht habe, ist das ein Segen“, sagt Merritt, der sein Leistungsvermögen auf 75 Prozent im Vergleich zu 2012 taxiert. Es ins US-Team geschafft zu haben, gebe ihm „Selbstvertrauen, aber ich weiß, dass noch viel mehr in mir steckt. Ich muss nur zu hundert Prozent gesund sein.“ Merritt hofft, nach seiner Operation wieder so fit zu werden, dass er auch seine Bestzeit drücken kann. Es wäre ein Weltrekord eines Menschen mit fremder Niere.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen