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Anschlag auf Fußballer "Ich war dem Tod sehr nah"

Vor drei Jahren wurde Togos Nationalelf von Rebellen beschossen. Assimiou Touré vom SV Babelsberg war dabei - und überlebte unverletzt. Doch der Anschlag verfolgt ihn bis heute.

08.01.2013 18:44
Tino Scholz
In Bussen kommen die Erinnerungen: Assimiou Touré (Archiv-Foto vom 19.07.2007). Foto: dpa

Vor drei Jahren wurde Togos Nationalelf von Rebellen beschossen. Assimiou Touré vom SV Babelsberg war dabei - und überlebte unverletzt. Doch der Anschlag verfolgt ihn bis heute.

Assimiou Touré dachte an Hagel. Oder, dass der Bus kaputt sei. Irgendwoher mussten diese dumpfen Einschläge ja kommen, normal hörten sie sich nicht an. Doch es konnte kein Hagel sein, dafür war es draußen viel zu heiß. Und der Bus fuhr, kaputt war er also auch nicht. Die Einschläge aber häuften sich, wurden lauter. Als schließlich die ersten Fenster zersprangen, erkannte auch Assimiou Touré, in welch unheilvolle Situation er geraten war: Er befand sich mitten in einem Hagel aus Blei. Von links und rechts wurde geschossen, seine Freunde und er schrien. Sie verkrochen sich zwischen den Sitzreihen. Dort glaubten sie sich sicher. So sicher, wie man sich eben fühlen kann, wenn man unter Beschuss steht.

„Vor den ersten Schüssen lachten wir noch, machten Späße, genossen das Leben“, sagt Touré. „Wer rechnet denn schon damit, in der nächsten Sekunde beschossen zu werden?“ Auf den Tag genau vor drei Jahren war er mit Togos Fußball-Nationalmannschaft auf dem Weg nach Angola zur Afrika-Meisterschaft. 15 Minuten waren die Fußballer von ihrem Hotel entfernt, als sie aus dem Kongo kommend die Grenze nach Angola überquerten. „Aus 15 Minuten wurden dann mehrere Stunden“, sagt Touré.

Angegriffen wurde sie von angolanischen Rebellen der Befreiungsfront für die Unabhängigkeit von Cabinda, kurz Flec. Diese kämpften für die Abtrennung der ölreichen Provinz Cabinda von Angola, ein Konflikt, der noch heute schwelt. Mit dem Terrorakt gegen den togolesischen Bus wollten die Guerillas ihre Macht demonstrieren, ihnen missfiel angeblich, dass der Afrikanische Fußballverband ein kontinentales Großturnier in Angola austragen ließ. Deshalb schossen sie, deshalb mussten bei dem Überfall Togos Pressesprecher Stanislas Ocloo, Assistenztrainer Abolo Amelete sowie der Busfahrer sterben.

Spieler und Cheftrainer wurden verletzt

Weitere Spieler und der damalige Cheftrainer Hubert Velud wurden verwundet, Assimiou Touré blieb unverletzt. Er war damals 22 Jahre alt, kurz vor dem Turnier hatte er eine anderthalbjährige Leidenszeit wegen eines komplizierten Schien- und Wadenbeinbruchs hinter sich gebracht. Für ihn sollte der Afrika-Cup ein Neuanfang sein. Doch daraus wurde nichts, denn Togos Regierung zog ihre Auswahl vom Turnier zurück. „Die richtige Entscheidung“, findet Touré.

In diesem Jahr werden die Sperber, so der Spitzname des Teams, erstmals seit dem Anschlag wieder am Afrika-Cup in Südafrika (19. Januar bis 10. Februar) teilnehmen. Dann allerdings ohne Assimiou Touré, er steht nicht im Kader. Der mittlerweile 25-Jährige spielt seit diesem Sommer für den Potsdamer Drittligisten SV Babelsberg, er ist untergetaucht in der grauen Masse, nachdem er vor sieben Jahren noch als großes Talent gefeiert worden war. Damals debütierte Touré für den Bundesligisten Bayer Leverkusen und spielte bei der WM in Deutschland zwei von drei Partien für sein Land. „Ich lebte meinen Traum“, sagt er.

Doch nichts blieb, wie es war. Touré erlitt 2007 seinen Schien- und Wadenbeinbruch, dann folgte 2010 der Terroranschlag. „Und ich war im Kopf nicht so reif wie heute“, gibt er zu. Bis zu seinem Engagement in Babelsberg war Touré sogar ein Jahr ohne Verein. Jetzt spielt er wieder, wenn auch nur noch vor ein paar Tausend Menschen. „Aber ich bin dankbar für diese Chance“, sagt er.

Touré sitzt im Stadion seines Klubs, das Training ist längst beendet und auf dem Parkplatz warten die Mitspieler, die mit ihm nach Berlin wollen. Doch je länger er redet, desto tiefer taucht Touré ein in die Erinnerungen an den Anschlag. „Ich bin im Alter von fünf Jahren nach Deutschland gekommen und hier aufgewachsen. Ein Großteil der Nationalspieler von damals kam wie ich aus Europa, wir kannten nur wenig von Afrika.“ Mit ihm im Bus saßen Profis, die in Frankreich oder England ihr Geld verdienten. Emmanuel Adebayor etwa spielte zur damaligen Zeit für Manchester City, er war Togos Topspieler. „Adebayor saß in der letzten Reihe, ich in der vorletzten“, erinnert sich Touré. „Das war unser großes Glück.“

Erst durchsiebten die Rebellen den Gepäckbus der Togoer, dann nahmen sie den Bus der Mannschaft unter Beschuss, vor allem den vorderen Teil. Die Spieler brüllten zum Busfahrer, dass er doch weiterfahren solle. „Aber er fuhr nicht“, sagt Touré. „Wir wussten ja nicht, dass er längst zur Hälfte durchlöchert war.“

Der Angriff dauerte 15 Minuten

15 Minuten dauerte der Anschlag insgesamt. 15 Minuten, in denen Touré nur die Hoffnung blieb. Er habe nichts, überhaupt nichts gedacht, sagt er. „Du willst nur weg, kannst aber nicht, es ist schrecklich.“ Dabei ging der Angriff sogar noch glimpflich aus: Dass er nicht in einem Massaker endete, hatten die Spieler einer etwa 30 Mann starken Militäreskorte zu verdanken, die sich mit den Rebellen ein Feuergefecht lieferte und diese schließlich verjagen konnte. „Ohne das Militär hätte es wohl jeden Einzelnen von uns getroffen“, sagt Touré. „Und ich wäre für immer in Togo geblieben.“

Während er spricht, lächelt Assimiou Touré oft. Selbst als er sagt: „Ich habe mich dem Tod sehr nah gefühlt.“ Es ist sein Weg, mit den Geschehnissen von damals umzugehen. Alles sei verarbeitet, auch Albträume habe er nicht, sagt er. „Ich glaube, ich bin dadurch nur stärker geworden.“ Nur wenn er in seiner Heimat Togo einen Bus besteigt, beschleicht ihn manchmal noch ein mulmiges Gefühl. Dann ist es nämlich wieder in seinem Kopf, dieses dumpfe Geräusch. Das sich so anhört, als sei der Bus kaputt.

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