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Schlappekicker-Preis In der Ruhe liegt die Kraft

Der Frankfurter Verein Frauen in Bewegung erhält den Schlappekicker-Preis 2009 der Frankfurter Rundschau.

Die Mädchen sind mit Begeisterung dabei. Vor ihnen steht Trainerin Stephanie Taibi, die so genannte "Sansaboum", und gibt den Takt vor, alle hören aufmerksam zu. Die nächste Übung ist der "Große Traum", auf koreanisch "Dae Mahng" genannt, eine Blocktechnik im Taekwondo, jenem Kampfsport aus Korea, der Fuß (Tae), Faust (Kwon) und Geistweg (Do) miteinander vereint. Dazu gehört das Meditieren: Die Mädchen werden für eine Minute völlig ruhig, dann klopft eine nach der anderen mit der Faust auf den Mattenboden und schreit laut heraus: "Ich bin mutig", "Ich bin stark", "Mir macht Taekwondo Spaß".

Der Kurs für Mädchen zwischen fünf und sieben Jahren ist freilich nur einer von vielen, den der Frankfurter Verein Frauen in Bewegung (FiB) sowohl an seinem Hauptsitz in der Gaußstraße 12 als auch andernorts anbietet. Das Angebot umfasst Kurse in Basisgymnastik und Philippinischer Stockkampfkunst, aber auch Selbstverteidigungs- und Gewaltpräventionskurse für Frauen und Mädchen, darunter auch Kurse für körperlich und geistig Behinderte.

Besonders am Herzen liegt dem Verein auch die Arbeit mit Migrantinnen. Ob aus der Türkei, Marokko, Kroatien, Serbien, Polen - bei FiB sind alle Frauen und Mädchen jederzeit herzlich willkommen. So hat das Team um Leiterin Sunny Graff, zu dem außer acht Lehrerinnen auch zwei Gewaltpräventionstrainer gehören, erst in diesem Jahr unter dem Motto "Integration durch Sport" in Zusammenarbeit mit dem Stadtjugendamt und Migrantinnen-Organisationen mehrere Schnupperkurse angeboten, in denen Mütter und Töchter erfahren haben, was es heißt, sich durch starke Körpersprache und lautes Schreien gegen Gewalt zu wehren. Ein Blick auf die Zahlen genügt, um deutlich zu machen, wie erfolgreich dieses Projekt verlaufen ist: Etwa ein Drittel der rund 280 Mitglieder sind inzwischen Migrantinnen, darunter viele Frauen und Mädchen aus dem muslimischen Kulturkreis. Das ist in Frankfurt einzigartig.

Diese vorbildliche Arbeit ist jetzt auch von der Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau anerkannt worden. Nachdem die Jury lange über die sieben Bewerbungen für den Schlappekicker-Preis des Jahres 2009 beraten hatte, honorierte sie schließlich das außergewöhnliche Engagement des Vereins Frauen in Bewegung. Der mit 5000 Euro dotierte Preis, der seit 1998 Vereine oder Einzelpersonen für vorbildliches soziales Engagement im Sport belohnt, wird heute Abend im Frankfurter Römer verliehen.

Kampfkunst und Meditation

"Es gibt zu viel Gewalt in der Gesellschaft", sagt Sunny Graff, die den Verein vor 24 Jahren gemeinsam mit Ika Hügel, die mittlerweile in Berlin arbeitet, gegründet hat. "Wir wollen versuchen, den Mädchen andere Handlungsweisen zu vermitteln, mit denen sie Konflikte lösen können. Die Mädchen lernen, Grenzen zu setzen und Grenzen zu respektieren. Bei uns können sie sich frei entfalten." Für Graff war die Gründung des Vereins eine echte Herzensangelegenheit. Als Jurastudentin saß die US-Amerikanerin in der Notrufzentrale für vergewaltigte Frauen, als 16-Jährige hatte sie erlebt, wie eine ihrer Freundinnen ermordet worden war. Damals engagierte sich Graff in der Frauenbewegung, begann mit Kung-Fu, verlegte sich dann aber auf Taekwondo und gewann 1979 die Weltmeisterschaft. Als die heute 58-Jährige vier Jahre später mit einem Stipendium der Columbia University von New York nach Deutschland kam, wollte sie eigentlich nur ein Jahr hier bleiben. Doch als die Frage aufkam, ob sie lieber als Professorin in den USA oder als "Sabumnim" (Kampfkunstmeisterin) in Deutschland arbeiten wollte, fiel ihr die Entscheidung relativ leicht: "Ich habe das gemacht, was mir Lust macht."

Seit nunmehr knapp 20 Jahren ist auch Stephanie Taibi bei FiB mit an Bord. "Ich habe damals einen Selbstverteidigungskurs mitgemacht - und bin danach nicht mehr weggegangen", sagt die 44-Jährige, die als Kampfkunsttrainerin genau das macht, "was ich tun möchte". Für die Musikerin, die früher an einer Musikschule gearbeitet hat, ist Taekwondo viel mehr als nur ein Sport: "Man wächst nicht nur körperlich, sondern auch im Geist."

Tatsächlich wird das Kampfkunsttraining bei FiB vom koreanischen Leitsatz "Shim Shin Suryon" geprägt, dem Training von Körper, Geist und Emotionen. Meditation, geistige Entwicklung, Freundschaft und der Aufbau einer Gemeinschaft sind ebenso wichtig wie das Erlernen von Kampfkunsttechniken. Selbstachtung und Achtung für andere sind die Grundlagen des Trainings. Besonders beeindruckt ist Taibi, die 160 Mädchen bei FiB betreut, von der Hilfsbereitschaft der Kinder. "Die Mädchen unterstützen sich gegenseitig, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Die Neuen werden sofort in die Gruppe integriert. Die Hilfe geht über den reinen Sport hinaus, das reicht bis ins Leben hinein."

Um den Mädchen noch bessere Möglichkeiten zu geben, ihre Führungsqualitäten zu schulen, will der Verein das Schlappekicker-Preisgeld dazu nutzen, entsprechende Kurse anzubieten. Umso einfacher wäre es dann für den Verein nämlich, sein wichtigstes Ziel zu verwirklichen. "Bei uns geht es nicht um Leistung", sagt Graff, "sondern darum, der beste Mensch zu werden, der wir sein können."

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