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Karl Gerold am 13. Februar 1969 über die Rückgabe des Bundesverdienstkreuzes Gewogen - und zu leicht befunden

Es war an einem Tag im Jahre 1967, als ich nach vielen reiflichen Überlegungen aus den Händen des Ministerpräsidenten Zinn in Wiesbaden das "Große

29.08.2006 00:08
KARL GEROLD

Es war an einem Tag im Jahre 1967, als ich nach vielen reiflichen Überlegungen aus den Händen des Ministerpräsidenten Zinn in Wiesbaden das "Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland" entgegennahm. Ich hatte an diesem Abend, der festlich schön, von menschlicher Wärme, die aus den Worten von Georg August Zinn sprach, ein ungemeines Gefühl von Glück, das einem demokratischen Bürger zuteil werden kann. Es ist nicht gut, wenn man von sich selbst reden muss, auch dann nicht, wenn man, wie ich in diesem Augenblick, dazu gezwungen ist. Aber es geht um die Sache.

Ministerpräsident Georg August Zinn sagte in seiner bewegenden Ansprache, dass ich das Große Bundesverdienstkreuz sowohl aus meinem Lebenswerk als auch durch mein stetiges entschlossenes Eintreten für Freiheit, für Menschlichkeit und für soziale Gerechtigkeit erhalten habe. Und das - neben vielen anderen ergreifenden Aussagen über dieses Thema -, in dem sich das politische Lebenswerk nicht nur meiner Person, sondern aller anderen bekannten und unbekannten deutschen Antifaschisten niederschlug, hat mich bewogen, den Orden anzunehmen. Obwohl ich - und das muss hier auch gesagt sein - kein geborener Ordensträger bin. Im Gegenteil: Durch meine vieljährigen Emigrations- und Studienaufenthalte in der Schweiz bin ich zum Anhänger des dort bestehenden demokratischen Verbots, Orden auszugeben oder gar anzunehmen, geworden. Das gilt in diesem demokratischen Lande auch für das schweizerische Diplomatische Corps.

Kerkertüren werden sich öffnen

Nun hat mich hart die Mitteilung getroffen, dass der faschistische Informationsminister Iribarne, der im diktatorialen Spanien des Generals Franco dieselbe Rolle spielt, wie sie bei uns der unselige Goebbels gespielt hat, einen Orden für seine Verdienste um die deutsch-spanischen Beziehungen erhalten hat. Und das in einem Augenblick, da sein General Franco durch den Ausnahmezustand in Spanien über die dort herrschende faschistische Diktatur noch einen zusätzlichen Ausnahmezustand über das spanische Volk in allen seinen verschiedenen Teilen verhängt hat. Die Pressezensur wird jetzt noch viel schärfer als zuvor ausgeübt. Noch viel härter als bisher werden die nach Freiheit lechzenden spanischen Arbeiter, zum Großteil die katholischen Priester mit ihren gläubigen Gemeinden wie die Studenten, verhängnisvoll unterdrückt und bestraft. Selbst Rechtanwälte, deren Beruf es ist, Angeklagte zu verteidigen, werden aus diesem Grunde in spanische Einöden für unbestimmte Zeit verschickt. Ausdrücklich wird dabei betont, dass diese Menschen in der nicht abmessbaren Zeit ihrer Verbannung keine Verbindung mit ihren Familien, das heißt auch nicht mit ihren Kindern, aufnehmen dürfen. Unmenschlichkeit häuft sich über Unmenschlichkeit in dem schwarzen, diktatorial-faschistischen Spanien. Vergebens protestieren die Studenten und die Gläubigen. Umsonst fordern Mengen von Publikum, zum Beispiel in Barcelona, die Sänger auf, das Lied zu singen: "Wir sagen Nein!" Umsonst, denn die Sänger sind in die Kerker und hinter Stacheldraht gesperrt. Auch die Nichte des von Francisten ermordeten, von aller Welt geliebten spanischen Dichters Garcia Lórca wurde verhaftet. Man wagt es kaum zu glauben. Und es ist doch so!

Aber die spanischen Faschisten irren sich. Die Kerkertüren werden sich öffnen. Und wenn auch die Lieder der spanischen Freiheitsbewegung heute im Untergrund erklingen müssen, man wird sie trotzdem wieder hören. Wie zum Beispiel dasjenige, das die Arbeiter singen, in dem eine Strophe heißt: "Es singt der Hammer / singt der Motor / sie rufen zum Singen / den Arbeiter vor…"

Dies alles hat in mir die Flut von Gedankenverbindungen und Erinnerungen an die Zeit des unseligen spanischen Bürgerkriegs hervorgerufen. An die Heldenkämpfe der Madrider Arbeiter, die ausgezogen waren, um die rund um die Hauptstadt sich immer wieder wiederholenden Angriffe durch Wochen und Monate hindurch siegreich zu bestehen. An die Freiheitskämpfe der katalonischen Männer und Frauen in Barcelona. An die baskischen Widerständler der dortigen Katholiken, Sozialisten und Demokraten. Das war vor dreißig Jahren, als dieses Volk so gut wie vier Jahre lang in einem Meer von Gräueltaten seine Freiheit verteidigen musste.

Erinnerung an Guernica

Aber, so werden mich viele fragen, was hat das mit Deutschland und der Verleihung des Ordens an den spanischen Informationsminister Manuel Fraga Iribarne zu tun? Darauf gibt es eine Antwort. Greifen wir einige Beispiele aus der vergangenen Zeit heraus. Aus aller Welt strömten Menschen in Spanien zusammen, um ihren spanischen Freunden zu helfen. Sie taten es in dem Bewusstsein, dass die zu erkämpfende Freiheit unserer Zeit eine Sache ist, die über die Grenzen reicht. Die spanischen Bauern und Arbeiter hätten jedoch auch ohne fremde Hilfe gesiegt, wenn nicht Hitler und Mussolini mit ihren mächtigen militärischen Interventionen die stets wandernden Franco-Fronten aufrecht erhalten hätten.

Mussolini schickte seine faschistischen Banditen unter der Bezeichnung "Schwarze Legion" an die Front, um das wankende Franco-Regime zu stützen. Freilich: Diese Italiener sind jeweilig den Kämpfen, so gut sie konnten, ausgewichen. Das spricht nicht gegen sie - sehr im Gegenteil. Hitler aber schickte Maschinen, Kanonen, Panzer und Flugzeuge, zum Teil sogar auf dem Umweg über portugiesische Häfen. Vor allem aber schickte er, der mitten in seiner eigenen deutschen militärischen Aufrüstung stand und seinen eigenen Krieg vorbereitete, seine "Flughelden" von der "Legion Condor". Während in Deutschland die Vernichtungsmaschinerie gegen deutsche Widerstandskämpfer und wahrhaft unschuldige Juden auf höchsten Touren lief, waren deutsche Flieger die deutschen Heulbomben, wie sie damals aufkamen, auf republikanische Städte und Städtchen, die sie zum Teil mitsamt der gesamten Bevölkerung - wie zum Beispiel Guernica - buchstäblich "ausradierten". Es sind zu viel der Fälle, um sie noch weiter zu zitieren. Noch sehen wir angstvoll und unwissend die Frauen und Kinder zum Himmel starren, aus dem sich die deutschen Sturzkampfflieger mit ihren vernichtenden Heulbomben herunterstürzten. Dies ohne dass eine Gegenwehr von Belang auf republikanischer Seite möglich gewesen wäre. Und dann der Tod, das Verderben, die Flucht der wenigen, die übrig blieben, um in Frankreichs Flüchtlingslagern im Hunger so gut wie zu verkommen…

Schmähliches Vorgehen

Dies ist in einigen wenigen Worten die ungeheuerliche Situation, in der die deutschen und italienischen Faschisten mit Hilfe Francos den Zweiten Weltkrieg als Vorübung gestaltet haben. Unsere heutige Jugend muss die Wahrheit wissen. Nämlich die Wahrheit, dass Franco nur mit Hilfe der deutschen Faschisten siegen konnte. Die Wahrheit, dass diese "schöne" Bundesrepublik entgegen der aufkeimenden spanischen Freiheitsbewegung heute zwar nicht Condor-Legionen und Heulbomben schickt, sondern einen hohen Orden für einen francistisch-faschistischen Minister. Was sollen die spanischen Menschen, die sich auf dem Weg befinden, Freiheit unter Opfern zu erreichen, von dem heutigen Deutschland denken?!

Die Antwort ist: Sie sagen, die Deutschen sind eben und bleiben die Deutschen - gleichgültig ob sie Nazis sind oder sich Demokraten nennen…

Aus diesem Grunde gebe ich heute, im Moment des verhängten spanischen Ausnahmezustandes, das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik zurück. Wenn die "Bonner Demokraten" Verdienstorden und Doktorhüte an Faschisten verteilen und von Faschisten annehmen, so will ich nichts, aber auch gar nichts, mit diesem schmählichen Vorgehen zu tun haben. Nie und nimmer kann ich einen Orden im Besitz haben, wenn meine Freunde, die spanischen Freiheitskämpfer, durch diejenigen im Zuchthaus sitzen, denen Ihr Eure Orden verleiht. Und deshalb sende ich mit gleicher Post, da diese Zeitung in Bonn erscheint, den mir verliehenen Orden an den Herrn Bundespräsidenten zurück.

Als Lehrbeispiel für Bonner Demokraten, um mit Ulrich von Hutten zu reden: "Ich hab's gewagt mit Sinnen…"

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