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FR-Umzug Die Rundschau ist wieder hibbdebach

Die Frankfurter Rundschau zieht von Sachsenhausen ins Gallus. Die Redakteure machen Zeitung inmitten von Umzugskästen und hoffen auf einen guten Neuanfang.

Angekommen: In diesem Gebäude arbeitet jetzt die FR-Belegschaft. Und danke liebe Sonne, für die freundliche Begrüßung. Foto: Peter Jülich

Hoppla, hier kommt die Rundschau: Kurz vor sechs Uhr früh steht der erste wackere FR-Mann am Donnerstag vor der Tür zum neuen Domizil an der Mainzer Landstraße – es ist Online-Sportskamerad Stefan Krieger. Dass wir derart ausgeschlafene Leute haben, hat im Gallus wohl niemand erwartet; die Tür ist zu. Krieger muss einige Abenteuer bestehen, um schließlich als glorreicher Vorreiter zur Frühschicht einzuziehen.

Ansonsten kann man sagen: Das hat hingehauen. Die Aufgabe war: mittwochabends eine tolle Zeitungsredaktion in Sachsenhausen verlassen, donnerstagmorgens eine noch tollere (mit Goldfischteich vorm Fenster) im Gallus in Betrieb nehmen. Und siehe da: Sogar eine Zeitung haben wir am Tag des Umzugs gemacht. Und am Tag danach gleich noch eine! Hier ist sie!

Gut, so mancher hadert am Donnerstag mit den veränderten Anreisebedingungen. Da kommt etwa der 27er Bus satte fünf Minuten zu spät, so dass der Umzugsreporter den S-Bahn-Anschluss verpasst und eine Viertelstunde auf einem zugigen Vorstadtbahnhof stehen muss. Schlimm. Aber wenn das alles ist …

Was beim Umzug so alles auftaucht

Dass die wichtigen Dinge klappen, dafür sorgt Michaela Langlotz, die Projektmanagerin. Sie hat schon die Berliner Staatsoper umgezogen und das Bundesverfassungsgericht. Da wird sie die Rundschau doch auch hinkriegen. Glaubt sie. Was ihr Zuversicht gibt, ist unter anderem die Darmstädter Speditions- und Möbeltransportgesellschaft Friedrich Friedrich.

Friedrich Friedrich? Ja – einer der Gründer hieß mit Vornamen Friedrich und mit Nachnamen ebenso. Seine Männer stehen am Mittwochmittag plötzlich auf den FR-Fluren in Sachsenhausen und wollen unsere Sachen mitnehmen: Kartons, Telefone, Stühle, Papierkörbe. Alles, wo schon ein orangefarbener Aufkleber drauf ist. Der Vorarbeiter verteilt gerade die Aufgaben: „Du bleibst hier, du bleibst hier, du gehst ans Auto, du gehst da rüber, und du gehst auch da rüber.“ Oje, und wir haben noch nicht mal ordentlich Kartons gepackt mit unseren Aufklebern drauf!

Wenn die Sachen nur nicht so interessant wären, die da rein sollen. Layout-Guru Stefan Affentranger hat zwei große, prall gefüllte Briefumschläge gefunden, die einen Schatz enthalten: Fotos von früher – und Postkarten, von FR-Journalisten aus aller Welt nach Hause in die Redaktion geschickt. Nachrichtenredakteur Werner Neumann grüßt aus Neuseeland, seine Worte sind noch an „6000 Frankfurt“ adressiert. London-Korrespondent Peter Nonnenmacher schickt einen Beweis für die Existenz des Ungeheuers vom Loch Ness.

Die Nachwelt rätselt heute noch, ob Nonnenmacher das Monster damals selbst gezeichnet hat. Detlef Franke schreibt aus El Paso, Texas: „Liebe Freunde, tagsüber ist es hier sehr warm und nachts empfindlich kalt. Gegen beides hilft saufen.“ Die Karte trägt einen Poststempel aus dem Jahr 1977. Inzwischen haben sich Wortwahl und Gewohnheiten natürlich grundlegend geändert. Alkohol rühren FR-Mitarbeiter heutzutage sowieso nicht mehr an. (Außer vielleicht am letzten Abend in Sachsenhausen. Oder am ersten Abend im Gallus. Aber das sind ja auch Extremsituationen.)

So ein Umzug stellt höchste Anforderungen an die Belegschaft. Chefredakteurs-Assistentin Anna Kerger hat am Mittwochnachmittag alles eingepackt, behält aber einige wichtige Unterlagen in der Hinterhand: „Um den Leser zu verarzten, wenn er kommt.“ Man weiß ja beim Leser nie – plötzlich steht er da, und man hat ihn gar nicht erwartet. Der Leser ist unberechenbar. Politikredakteurin Nadja Erb verfolgt trotzdem eine andere Taktik: „Ich habe vorgestern schon alles eingepackt“, sagt sie. „Jetzt muss ich mir von den Kollegen einen Stift leihen.“

Kaffeemaschinen, lernen wir, kommen am sichersten unbeschädigt im neuen Zuhause an, wenn sie überhaupt nicht verpackt, sondern nur mit Aufklebern versehen werden. Michaela Langlotz klebt neben die orangefarbenen noch grüne Aufkleber für alles, was in den zweiten Stock muss. Außer auf die Telefone, Stühle und Papierkörbe in der Feuilleton-Redaktion, wo am frühen Mittwochabend in Sachsenhausen verständlicherweise die blanke Angst herrscht, morgens im Gallus ohne Telefone, Stühle und Papierkörbe dazusitzen. Pardon: dazustehen. Aus dramaturgischen Gründen ist es leider nötig, diese Angst noch ein paar Zeilen aufrechtzuerhalten. Nur so viel: Ganz schlimm wird es schon nicht kommen. Immerhin stehen die Computer schon fix & fertig und bis in die Netzwerkkarten motiviert auf den Zielschreibtischen.

In der Sportredaktion hat Jörg Hanau alles im Griff, abgesehen davon, dass sein Telefondisplay mit einem grünen Aufkleber beklebt ist. „Ich hab jetzt bei jedem Anruf ein Blind Date“, sagt er lakonisch. Kollege Thomas Kilchenstein wacht über den Eintracht-Schal, der als allerletztes Stück eingepackt wird. Dann heißt es auch Abschied nehmen von Carlos Zambrano, Abwehrchef der Eintracht, der genau gegenüber der Sportredaktion wohnte (aber nie die Rollläden hochzog). Zum Trost ist die Rundschau jetzt näher am Westhafen – da wohnen noch mehr Frankfurter Kultkicker.

Eintracht-Adler erobert Sport-Redaktion

Kulturredakteurin Franziska Schubert hat nach eigenen Angaben 80 Untertassen in Kartons gepackt. Die Redaktion wird ihr ewig dankbar sein; jedenfalls der Teil der Redaktion, der weiß, wozu Untertassen benötigt werden. In der Stadtteilredaktion bewahren Judith Gratza, Boris Schlepper und George Grodensky derweil „das kulturelle Gedächtnis der Stadtteile“ vor dem Vergessen und nehmen auch die „Kleine Stilfibel“ mit, einst akribisch zusammengetragen vom Ausbildungschef Adolf Karber. Da steht beispielsweise drin, dass Gebäude evakuiert werden und nicht Menschen. Oder dass Kirchen eingeweiht werden, aber keine Rollschuhbahnen, es sei denn der Pfarrer kommt mit seinem Skateboard.

Es geht noch mal ein Ruck durch die Mannschaft, als Chefredakteur Arnd Festerling abends durch die Büros pilgert und überall hineinruft: „Was nicht in Kartons verpackt ist, wird als Müll behandelt!“ Um 23.20 Uhr beenden Momsen Einsmann und Ralf Schalkowski die letzte FR-Spätschicht in Sachsenhausen und schicken die fertigen Zeitungsseiten in die Druckerei. Friedrich Friedrich schnappt sich ihre Stühle und Telefone – ab damit ins Gallus. Und am Morgen geht das Leben hibbdebach weiter. Der Eintracht-Adler hat die Sportredaktion schon erobert, die Wirtschaft blickt aus dem Fenster auf ein industrieromantisches Meer von Eisenbahnzügen (Redakteur Tobias Schwab: „Hier wird schließlich das Geld verdient!“), und im Feuilleton sitzen Sylvia Staude und Judith von Sternburg auf echten Stühlen und telefonieren mit echten Telefonen.

„Alles gut“, sagt Umzugsmanagerin Langlotz, „im Moment spielen wir nur noch ein bisschen Drucker-Roulette. Man weiß nie, wo’s rauskommt.“ Damit hat Hanning Voigts aus der Regionalredaktion überhaupt kein Problem: Er twittert schon den Blick aus seinem neuen Büro in die Welt hinaus. Und Stefan Affentranger bringt die alten Kollegenfotos und -postkarten in seiner Schreibtischschublade unter. „Ich hab’ die Karten inzwischen auch gelesen“, sagt er mit Geheimnisträgerlächeln: „Ich weiß jetzt, wer mir ab sofort immer den Kaffee bringt.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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