Lade Inhalte...

Die Ära der Verleger

Der ehemalige FR-Chefredakteur Roderich Reifenrath vergleicht fünf Blattmacher aus dem Nachkriegsdeutschland: Augstein, Bucerius, Gerold, Nannen, Springer.

29.08.2006 00:08
Roderich Reifenrath war von 1992 bis 2000 Chefredakteur der FR. Foto: FR

Sie waren so etwas wie die Dinosaurier in der Printmedienlandschaft nach 1945 , Herrscher über Redaktionen und Rotationen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten sie oft über Nacht traumhafte Karrieren starten und stiegen in Einzelfällen zu mächtigen Personen der Republik auf. Gemeint ist jener Typus des Verlegers, Herausgebers, Chefredakteurs, der häufig ohne gezielte berufliche Vorbereitung mit tatkräftigem Anschub der Siegermächte in lichte Verlagshöhen entschwinden durfte.

An einigen herausragenden Namen lässt sich das Konsortium dieser Auserkorenen besonders gut darstellen: an Axel Cäsar Springer (Bild, Die Welt etc.) oder Gerd Bucerius (Die Zeit), an Rudolf Augstein (Der Spiegel), Henri Nannen (Stern) oder Karl Gerold (Frankfurter Rundschau) - allesamt markante Charaktere aus einem mit Lizenzen gesegneten kleinen Pulk von Männern, denen von Amerikanern, Briten oder Franzosen der Auftrag erteilt worden war, die Bürger eines zerrütteten Landes politisch auf den Pfad der demokratischen Tugend zu bringen.

So hatte der US-Presseoffizier Robert K. Phelps am 1. August 1945 der Frankfurter Rundschau zum Start in einer "ehrenvollen Begrüßung" den streng klingenden Rat erteilt, die "Neuerziehung und den Wiederaufbau des deutschen Volkes zu beschleunigen". Nebenbei: Ohne die Militärregierung wäre die FR vermutlich als Frankfurter Allgemeine Zeitung beim Leser gelandet. Nach einem Bericht des ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der FAZ, Hans-Wolfgang Pfeifer, habe man jedoch so kurz nach dem Zusammenbruch Assoziationen an alte Zeitungstitel vermeiden wollen.

Vor dem Einstieg in die Normalität des Medienalltags der Besatzungszonen hatten die Sieger erst einmal eine selbst errichtete Hürde zu überwinden. Es sollten nur solchen Persönlichkeiten Zeitungen an die Hand gegeben werden, die unbescholten durchs "Tausendjährige Reich" gegangen waren.

Das war leichter gesagt als getan. Einige Objekte von insgesamt 169 Titeln in Westdeutschland und West-Berlin wurden nämlich von Juni 1945 bis September 1949 kollektiv an mehrere Kandidaten vergeben, um unterschiedliche demokratische Haltungen zu bündeln. Und weil die Zahl der lupenreinen Antinazis doch begrenzt war, sind Neugründungen auch mit Namen verbunden, die einerseits nicht glasklar entlastet waren und andererseits auch bald wieder von den Bildflächen der Medien verschwunden sind, ohne - aufs Ganze gesehen- für den Aufstieg ihrer Blätter Nennenswertes beigetragen zu haben.

Lizenznehmer verabschieden sich

Von den vier Gründern der Hamburger Wochenschrift Die Zeit etwa, die 1945 briti- sche Besatzungsoffiziere um eine Lizenz ersuchten und eigentlich eine Tageszeitung stemmen wollten, ragt nachhaltig nur Gerd Bucerius heraus. Die drei anderen aus den hinter "Mythen und Legenden" (Zeit-Redakteur Karl-Heinz Janßen) verschwimmenden Anfängen des Blatts, bleiben in der Versenkung. Wem außer Medienexperten fiele Näheres über den Korvettenkapitän und Verlagskaufmann Ewald Schmidt di Simoni ein, wenn er die Lebensleistungen des Gründerquartetts zu würdigen hätte? Wem ist der Namen Lovis H. Lorenz ein Begriff, der von 1933 bis 1944 Hauptschriftleiter der Berliner Woche war, oder wem auch der rechtslastige Stadtbaurat und Architekt Richard Tüngel? Er - immerhin - leitete von Mai 1946 bis Mitte 1955 als zweiter Chefredakteur die Redaktion der Zeit. Dann kam es zum Bruch. Oder die Frankfurter Rundschau: Die Erzväter Hans Etzkorn, Otto Grossmann, Wilhelm Knothe und Paul Rodemann haben die Kommandobrücke der von Amerikanern vom Stapel gelassenen Zeitung weitgehend spurenlos innerhalb von zwei Jahren wieder verlassen. Der Kommunist Emil Carlebach und der als "Linkskatholik" treffend und unscharf zugleich apostrophierte Wilhelm Karl Gerst sind von den US-Besatzern im gleichen Zeitraum aus ihren Positionen entfernt worden. Während bei Gerst bis heute über die Gründe auch spekuliert werden kann, löste im beginnenden "Kalten Krieg" Carlebachs stramme Zugehörigkeit zur KPD den Lizenzentzug aus. Geblieben sind Arno Rudert, der - seine Mitgliedschaft in der KPD kündigend - 1954 starb und Karl Gerold, der im April 1946 als letzter in die Zeitung einstieg und ohne Zweifel messbareren Einfluss auf die FR gehabt hat als alle anderen sieben zusammen. So weit dokumentiert, hat das nur Emil Carlebach - gelegentlich mit ressentimentgeladenem publizistischem Flankenschutz - lange nicht zur Ruhe kommen lassen.

Oder das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Da überstrahlte der irgend- wann offiziell nur noch als Herausgeber im Impressum ausgewiesene und als publizistischer Unruhestifter das politische Geschehen antreibende Rudolf Augstein das Lizenzträger-Trio. Berichte über den 1. Januar 1947, als Augstein zusammen mit dem Fotografen Roman Stempka und dem Redakteur Gerhard Bartsch für das Magazin die provisorische Zulassung von den Briten erhalten hatte, betonen einhellig die Dominanz des gerade mal 24 Jahre alten Augstein. Seine beiden Partner, denen es laut Dieter Schröder (ehemals Spiegel-Reporter und Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung), nur ums Geldverdienen gegangen sei, räumten 1950 - ausbezahlt - ihre Posten.

Eher als Solisten haben nach 1945 Axel Cäsar Springer und Henri Nannen die Bühne betreten. Die beiden Schwergewichte aus der Gründergeneration stiegen mit Projek- ten ins Geschäft ein, die sich eher komisch anhörten. Springer erhielt 1945 zusammen mit seinem Vater die Lizenz für den Hammerich & Lesser-Verlag. Und das verlegeri- sche Erstlingswerk war ein Kalender mit dem Titel "Besinnung. Ewige Worte der Menschlichkeit". Irgendwie passte das zu diesem zeitlebens um "ewige Erkenntnis- se" (Michael Jürgs) ringenden Mann, obwohl er nach Hör Zu (1946), Constanze (1948 zusammen mit John Jahr), Hamburger Abendblatt und Kristall 1952 mit der imponierenden Startauflage von 500.000 Exemplaren Bild in den Markt drückte, das anfechtbare Kontrastprogramm bis heute zu allem, was der Verlags-Ikone wirklich Freude bereitet hat. Aber Springer war eben immer auch knallharter Geschäftsmann. Und was wäre das Imperium ohne den Marktführer des Boulevards?

Ein lukrativer Einstieg

Nun noch Henri Nannen. In Biografien über ihn werden gerne seine Fabulierungskünste und sein Anekdotenreichtum ausgebreitet. Wie also war das mit der Geburt des Stern? In einem Sammelband über "Die Herren Journalisten" hat Nils Minkmar, Feuilletonist der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, seinen Kollegen Hermann Schreiber zitierend ausgeführt, dass der Gründer des Stern sich über die Genese seiner Zeitschrift nie eindeutig geäußert habe. Es ging los mit einer Briten- Lizenz für das Jugendmagazin ZickZack, das Nannen 1948 angeblich als "Startrampe" für eine Publikation im selben Jahr übernahm, die er längst im Kopf und in der Schublade gehabt habe. Richtig ist aber auch, dass es vor dem Stern bereits einen anderen auflagenstarken Stern gegeben hat (1938 - 1940). Und beide Blätter wiesen nicht nur frappierende Ähnlichkeiten im Cover auf, sondern - laut Minkmar - bis Mitte der sechziger Jahre im "gesamten Auftritt".

Jenseits wissenschaftlicher Ambitionen sollte man die vernebelten Gründungsphasen, zeitlich eingebettet in die chaotischen deutschen Zustände nach dem Krieg, mit Nachsicht betrachten. Da gab’s natürlich in den Verlags-Provisorien keine Abteilungen zur Pflege der Firmengeschichte, da existieren nicht allerorten penibel gehortete Ablagen, und da zirkulieren bis auf den heutigen Tag jene Geschichten, von denen kaum einer ganz genau zu sagen weiß, ob der Legendenanteil größer ist als die historische Wahrheit. In einer solchen Atmosphäre, angeheizt durch ungewöhnliche Biografien, begannen Karrieren mit märchenhaften Partikeln. So genügten etwa für jeden der vier Zeit-Lizenzträger 7500 Reichsmark, um die Rotationen anzukurbeln. Dieser schwungvolle Start soll Gerd Bucerius nach Auskunft des Soziologen Ralf Dahrendorf später zu der Bemerkung veranlasst haben, der Einstieg sei fast einer Erlaubnis gleichgekommen, Geld zu drucken.

Lizenzträger waren damals, also vor der Mutation ihres Besitzes zu Eigentum, rechtlich gesehen Herausgeber und Verleger in Personalunion. In vielen Fällen jedoch konzentrierten sich die Zeitungsbesitzer zusätzlich auf redaktionelle oder publizistische Rollen, verbrachten ihre Tage als Chefredakteure und dokumentierten in Leitartikeln ihr politisches Ideengeflecht und ihre Richtlinienkompetenz.

Machtbewusst und drängend

Augstein war als Kolumnist sicher der profilierteste unter den fünf im ersten Absatz Genannten. Als "Sturmgeschütz der Demokratie" hatte er den Spiegel einst vorgeführt mit ihm als Oberkanonier. "Er schuf ein Blatt und einen Ton", bescheinigte ihm 1993 der Sozialdemokrat Peter Glotz zum 70. Geburtstag. Während Springer Grundwerte, Inhalte postuliert habe, "gab Augstein methodische Prinzipien vor: rücksichtslose Kritik gegenüber jedermann".Bucerius nutzte lange die Zeit, um seinen Positionen als CDU-Bundestagsabgeordneter Resonanz zu verschaffen. Erst später begrenzte der "rechte Liberale, zeitweise sogar ein rechter Sozialliberaler" (Dahrendorf) sein Engagement auf den kaufmännischen Teil des Verlags. Sein sprudelndes Temperament machte vor niemandem halt. Und Artikel, in denen sich Edelfedern aus dem eigenen Haus sagen lassen mussten, Schwachdenker zu sein, lösten nicht nur Lobgesänge auf die Freiheit der Gedanken aus, sondern auch Fragen nach dem Binnenklima.

Karl Gerold war im Prinzip von gleichem Kaliber wie Augstein, zwar als Autor nicht so wirkungsvoll wie dieser, nicht so argumentativ, sarkastisch oder zynisch, aber ebenfalls getrieben von der Lust, sich hörbar einzumischen. Er konnte vom heiligen Zorn gepackt werden, griff dann Politiker frontal an und brauchte charakterstarke Mitarbeiter als Entschärfer seiner Sprengsätze. Nannen und Springer hatten andere Stärken, sie brillierten als "Macher" wie der Stern-Chef oder mit verlegerischen Schachzügen (Springer), was übrigens Bucerius und Augstein mit wechselnden Erfolgen und Niederlagen ebenfalls betrieben.

So unterschiedlich die Fünf als Menschen und Chefs, in ihren politischen Einstellungen und kaufmännischen Fähigkeiten, als Autoren oder als Verleger auch auftraten: Gemeinsam war ihnen ein pointiert-politisches Verständnis von Journalismus, wie es nur noch in wenigen Verlagen zu finden ist. Was sie dachten und wollten, schlug auf ihre Redaktionen durch. Sie bestimmten die publizistische Haltung ihrer Blätter und banden sich beim Vollzug ihrer Missionen nicht sklavisch an die Gesetze der Ökonomie. Da war als Antrieb immer auch das andere im Spiel, das journalistische, publizistische, idealistische, intellektuelle.

Sie waren unverwechselbar und kantig,]machtbewusst und drängend. Weil sie lebten, wie sie waren, schufen sie Reibungsflächen, spalteten Mitarbeiter, die Öffentlichkeit in Anhänger und Gegner und ließen mit ihrem Verständnis von Pressefreiheit und gegen manche Widerstände von außen Reporter, Kommentatoren und Korrespondenten immer wieder nach dem Prinzip antreten, das der Tübinger Jurist Professor Ludwig Raiser vor Jahren auf diesen Satz gebracht hat: "Kritik ist das Salz der Erde, nicht Sand in der Maschine."Man muss Rudolf Augstein, Gerd Bucerius, Karl Gerold, Henri Nannen oder Axel Cäsar Springer nicht verklärend aufs Podest heben. Menschliches war ihnen wahrlich nicht fremd. Aber als herausragende Vertreter einer Gründergeneration haben sie Mediengeschichte geschrieben und beleben dauerhaft die Erinnerung. Typen wie sie sind ausgestorben, leider.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen