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Der Zeichner vom Dach

FR-Karikaturist Felix Mussil arbeitete immer in luftiger HöheAm liebsten - Felix Mussil ist auch mit 84 noch immer für kleine Abenteuer zu begeistern - "am liebsten würde ich in meinem Atelier sitzen, und der Bagger hebt mich vom Rundschau-Haus auf das Colosseo". So schwärmte der Karikaturist, der von 1948 bis 2002 ein Markenzeichen dieser Zeitung war, in der Kantine. Doch sein Atelier, das ehemalige Abstellkämmerchen auf dem Dach, steht leer.

15.07.2005 00:07
Felix Mussil auf dem Weg zur Kantine. Foto: FR

Am liebsten - Felix Mussil ist auch mit 84 noch immer für kleine Abenteuer zu begeistern - "am liebsten würde ich in meinem Atelier sitzen, und der Bagger hebt mich vom Rundschau-Haus auf das Colosseo". So schwärmte der Karikaturist, der von 1948 bis 2002 ein Markenzeichen dieser Zeitung war, in der Kantine. Doch sein Atelier, das ehemalige Abstellkämmerchen auf dem Dach, steht leer.

Beim letzten Umzug der Rundschau war Mussil aktiv dabei - auch ohne Bagger. Von der Schillerstraße in das neu gebaute Rundschau-Haus. Das war 1954. Mussil wusste genau, wo sein Platz sein würde: ganz oben. Sechs Jahre Erfahrung als Haus-Karikaturist einer Zeitung voller Individualisten hatten ihn eines gelehrt: Im Tohuwabohu des Redaktionsalltags, mit Chefs am Rande des Nervenzusammenbruchs im Nacken - so kann doch ein Künstler nicht arbeiten.

Mussil nahm eine Abstellkammer in Beschlag, die wie das Steuerhaus eines Ozeanriesen oben auf dem Flachdach thronte. Fragte damals irgend jemand nach Sicherheitsbrüstungen, Betriebssicherheitsvorkehrungen und Unfallversicherung? Felix bestimmt nicht. Die hüfthohen Leuchtbuchstaben "Frankfurter Rundschau" auf dem Dach mussten als Geländer reichen.

In den folgenden 48 Jahren sah man den Künstler mehrmals täglich über das Dach wandeln. In Richtung Redaktion, um sich ein bisschen zu streiten. In Richtung Kantine, denn essen muss der Mensch ja auch. Verhältnismäßig selten erhielt man Zugang zu dem Refugium. Mussil brauchte Ruhe. Nicht nur, um seine berühmten "Hundert-Minuten-Zeichnungen" zu fertigen, mit denen er nachmittags die Redaktion überraschte. Häufig tüftelte er an einem seiner geliebten Radioempfänger herum. Der Mann besitzt nicht nur Scharfblick, sondern auch ein Faible für Elektrotechnik. Ein Weltempfänger war seine wichtigste Inspirationsquelle. Und wenn der quäkte, war Mussil für niemanden zu sprechen.

Selbst langjährige Mitarbeiter fragten sich angesichts des weißhaarigen Herrn, der im Winter in dunklem Mantel und wehendem Schal über den Horizont flanierte: Wie kommt man eigentlich aufs Dach? Mangelnde Unternehmungslust muss man ihnen unterstellen. Denn unter dem Journalisten-Nachwuchs ist Mussils Atelier ein Geheimtipp. Für das Absacker-Bier in gemütlicher Runde. Allerdings im Windschatten des Aufbaues. Das Innere wird respektiert, als könnten jeden Augenblick Pfeile von Mussils spitzer Berliner Zunge durch die Tür geflogen kommen. abi

Mehr zum Umzug der Frankfurter Rundschau finden Sie hier: In eigener Sache

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