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Herausgeber Orientierung in der digitalen Welt

Nie standen den Menschen so viele Informationen zur Verfügung wie heute, in Zeitungen, im Fernsehen, in Internetforen und Blogs. Doch gerade deshalb ist guter, investigativer Journalismus notwendiger denn je. Institutionen wie die FR tragen dazu bei.

03.09.2010 13:54
Konstantin Neven DuMont
"Auch Blogs und Foren verdienen unseren Respekt", sagt Konstantin Neven DuMont. Foto: Rolf Oeser/FR

Die Frankfurter Rundschau wird 65 Jahre alt. Wäre sie ein Mensch, würde sie vielleicht an den Ruhestand denken. Für die ehrwürdige Zeitung vom Main kommen derartige Überlegungen nicht in Frage. Menschenrechte zu verteidigen, sozial Benachteiligte zu unterstützen, den Umweltschutz zu fördern, Bildung zu verbessern und das Gesundheitssystem präventiver zu gestalten, wird in Zukunft genauso wichtig sein wie in der Vergangenheit.

Fortschritte in diesen Bereichen können in erster Linie durch eine aufgeklärte Öffentlichkeit erzielt werden. Institutionen wie die Frankfurter Rundschau tragen immer noch dazu bei.

Deshalb ist es auch so wichtig, dass in Zeiten der Digitalisierung funktionierende Finanzierungsquellen für gesellschaftskritische Medien gefunden werden. Vertreter aus Politik und Netzwirtschaft sind oftmals der Ansicht, dass der freie Markt diese Herausforderungen allein bewerkstelligen muss. Lediglich der Bestandsschutz des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) wird bislang gesetzlich garantiert.

Unterhaltung ist nicht alles

An dieser Stelle muss allerdings die Frage erlaubt sein, ob der ÖRR wirklich so viel mehr zur Aufklärung beiträgt als private Medien. Über investigative Sendungen wie Monitor oder Plusminus muss in diesem Zusammenhang nicht diskutiert werden. Zweifellos liefern sie Inhalte, die für die Ausgestaltung einer fortschrittlichen Gesellschaft benötigt werden. Auf der anderen Seite stehen die vielen öffentlich finanzierten Unterhaltungsprogramme, die meist zu den Hauptsendezeiten ausgestrahlt werden. Durch die Dominanz dieser Sparte droht der kritische Journalismus zunehmend ins Abseits zu geraten.

Wegen der gesunkenen Anzeigenerlöse der Presse ist derzeit noch unklar, wie Meinungsbildungsprozesse in Zukunft ablaufen werden. Wer Interessenvertreter der Netzinfrastrukturbesitzer oder Suchmaschinenbetreiber mit dieser wichtigen Frage konfrontiert, ruft in der Regel nur Schulterzucken hervor. Obwohl die Aktivitäten dieser Wirtschaftsunternehmen massiv in die Medienmärkte eingreifen, fühlen sich ihre Besitzer beziehungsweise Verwalter für das Thema Demokratie und Öffentlichkeit offensichtlich nicht zuständig.

Google-Chefökonom Hal Varian setzte sich im vergangenen Jahr mit den Problemen der Verlage auseinander. Er sagte: „Früher hatte eine Zeitung in ihrer Region

eine Monopolstellung. Heute konkurrieren aber viele Medien miteinander. Wenn der Artikel im Wall Street Journal über den Iran dem Artikel in der New York Times oder der Washington Post sehr ähnlich ist, sinkt der Preis für die Nachricht wegen des Wettbewerbs auf seine Grenzkosten. Und diese Kosten für die Bereitstellung einer weiteren Einheit dieser Standard-Nachricht betragen im Internet eben null. Das ist eine ganz einfache Sache von Angebot und Nachfrage. Während eine Nachricht auf Papier immer zusätzliche Kosten für den Druck und Vertrieb verursacht, sind die zusätzlichen Kosten, die ein weiterer Leser dieser Nachricht im Internet verursacht, eben null – womit auch der Preis null ist.“ An der Aktualität dieser Aussagen hat sich bis heute nichts verändert.

Für Varian ist es keine Lösung, Nachrichten im Internet zu verkaufen. Er hält die Werbung für das beste Modell, auch wenn die Verlagsbranche im Moment ein Problem hat.

Meines Erachtens springt er mit seiner Analyse zu kurz. Nicht nur Verlage haben ein Problem. Wenn Qualitätsjournalismus schwindet, hat die Gesellschaft als ganze ein Problem. In den vergangenen zehn Jahren sind Tausende von journalistischen Stellen abgebaut worden. Diese Entwicklung wurde in erster Linie durch ökonomische Realitäten hervorgerufen. Zurückgehende Werbeeinnahmen konnten von den meisten Medienhäusern nur durch Kostensenkungen kompensiert werden.

Unstrittig in diesem Zusammenhang ist, dass die Digitalisierung einen erheblichen Einfluss auf die strukturellen Veränderungen der Medienbranche genommen hat. Signifikante Erlösverschiebungen sind seit Jahren nachweisbar. Google ist einer der größten Profiteure dieser Entwicklung. Deshalb kann Google kein Vorwurf gemacht werden. Der Suchmaschinengigant hat seine Marktchancen konsequenter als andere Unternehmen genutzt.

Dennoch mehren sich kritische Stimmen über die Geschäftspraktiken von Google. Beispielsweise hat das Infragestellen der Netzneutralität, also des gleichberechtigten Zugangs für alle Anbieter, erst vor kurzem Proteste ausgelöst. In den Massenmedien hat dieses wichtige Thema bislang allerdings keine große Rolle gespielt. Diese arbeiten sich zur Zeit lieber an wesentlich harmloseren Themen wie Google Street View ab.

„Sei nicht böse“, ist der Leitspruch von Google. Wer mit solch einem Anspruch ein entsprechend hehres Bild von sich selbst in der Öffentlichkeit zeichnet, sollte sich einer Diskussion über gesellschaftspolitische Veränderungen nicht entziehen, welche durch die Digitalisierung hervorgerufen werden. Bislang fühlt sich Google für die Probleme der Journalisten weder verantwortlich noch zuständig. Im Zweifelsfall wird gerne darauf verwiesen, dass Medienanbieter ihre Erlösprobleme selber lösen müssten.

Historisch einmalige Situation

Die Digitalisierung hat zu einer historisch einmaligen Situation geführt. Nie zuvor waren so viele Daten, Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Meinungen öffentlich verfügbar. Prinzipiell ist das eine begrüßenswerte Entwicklung. Es bietet zum Beispiel die Chance, dass Wählern und Verbrauchern erweiterte Informationsgrundlagen für ihre jeweiligen Entscheidungen zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite bedeutet es aber nicht zwangsläufig, dass die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit dadurch aufgeklärter ist.

Die Informationsbeschaffung des Einzelnen unterliegt individuellen Verhaltensweisen, was zu einem unterschiedlichen Maß an Informiertheit aller Beteiligten führt. Von einigen Politikern oder Wirtschaftslenkern wissen viele Bürger zum Beispiel gar nicht mehr genau, wofür sie im Einzelnen wirklich stehen. Diese Entwicklung ist insbesondere dann bedauerlich, wenn Entscheidungsträgern, Wählern oder Verbrauchern für sie relevante Informationen nicht zur Kenntnis gebracht werden.

Die Ursachen dieses Problems sind vielzählig. Es liegt aber auch daran, dass viele investigative Enthüllungen den Weg in die Massenmedien gar nicht schaffen.

Die Frankfurter Rundschau kann ein Lied davon singen. Als sie zum Beispiel die Missbrauchsskandale an der Odenwaldschule im Jahr 1999 veröffentlichte, machten die anderen „investigativen“ Medien „Business as usual“. Erst zehn Jahre später wurde das Thema, in der Frankfurter Rundschau erneut zuerst und prominent platziert, dann auch von anderen aufgegriffen.

Darin liegt das Hauptproblem des Journalismus. Umgekehrt allerdings macht die Presse nicht selten den selben Fehler mit vermeintlichen Wettbewerbern aus den privaten Medien, dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder auch bei Bloggern.

Um der verbreiteten Praxis eines wechselseitigen Verschweigens entgegenzuwirken und Missständen mehr Öffentlichkeit zu verschaffen, sollten alle Qualitätsmedien neben ihren eigenen großen investigativen Beiträgen die verdienstvolle Arbeit anderer Medien würdigen – mit kollegialem Respekt und ohne Berührungsängste. Auf diese Weise wird die Reichweite investigativer Recherche erhöht. Auch Blogs, Foren und soziale Netzwerke sollten dabei angemessen berücksichtigt werden. Erst so kann die Digitalisierung dem Gemeinwohl wirklich dienen.

Daneben nehmen wir uns aber auch die Meinung derjenigen zu Herzen, die mit der digitalen Welt nicht so viel zu tun haben wollen. Auch ihre Ansichten müssen in ausreichendem Maß berücksichtigt werden.

Beteiligen auch Sie sich an den Debatten der Frankfurter Rundschau, denn Hinweise von außen haben unsere Arbeit schon oft positiv beeinflussen können. Deshalb nehmen wir Anregungen und Kritik stets gern entgegen.

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