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Hilfsprojekt Von der Platte auf den Bolzplatz

Die Schlappekicker-Aktion der FR unterstützt die Lilien-Kicker, eine Fußballmannschaft für Wohnungslose.

25.09.2017 08:57
Lilien-Kickerturnier
Gut angelegtes Geld: Harald Stenger (stellvertretender Schlappekicker-Vorsitzender, vorne rechts) überreicht Michael Kiel den Scheck. Foto: Michael Schick

Christian Offermann hat in 23 Jahren mehr erlebt als andere in einem ganzen Leben. Stress mit der Familie, Umzug von Berlin nach Wiesbaden auf eigene Faust, schwere Depressionen, Job weg, Wohnung weg. Gleich drei Mal versuchte er, sich das Leben zu nehmen, irgendwann landete er auf der Straße. 

Der junge Mann mit den nach hinten gegelten Haaren lässt sich in einen Liegestuhl fallen und steckt sich eine Zigarette an. Er trägt ein schwarz-rotes Trikot. Wenn er es überstreift, geht es ihm ein bisschen besser. Es ist das Trikot der Lilien-Kicker, für die Offermann seit einem halben Jahr aufläuft. Die Lilien-Kicker, eine Fußballmannschaft für Wohnungslose, sind ein Projekt des Diakonischen Werks Wiesbaden. Für viele der jungen Männer – die meisten zwischen 20 und 30 – ist der Fußball eine Möglichkeit, die Lasten des Lebens für ein paar Stunden in der Woche auszublenden. „Da kann man sich mal richtig auspowern“, sagt Offermann. „Das lenkt einen vom Alltag ab.“ 

Ein paar Meter weiter ist ein Kleinfeld mit Bande und Fangnetz aufgebaut, jeder Pass auf dem sandigen Boden vor dem Konzerthaus Schlachthof wirbelt Staub auf. Die Lilien-Kicker haben zum großen Jubiläumsturnier geladen, klassischer Straßenfußball, acht Mannschaften, zwei Gruppen, zwei Mal sieben Minuten. Die Gegner heißen Skyline Kickers Frankfurt oder Lautrer Buwe, alles Teams, die ebenfalls ausschließlich aus Wohnungslosen bestehen. 

Projekt finanziert sich durch Spenden

Mit einem Jahr Verspätung – 2016 fand sich kein geeigneter Termin – feiern die Lilien-Kicker ihren zehnten Geburtstag nach. Und damit noch ein paar Jahre dazukommen, hat Harald Stenger im Namen des Schlappekicker, der Hilfsaktion der FR, einen Scheck in Höhe von 2000 Euro mitgebracht. Bei den Lilien- Kickern werde „Basisarbeit geleistet, die vorbildlich ist“, sagte der frühere FR-Redakteur und stellvertretende Schlappekicker-Vorsitzende. „Deshalb haben wir gerne einen Zuschuss für weitere Aktivitäten gespendet.“ 

Den können die Lilien-Kicker gut gebrauchen, denn das karitative Projekt finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Umso beachtlicher, welche Erfolge die Wiesbadener in den vergangenen Jahren feiern konnten. 2015 und 2017 belegten die Jungs mit den schwarz-roten Trikots den zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaft der Wohnungslosen, 2016 wurden sie Dritter. Vergangenes Jahr wurden sogar zwei Wiesbadener für die deutsche Nationalmannschaft der Wohnungslosen nominiert. 

Undenkbar wäre das alles ohne Michael Kiel, der die Lilien-Kicker 2006 ins Leben gerufen hat und seitdem trainiert. „Man gibt viel“, sagte er, „bekommt aber auch viel zurück.“ Kiel, ein Mann mit blauer Jogginghose und Papp-Kaffeebecher in der Hand, leitet das Übergangswohnheim des Diakonischen Werks, über den Fußball knüpft er Kontakte zu den Bewohnern. Einmal die Woche wird auf dem Gelände des SV Erbenheim trainiert, alle paar Wochen geht es zu Turnieren quer durch die Bundesrepublik. Auch Christian Offermann hauste ein halbes Jahr in der Einrichtung in der Köhlstraße und hörte dort von den Lilien-Kickern. Seit vergangener Woche hat er wieder eine eigene Wohnung. Nur ein Erfolgsfall von vielen: Drei anderen Lilien-Kickern konnte Kiel in diesem Jahr einen Ausbildungsplatz vermitteln. 

Seine Fußball-Mannschaft sei „ein informelles Angebot“, erklärt Kiel. „Erst mal geht es ums Kicken. Und wenn sie wollen, können sie sich öffnen.“ Wenn nicht, dann wird keiner gezwungen. Ein Grundgedanke der Lilien-Kicker ist es, Menschen, die in ihrem tristen Alltag wenige Erfolge zu feiern haben, Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Seien sie auch noch so klein. Ein Tor schießen. Neue Städte sehen. Ein Trikot tragen. Sascha Patenheimer, 29, der ein Jahr auf der Straße gelebt hat, nachdem seine Ehe in die Brüche ging, drückt es so aus: „Das gibt einem eine innere Ruhe.“

Im Gegensatz zu seinen Kickern war Kiel zuletzt etwas angespannt: Die Kasse war leer. Auch deshalb hat sich der Schlappekicker zu seiner Spende entschlossen. Nun, sagt Kiel, könne er „wieder ruhig in die Zukunft gucken“. 

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