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Forum Entwicklung Einblick in die Wasserkrise

Klimawandel, ungebremstes Bevölkerungswachstum und wachsender Wohlstand verschärfen in vielen Ländern den vorhandenen Wasserstress noch weiter. Das „Forum Entwicklung“ von FR, hr-iNFO und GIZ zu einem wichtigen Thema.

Forum Entwicklung
Das Podium: Axel Bachmann, Petra Döll, Moderator Tobias Schwab, Onejiru Schindler und Daniel Busche (von links). Foto: Christoph Boeckheler

Als sie sechs Jahre alt war, ging es los. „Ich musste den Wasserkanister schleppen, um die Familie zu versorgen“, erzählt Onejiru Schindler, „das war der Job von uns Mädchen.“ Die Deutsch-Kenianern wuchs in einem kleinen Ort in der Nähe von Nairobi auf. Wasserleitungen gab es dort keine. Die Familien versorgten sich mit Wasser aus einem Fluss, der damals noch recht sauber war. An die Mühsal, immer morgens vor der Schule, erinnert sich die junge Frau, die mit 13 nach Deutschland kam, im Ruhrgebiet aufwuchs, in Köln Afrikanistik und Geografie studierte und heute in Hamburg Musikerin ist, noch gut. Der Kanister war eigentlich viel zu schwer für das kleine Mädchen, und sie musste sich abmühen, nichts zu verschütten. Sonst gab es zu Hause Ärger.

Schindlers Bericht beim „Forum Entwicklung“, das am Dienstagabend von FR, hr-iNFO und Deutscher Gesellschaft Entwicklung (GIZ) in Frankfurt veranstaltet wurde, gab einen plastischen Einblick in die Wasserkrise, die in vielen Entwicklungsländern herrscht. Vor mehr als 200 Zuhörern im Frankfurter Museum für Kommunikation verdeutlichte sie, was es heißt, dass 2,1 Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, 2,6 Milliarden ohne angemessene sanitäre Anlagen auskommen müssen und 1,8 Millionen Menschen jährlich an wasserbedingten Krankheiten sterben. 

Die in Kenia herrschende Landflucht führte dazu, dass in ihrer Heimat-Siedlung bei Nairobi inzwischen 150.000 Menschen auf engstem Raum leben. Wasserleitungen und Kanalisation gibt es weiterhin nicht. Schmutz und Fäkalien belasten den Fluss, der als Wasserquelle dient. „Die Wasserqualität ist immer schlechter geworden“, sagte Schindler, die sich neben ihren Musik-Aktivitäten – in der Band „Sisters“ und solo – in der NGO „Viva con Aqua de St. Pauli“ engagiert.

In den vergangenen Jahrzehnten hat es zwar durchaus Fortschritte gegeben. Weltweit ist der Anteil der Menschen gestiegen, die an eine sichere Wasserversorgung angeschlossen wurden, besonders positiv entwickelte sich die Lage in Südasien, vor allem dank des ökonomischen Aufstiegs von China. Die Hydrologie-Expertin Petra Döll von der Universität Frankfurt verdeutlichte beim Forum allerdings, dass dies, global gesehen, kein Selbstläufer ist. 

Klimawandel, ungebremstes Bevölkerungswachstum und wachsender Wohlstand würden in vielen Ländern den vorhandenen Wasserstress noch verschärfen, sagte sie. Regionen wie der Mittelmeer-Raum oder das südliche Afrika, die bereits heute unter starker Trockenheit leiden, werden danach künftig noch trockener, während etwa Sibirien und Alaska mehr Niederschläge abbekommen. Die verschiedenen Klimamodelle stimmten darin überein, sagte die Professorin von der Universität Frankfurt, die Leitautorin bei den beiden jüngsten Berichten des Weltklimarats IPCC war. 

Selbst in extrem wasserarmen Regionen gibt es jedoch Möglichkeiten, die Probleme zu lindern. Das verdeutlichte in der Frankfurter Diskussion GIZ-Experte Daniel Busche, der in Jordanien arbeitet. Das Land verfügt nur über 60 Kubikmeter an erneuerbaren Wasserresourcen pro Bürger und Jahr, was einem Dreißigstel des Wasserangebots in Deutschland entspricht. Trotzdem, so erläuterte der GIZ-Programmmanager, wird dort viel Wasser verschwendet. 

Rund ein Viertel geht laut dem Experten allein verloren, weil Leitungen schlecht gewartet werden und nicht fachmännisch verlegt sind. Hinzu kommt Wasserdiebstahl. Erstaunlich auch: Trotz der Wasserknappheit sei das Bewusstsein, sparsam mit der kostbaren Ressource umzugehen, unter den Bürgern bisher nur wenig verbreitet. 

Imame werden zu Wasserbotschaftern

Die GIZ setzt hier an. Um Jordaniens Bevölkerung für wassersparendes Verhalten zu gewinnen, wurden die einflussreichen Imame zu diesen Themen geschult. „Wir benutzten den Kanal Glaube“, sagte Busche. Das sei sehr erfolgreich. In speziellen Freitagspredigten zu Wasser- und Ressourcenschutz würden jedes Jahr vier Millionen Menschen erreicht – mehr als ein Drittel der Bevölkerung. Aber es geht auch um praktische Projekte wie den Aufbau von Wassernutzungsgemeinschaften für Bauern, den Bau von Sanitäreinrichtungen in Schulen oder die Optimierung des Betriebs von Wasserversorgern. 

Erfolgreich läuft laut Busche auch die von der GIZ geförderte Ausbildung von Jugendlichen zu Klempnern, eine Maßnahme, um den Fachkräftemangel in diesem Sektor anzugehen. Interessant: Rund die Hälfte der Azubis in dem „Männerberuf“ ist weiblich – ein großer Vorteil in dem islamischen Land. Klempnerinnen können in fremden Wohnungen auch dann tropfende Wasserhähne reparieren, wenn kein männliches Familienmitglied zu Hause ist.

Kritische Fragen musste sich auf dem Podium der Industrievertreter, Axel Bachmann von Coca-Cola Deutschland, gefallen lassen. Der Getränke-Multi rühmt sich einer aktiven Umweltschutz-Strategie und engagiert sich auch in Projekten, die Bachmann zufolge bisher in Entwicklungsländern mehr als drei Millionen Menschen einen Zugang zur sicheren Wasserversorgung verschafft haben.

Dem Getränke-Multi, der neben Limonaden auch Flaschenwasser verkauft, wird, wie anderen Nahrungsmittel-Großkonzernen allerdings auch, vorgeworfen, aus der Gewinnung von Wasser ein Milliardengeschäft zu machen und besonders in Entwicklungsländern wenig Rücksicht auf die Folgen für die lokale Bevölkerung zu nehmen. Bachmann wies das zurück. Leitlinie von Coca-Cola sei es, Produktionsstandorte nur dort anzusiedeln, wo das Anzapfen von Quellen keine negativen Folgen für die anderen Nutzer – Bauern, andere Betriebe oder Haushalte – habe. Ein einziges mal habe ein Standort aufgegeben werden müssen, nämlich vor drei Jahren in Indien. Und da habe sich am Ende herausgestellt, dass nicht Coca-Cola, sondern der ausbleibende Regen Ursache für die sich ausbreitende Trockenheit gewesen sei. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Forum Entwicklung

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