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Frankfurter Rundschau Unabhängig, aber nicht neutral

Karl Gerold hat das Fundament für die politische Linie der FR gelegt.

31.07.2015 13:01
Roderich Reifenrath
Karl Gerold, undatiertes Archivfoto. Foto: FR

Das Endresultat hat viel mit dem Anfang zu tun. Was 1975 das Licht der Welt erblickte, ist ohne die Medienpolitik der Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum denkbar. Gemeint ist die Karl-Gerold-Stiftung, deren Namensgeber am 15. April 1946 von der US-Militärregierung die Lizenz erhalten hatte, einer Gruppe beizutreten, die bereits vom 1. August 1945 an die Frankfurt Rundschau herausgab. Später brachte Gerold seine Anteile am Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH in eine Stiftung ein.

Karl Gerold, geboren am 29. August 1906 in Giengen an der Brenz, hatte eine Lehre als Schlosser- und Werkzeugmacher absolviert, bevor er sich endgültig dem Journalismus zuwandte. Während der Wanderjahre war er „Arbeiterkorrespondent“ bei Zeitungen in solchen Orten, in denen er vorübergehend Fuß fasste. Nach der Machtübernahme Hitlers geriet Gerold zwangsläufig mit dem Regime in Konflikt, kam für kurze Zeit in „Schutzhaft“, verteilte danach Flugblätter und floh im Herbst 1933 in die Schweiz. Dort wurde er als politischer Flüchtling anerkannt und erhielt Asyl.

1943 verfolgte ihn die eidgenössische Justiz wegen „verbotener illegaler Tätigkeit gegen einen kriegführenden Staat“ und internierte ihn in einem Arbeitslager. Ein Militärgericht verhängte ein Jahr Gefängnis, setzte den Vollzug der Strafe jedoch zur Bewährung aus, weil man ihm „idealistisch-politische Motive“ zubilligte. Als der NS-Staat zusammengebrochen war, schickten Schweizer Zeitungen Karl Gerold als Korrespondenten nach Wiesbaden, in die politische Hauptstadt des Landes Groß-Hessen. Dort entdeckten ihn die Amerikaner.

Rückblende: US-Presseoffiziere sorgten 1945 im zerbombten Deutschland für den Neubeginn einer demokratischen Presse. Sie suchten von der NS-Diktatur unbelastete Persönlichkeiten und erlaubten ihnen, Zeitungen auf den Markt zu bringen. Die FR war im amerikanischen Sektor so etwas wie ein Pilotprojekt. Es basierte auf der Lizenz Nr. 2 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung, war jedoch die erste im amerikanisch besetzten Gebiet. Lizenz Nr. 1 erhielten damals in der britischen Besatzungszone die „Aachener Nachrichten“.

Der Gründungsakt erfolgte, zeitungsgeschichtlich gesehen, auf historischem Boden. Im Kellergeschoss des Hauses zwischen Schillerstraße und Große Eschenheimer Straße, in dem am 1. August 1943 die von Leopold Sonnemann 1855 gegründete „Frankfurter Zeitung“ auf Anordnung der Nationalsozialisten ihr Erscheinen einstellen musste, kam es zur „Geburt einer deutschen Zeitung“, wie es damals in der Publikation hieß. Im Kernbereich der schwer zerstörten Stadt begann das, was General Robert A. McClure, Kommandant der Abteilung für die Nachrichtenkontrolle der US-Armee, ein „Wagnis“ nannte. In einem schlichten Festakt, so berichten Zeitzeugen, überreichte der hohe Offizier sieben Männern die Zulassungsurkunde, mit denen sie als Lizenzträger die Frankfurter Rundschau herausgeben durften. Papier war knapp und wurde zugeteilt. Setz- und Druckmaschinen sowie ein Teil des technischen Personals stammten aus der „Frankfurter Zeitung“. Beschlagnahmte Räume, in denen die Redaktion Platz nahm, gehörten früher dem „Generalanzeiger“. Manches Gerät musste erst einmal von Trümmerschutt befreit werden, bevor es funktionsfähig gemacht werden konnte.

McClure gab den sieben Journalisten noch folgende Mahnung mit auf den Weg: „Ich rate Ihnen, sich der Größe der Aufgabe, die Sie auf sich genommen haben, bewusst zu sein. Sie können im wahrsten Sinne des Wortes Fackelträger sein, die den Weg in eine bessere Zukunft erhellen. (...) Sie haben Verantwortung gegenüber den amerikanischen Besatzungsstreitkräften, gegenüber den durch sie repräsentierten freien Bürgern der Vereinigten Staaten und gegenüber der deutschen Bevölkerung, deren Sprecher Sie sind. Auch gegen sich selbst haben Sie Verantwortung, die Sie jetzt einen langen Weg beschreiten, an dessen Ende eines Tages die Schaffung einer freien und demokratischen Presse in Deutschland liegen wird.“

Die Zeit des Aufbruchs war geprägt durch knappe Ressourcen. Bereits in der ersten Nummer beklagte die Redaktion den Papiermangel. Wenigstens zehn Seiten seien nötig, um mit der „Fülle von Stoff fertig zu werden, den die Weltchronik zur Zeit bietet“. Doch die nach Informationsvermittlung und Publizität dürstende Redaktion, die nur zweimal die Woche ihre schnell verderbliche Ware auf den Markt bringen konnte, musste erst einmal Schmalhans zum Küchenmeister machen – mittwochs mit vier und samstags mit sechs Seiten. Die Auflage lag damals bei 400.000 bis 500.000. Gedrucktes fand, da multifunktional, reißenden Absatz. Vom 1. Oktober 1946 an kam die FR dreimal wöchentlich heraus. Im August 1947 wurde schon eine Deutschland-Ausgabe ins Leben gerufen. Und vom 21. Juli 1948 an konnte das Blatt täglich erscheinen, jetzt bereits in Konkurrenz zur „Frankfurter Neuen Presse“ (seit 15. April 1946), aber noch nicht zur FAZ, die erst vom 1. November 1949 an das bis heute noch vorhandene Main-Trio komplettierte.

Die „Neue Presse“, deren Gründung auch von den Amerikanern beschlossen wurde, um mit einem konservativen Gegengewicht das FR-Monopol zu brechen, trat nicht nur als Mitbewerber um die Gunst der Leser auf, sondern zugleich und mit Macht auch um die Zuteilung des Papiers. Das blieb nicht ohne Folgen. Im Sommer 1946 hieß es daher in einer Mitteilung des Rundschau-Vertriebs: „Auf Anordnung der amerikanischen Nachrichtenkontrolle haben wir in den letzten Wochen die Auflage der Frankfurter Rundschau ganz erheblich herabsetzen müssen. Zum 1.8.46 ist uns ein erneuter Kürzungsauftrag von 65 000 Exemplaren erteilt worden. Leider müssen wir auf Grund dieser Tatsache die Lieferung der Frankfurter Rundschau an Sie zum 1.8.46 einstellen.“ Lesern, kaum vorstellbar, wurde gekündigt. Reaktionen kamen postwendend. Etwa diese: „Viele Ihrer Kronberger Abonnenten bitten Sie, Ihre Zeitung lieber in kleinerem Umfang erscheinen zu lassen, statt aus Gründen der Papierersparnis wieder Abonnenten zu streichen. Ihre Zeitung ist uns ein Halt in dieser Zeit.“

Sieben Lizenzträger gehörten anfangs zum Gründerteam: Paul Rodemann, Hans Etzkorn und Wilhelm Knothe (SPD), Arno Rudert, Otto Grossmann und Emil Carlebach (KPD) sowie Wilhelm Karl Gerst (Linkskatholik). Vier von ihnen waren jedoch schon wieder ausgeschieden, als Gerold zur FR kam. Lizenzen dieser Art waren vergleichbar den Herausgeber-Berufungen nach deutschem Recht. Es entstand kein Eigentum, die Lizenzen konnten nicht übertragen werden. Die Amerikaner behielten das Kommando, kassierten gelegentlich wieder ihre Zulassungen – ohne Kündigung, ohne Begründung. Bei der FR widerfuhr das Etzkorn, Gerst und Carlebach. Dieser wehrte sich gegen den Rauswurf und erhielt im Nachgang vom Direktor der Militärregierung in Hessen, James Newman, unter anderem die Antwort, er sei „offensichtlich unfähig, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen.“

Im August 1947 waren nur Arno Rudert, der im gleichen Jahr die Kommunistische Partei verließ, und Gerold (SPD-Mitglied bis 1950) als Lizenzträger übriggeblieben. Zu zweit ließ sich das Blatt zwar auch nicht immer konfliktfrei steuern, aber sicher leichter als in dem heterogenen stammväterlichen Siebener-Team. Gerold avancierte zum prägenden Leitartikler, zur zentralen Figur in der FR. Nach Ruderts Tod im März 1954 zum Mehrheitsgesellschafter aufgestiegen, handelte er in der Dreifachfunktion als Verleger, Herausgeber und Chefredakteur. Priorität im Tagesgeschäft hatte für ihn die Redaktion. Er arbeitete auf der gleichen Etage wie sie. Dort verfasste er die meisten seiner Meinungsbeiträge – direkte, oft ungeschminkt-deftige Einmischungen ins politische Geschehen. Die Leser dankten es ihm. So viel zustimmende Post wie er hat sonst keiner in der Rundschau erhalten. Der Inhalt seiner Leitartikel, etwa 1966 unter Schlagzeilen wie „Die Mörder von oben“ oder „Steh auf, mein Volk!“ (Kommentar-Titel angesichts serienweiser Starfighter-Abstürze der Bundesluftwaffe), dokumentierte eindrucksvoll das Volumen seines abrufbaren Furors.

Ein besonderes Kennzeichen dieses eigenwilligen Mannes war sein ständiges Bemühen um Unabhängigkeit. In einem Beitrag mit dem Titel „Unabhängig – aber nicht neutral“ notierte er etwa zum zehnten Geburtstag der FR: „Sollte einmal die Geschichte der Frankfurter Rundschau geschrieben werden, so kann sie unter dem Motto stehen: Es war von Anbeginn ein unablässiges Bemühen um Unabhängigkeit in einer Zeit, in der Parteien aller Art versuchten, öffentlich Einfluss zu pachten. Und es war nicht nur ein Bemühen, sondern ein schwerer Kampf. Es gab keine Partei, keinen Parteiführer und keine Regierung, mit denen wir uns nicht, wo wir die Notwendigkeit sahen, auseinandersetzten.“ Gerolds Drang nach Freiheit, seine stets funktionierenden Abwehrreflexe auf Interventionsversuche von Großorganisationen entsprachen seiner Persönlichkeitsstruktur, gegen Bevormundungen jedweder Art zu rebellieren. Für das Binnenklima der FR hatte dieser Charakterzug positive Folgen. Zwangsläufig entstanden Freiräume auch für die Redaktion, Chancen für ein Team, dessen Mitglieder sich nicht an Beschlüssen von Parteitagen oder gewerkschaftlichen Gruppen orientieren mussten.

Rückblende: Je mehr sich das Militär aus der Zeitungskontrolle zurückgezogen, je mehr sich quasi durch schleichende Eigentumsübertragung die Besitzverhältnisse geändert hatten, desto dringlicher wurde die Antwort auf die Frage, welche Rechtsform irgendwann das Lizenzmodell ablösen sollte. Noch zu Reichsmark-Zeiten war deshalb das Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main gegründet worden. Gerold und Rudert hatten je 50 Prozent der Anteile übernommen. 1949 gab es dann bereits Überlegungen in der FR, Zeitung und Verlag in eine Stiftung einzubringen. Warum daraus nichts wurde (juristische Gründe? Ökonomische? Politische Einwände der Amerikaner?), ist ungeklärt geblieben.

Im Jahre 1968 erfolgte der zweite Anlauf. Mehrheitsgesellschafter Gerold legte testamentarisch fest, dass seine nach Ruderts Tod auf zwei Drittel angewachsenen Anteile am Unternehmen einer Stiftung mit seinem Namen zugeführt werden sollten. Der Auftrag: Nachwuchsförderung auf dem Fundament einer politischen Grundhaltung. Die Stiftungsverfassung war ausformuliert, als er am 28. Februar 1973 starb. Seine Witwe Elsy Gerold-Lang setzte als Testamentsvollstreckerin seinen letzten Willen um. Im Juli 1975 wurde vom Hessischen Innenminister die „Karl-Gerold-Stiftung“ als rechtsfähig anerkannt. Das den Erben Ruderts verbliebene Drittel kam 1984 durch Zukauf dazu. Nach dem Tod von Elsy Gerold-Lang 1988 – sie wurde die erste Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung – flossen auch große Teile ihres Vermögens in das Projekt ihres Mannes.

Gerolds Entscheidung, seine Beteiligung am Unternehmen nicht wie einen frei verfügbaren Bestandteil seines Privatvermögens zu behandeln, hat mehrere Gründe. Zum einen bestand der starke Wunsch, den ideellen Teil seines Lebenswerks für die Zeit nach ihm zu sichern – also das klassische Stiftermotiv. Gemeint war bei ihm damit unter anderem, dass die Zeitung politisch unabhängig bleiben sollte, sozial-liberal (links-liberal) ausgerichtet, überregional verbreitet, dem Geist des Grundgesetzes und den Menschenrechten verpflichtet. Darüber hinaus mag Gerold das Bedürfnis geleitet haben, zurückzugeben, was ihm nach dem Zweiten Weltkrieg durch das Lizenzträgermodell treuhänderisch zugewachsen war. Das Erbe Gerolds: Es fand Ausdruck in den Anstellungsverträgen der FR-Journalisten. Es verpflichtet die Nachkommenden auf das geistige Profil einer Zeitung. Das ist wohl nach wie vor ein Unikat in der deutschen Presselandschaft.

Schwerpunkt der Stiftungs-Arbeit sind Stipendien für Männer oder Frauen, die sich an Hoch- und Fachschulen zu Journalisten ausbilden lassen. Bedacht werden zugleich Nachwuchskräfte in Zeitungen, die sich erfolgreich für ein Ausbildungs- oder Reisestipendium bewerben. Über dieses Projekt können sich junge Frauen und Männer in eigener Regie im In- oder Ausland als Reporter auf den Weg machen. Bis zu 5000 Euro werden jeweils dafür bereitgestellt. Die Verwertungsrechte der Texte erwirbt die Stiftung.

Gefördert werden außerdem als gemeinnützig anerkannte Ausbildungseinrichtungen wie die Deutsche Journalistenschule in München, die Evangelische Medienakademie in Berlin oder Journalisten-Seminare zum Beispiel an den Universitäten Berlin, Mainz, München. Insgesamt konnte bisher rund 600 jungen Frauen und Männern finanziell unter die Arme gegriffen werden.

Vertreter der Stiftung sind ein geschäftsführender Vorstand (seit 2015 Ulrich Uebele, ehemaliger Leiter des Revisionsamtes der Stadt Frankfurt) und ein fünfköpfiges Kuratorium. Diesem Gremium gehören an: als Vorsitzender Dr. Richard Meng (einst FR-Redakteur und danach Sprecher des Senats von Berlin), Arnd Festerling (FR-Chefredakteur), Sylvia Schenk (Juristin und Mitglied von Transparency International), Michael Opoczynski (ehemals Leiter der WISO-Redaktion beim ZDF) und Roderich Reifenrath (ehemaliger FR-Chefredakteur).

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