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Frankfurter Rundschau Entschieden oppositionell

Die Frankfurter Rundschau blickt auf 70 Jahre politische Berichterstattung zurück. Gerade im Zuge der Studentenbewegung der sechziger Jahre wächst die Bedeutung der FR.

Die Bewegung der Studenten: Daniel Cohn-Bendit durchbricht an der Paulskirche eine Polizeikette. Foto: Kurt Weiner

Pförtner Becker war immer stolz auf seine Livree und seine Aufgabe: niemanden ins Rundschauhaus zu lassen, der dort nichts zu suchen hatte. Pförtner Becker verriegelte also die Tür an der „runden Ecke“, als die Demonstranten kamen. Aus Beckers Sicht waren sie die verkörperte Bedrohung. Die Studentengruppen hatten angekündigt, ein ernstes Wort mit der FR-Redaktion reden zu wollen wegen der Darstellung der Studentenbewegung und: Sie wollten dafür das Rundschauhaus für einige Zeit besetzen. Das durfte Pförtner Becker nicht zulassen.

Tatsächlich aber war die Politik-Redaktion längst auf die Straße zu den demonstrierenden Studenten gegangen, mitten unter ihnen Karl-Hermann Flach und Roderich Reifenrath, in den 90er Jahren FR-Chefredakteur. Sie suchten nicht Konfrontation, sondern Diskussion. Schließlich löste sich die Auseinandersetzung in recht friedlichem Gespräch auf.

Es ließ sich nicht leugnen: Die Organisatoren dieser Demonstration waren von der FR enttäuscht. Die Rundschau war doch all die Jahre ein publizistischer Verbündeter gewesen, wurde wenigstens als Verbündeter angesehen. Verbündeter vor allem gegen die Große Koalition unter Kurt-Georg Kiesinger, dem CDU-„König Silberzunge“ mit NS-Vergangenheit. Der aktive linke Flügel der Studentenbewegung hatte – nicht erst seit der Regierungsbildung 1967 – Distanz zur SPD bezogen, und soweit es den SDS betraf, nicht nur aus eigenem Antrieb. Der eigene Parteivorsitzende, den die Nazis in die Emigration gezwungen hatten, nun Vizekanzler unter einem Ex-Nazi: Willy Brandt also Außenminister unter dem Herrn, der als Verbindungsfigur zwischen Goebbels’ Propagandaapparat und Ribbentrops Außenministerium gewirkt hatte. Das war für sehr viele Sozialdemokraten schwer verdaulich. Für Studenten umso weniger.

Zuchtmeister der SPD

Die SPD wollte aber mitregieren, um „den Staat wirklich bis in die letztmöglichen Konsequenzen zu demokratisieren und für die politische Demokratie feste Fundamente durch die Verankerung der Demokratie im Wirtschaftlichen und Sozialen zu schaffen“ (Herbert Wehner in Bad Godesberg). Es war Wehner, der nach dem Tod des vorsichtigen, als Redner strohtrockenen SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer (14. Dezember 1963) die SPD dorthin trieb, wohin sie nach seiner Ansicht gehörte: in die Regierung.

Der Weg war umstritten wie die Methoden des „Zuchtmeisters der SPD“, des Fraktionsvorsitzenden, der Parteidisziplin durch leise Überredung und – häufiger – bellende Beschimpfung, unduldsam gegen „Abweichler“ und geduldig als Taktiker, erzwang. Wehner war bis in die 40er Jahre Kommunist, dann („Glaubt einem Gebrannten!“) sozusagen sozialdemokratisches Urgestein (das Kompliment machten ihm ausdrücklich, nach vielen Jahren der Polemik, auch Christdemokraten).

Er wusste, wo die Grenzen seiner Möglichkeiten waren: In der Bundesrepublik noch der 70er Jahre war er wegen seiner Biografie Hassobjekt der Rechten. Was nicht bedeutet, dass die eigene Partei ihn nur geliebt hätte. Und er wiederum liebte manche Zeitung nicht sehr, zum Beispiel die FR, zum Beispiel die SPD-Wochenzeitung „Vorwärts“.

Einige Redakteure des Parteiblattes hatten ihren eigenen Ärger mit dem leitenden Personal. Der Magazin-Redakteur zum Beispiel, der nach der Wahlschlappe von 1965 in der illustrierten Beilage ein Bild mit dem Satz betitelte: „Herbert Wehner lässt sich blicken. Er schaut noch grimmiger drein als manchmal ohnehin schon.“ Wer so respektlos schreibt, der ist dann kaum mehr zu halten.

Der Verfasser hatte allerdings einen Nerv getroffen. Die Meinungsforscher hatten bis zum Wahltag am 19. September den Spitzenkandidaten Willy Brandt im Glauben gelassen, er sei ganz nahe am Wahlerfolg und liefere sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Ludwig Erhards CDU. Sie wussten es da schon genauer. Die SPD errang mit 39,3 Prozent – plus 3,1 seit 1961 – den üblichen „Ollenhauer-Sieg“. Die CDU/CSU, ohne Adenauer, stand bei 47,6. Das hatte am Wahlabend Brandt getroffen wie ein Blitz aus blauem Himmel. Für eine sozial-liberale Koalition hätte es dennoch gereicht, die FR warb dafür, stellte eine mögliche Regierung aus SPD- und FDP-Politikern vor, aber es galt nun mal Wehners Taktik. Die FDP war die kleine parlamentarische Opposition. Die außerparlamentarische – das waren, vorantreibend, Studenten. Unter diesen wiederum der SDS. Der hatte seine eigene Geschichte. Ein Unterkapitel der epischen Erzählung „Die heimatlose Linke“.

Der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, war bis gegen Ende der 50er Jahre der SPD recht treu, doch mit der Beginn der Wiederbewaffnung genannten Aufrüstung der Bundesrepublik begann das, sich zu ändern. Erste Risse im Verbund zwischen der linken Studentenorganisation und der noch als links verstandenen Partei wurden Anfang 1959 sichtbar. An genau dem Tage, an dem Fidel Castro in Kuba an die Macht kam, diskutierten in Westberlin Studenten über den Zusammenhang zwischen Wiedervereinigung und (Atom-)Rüstung. Sie gingen auch, da es noch keine Mauer durch die Spreestadt gab, abends in den Ostsektor zur Humboldt-Universität. Sie hörten dort, dass es eine Kontinuität zwischen dem Antikommunismus Hitlers und dem Adenauers gebe; und sie gaben zurück, die Reparationszahlungen der DDR an die Sowjetunion könnten ja wohl nur als Besatzungspolitik qualifiziert werden und nicht als deutscher Weg zum Sozialismus, wie man dort sage. Es gab erstaunlicherweise keinen Streit mit den Ostberliner Studenten. Wohl aber mit den Sprechern der SED. War ja nicht anders zu erwarten.

Unerwartet kam anderntags der Vorwurf eines heute vergessenen, damals in Westberlin tonangebenden SPD-Funktionärs: „Da drüben sind Resolutionen vorbereitet worden“, und „Ihr seid drüben gewesen!“. Die Studenten, die mit ihrem Kongress die noch nicht abgesagten Kampagnen der SPD gegen Wiederbewaffnung, gegen das Streben nach Nuklearwaffen („Kampf dem Atomtod“) und für die deutsche Einheit (Wehners Deutschland-Plan) hatten unterstützen wollen, sahen sich von der SPD beargwöhnt. Die Kluft zwischen „der Partei“ und „den Studenten“ wurde deutlich erkennbar.

Bald beschuldigte der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Mommer die Mitglieder des SDS, sie seien „Ulbrichts trojanische Esel“. Mommer argwöhnte auch schon mal öffentlich, manche Mitglieder der SPD zeigten Anflüge von Gemeinsamkeit mit Kommunisten, und wurde ebenso öffentlich von Parteichef Erich Ollenhauer zurückgepfiffen. Doch die Kluft wurde tiefer und letztlich aus Sicht der SPD-Führung unüberbrückbar. Am Ende stand eine Unvereinbarkeitserklärung: 1961 wurde die Mitgliedschaft im SDS von der Partei als hinreichender Grund angesehen, jemanden aus der Partei auszuschließen.

Der SDS war nun nicht mehr nur die sozialdemokratische Organisation junger Akademiker, wie sie unter anderen Helmut Schmidt einst (wieder-)gegründet hatte; der SDS stand links von der Partei, ohne einheitlich zu sein, war gelegentlich in den Augen der pragmatisch gewordenen Älteren übermäßig theorielastig, diskussionsfroh bis zum Zerreißen und mit seinem Beharren auf Nichtaufrüstung und manchen Grundsätzen, von denen die Sozialdemokraten sich mit ihrem Godesberger Programm verabschiedet hatten, denn auch unbequem. Und nun, wegen der Großen Koalition, Opposition, außerparlamentarisch, aus Enttäuschung radikalisiert.

Nicht viele Medienmacher verstanden das damals. Die Rundschau-Politikredakteure  begriffen die Zusammenhänge etwas schneller und genauer. Die FR berichtete ausführlicher als andere große Tageszeitungen über diese Auseinandersetzungen – und im Unterschied zur konservativen Mehrheitsmeinung durchaus verständnisvoll. Wie die FR, so verlangten auch die SDSler, die Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnische Grenze anzuerkennen; für manche CDU-Politiker grenzte das schon an Landesverrat. Wie die FR, so lehnten die Studenten, von denen hier die Rede ist, die Aufrüstung der Bundesrepublik ab, und ab dem 1. Dezember 1966, an dem die CDU-SPD-Koalition gestiftet worden war, galt die FR als Oppositionsblatt. Im Gegensatz zur übergroßen Mehrheit der bundesdeutschen Presse damals.

Es war dann auch die FR, die nicht herunterspielte, was sich in den Ostertagen 1967 in West-Berlin ereignete: Besuch des iranischen Schahs, Auftritte von „Prügelpersern“, Studenten-Demonstrationen, die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen West-Berliner Polizisten. Die außerparlamentarische Opposition (Apo) wurde nochmals radikaler und stärker.

Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt war – neben der FU in Berlin – ein Apo-Zentrum. Frankfurt hatte im Mai 1966 eine erste große Kundgebung gegen den Vietnam-Krieg der USA erlebt; zögernd, dann energischer stimmte die FR in die Kritik an diesem Krieg ein. Das alles machte sie zu einem Weggefährten der Opposition; nicht von ungefähr traten junge Journalisten in die FR-Redaktion ein, die in dieser Opposition aktiv gewesen waren und es zum Teil blieben. Junge Redakteure und ständige Mitarbeiter, die tagsüber mit Kollegen heftig diskutierten, saßen abends oft in den Ausschüssen und Vollversammlungen der linken politischen Szene. Sie beobachteten, trugen der Redaktion die Stimmungen und Argumente vor, die in der Szene vorherrschten, diskutierten sie, sortierten und verwarfen auch, was sie erfahren hatten. Wohl zu keiner anderen Zeit ist die FR-Reaktion so sehr von dem intensiven Austausch der Meinungen bestimmt gewesen.

Die FR war in jenen Jahren die Zeitung, die von Studenten gelesen wurde, das Wachstum ihrer Deutschland-Ausgabe erklärte sich dadurch. Doch sie war nie das, was Studenten manchmal gern in ihr gesehen hätten: das Apo-Leitorgan. Eben deswegen musste manchmal vor dem FR-Haus demonstriert werden, und auch besetzt wurde die Nachrichtenredaktion gelegentlich – von Studenten, die diskutieren wollten und nichts als diskutieren. Um das zu verhindern, schloss Pförtner Becker dann schon mal das Tor.

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