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FR-Altenhilfe Ein Menü gegen das Alleinsein

Durch Billigjobs und demographischen Wandel droht immer mehr Menschen die Altersarmut. Wer wenig Geld hat, kann in einer Begegnungsstätte in Nieder-Eschbach dennoch vorzüglich speisen.

19.11.2012 13:51
Von Falk Ruckes
Beim gemeinsamen Essen kommen die Gäste schnell ins Gespräch. Foto: peter-juelich.com

Gudrun Bieder-Hynek und ihre sieben Kolleginnen könnten in ihrer uniformen Kleidung leicht als Bedienungen aus der Nobelgastronomie durchgehen: Hosen und Oberteile in strahlendem Weiß, die Schürzen und Halstücher einheitlich rot.

Auch die Köstlichkeiten, die Bieder-Hynek und ihre Helferinnen an diesem Abend den rund 60 Gästen im Saal servieren, könnten leicht aus der Küche eines Feinschmeckerrestaurants stammen: Broccolicremesuppe, gefolgt von Entenbrust à l’orange mit Apfelrotkohl und Rosmarinkartoffeln. Als Dessert steht frische Backapfelcreme mit Schmand auf dem Programm.

Doch die Damen in Rot und Weiß bedienen nicht in einem Frankfurter Sternelokal, sondern im Begegnungszentrum des „Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe“ am Ben-Gurion-Ring. Im Alltag arbeitet Gudrun Bieder-Hynek in der Nachbarschaft als Optikerin. Sie und ihre Kolleginnen unterstützen als ehrenamtliche Helferinnen das Projekt „Restaurant im Viertel“, das den Gästen für gerade mal vier Euro das raffinierte Drei-Gänge-Menü anbietet. Doch bei der Haute Cuisine für kleines Geld geht es weniger darum, sozial Schwachen gehobene Küche zu offerieren, sondern vielmehr um die Stärkung gesellschaftlicher Strukturen im Viertel.

Hier in Nieder-Eschbach, am Ben-Gurion-Ring, leben sehr viele Menschen auf kleinstem Raum und doch: Wirklich kennen sich hier nur die Wenigsten. Als Brennpunkt würde Christian Meyer-Wolf den Ring nicht bezeichnen. Doch als sozial schwach sieht der Fachbereichsleiter des Frankfurter Verbandes ihn auf jeden Fall an. Ein großes Problem bilden die aufgelösten sozialen Strukturen: Vor allem Familien fehlen. Zahlreiche Alte wohnen hier, deren Kinder aber schon vor langer Zeit weggezogen sind. Auch die vielen verschiedenen Kulturen am Ring sind sich oftmals noch fremd geblieben. Das Ergebnis: Anonymität im Stadtteil.

Die Gäste des Begegnungszentrums schildern an dem Abend die Situation ähnlich: Beinahe alle kommen aus der Nachbarschaft. Vom Sehen kennen sich viele. Mal läuft man sich beim Einkaufen über den Weg oder hält sich im Flur die Türe auf. Doch für mehr als einen Plausch fehlt oft der Anlass. Keine Wunder also, dass die meisten heute Abend wegen der Gesellschaft kamen.

So auch Hannelore Albrecht und Gisela Eckert, die ebenfalls am Ring wohnen. Die zwei Rentnerinnen kämen hier endlich mal wieder unter Leute und könnten Neuigkeiten austauschen. Ansonsten werde hier für alte Menschen nur wenig geboten. Und mit ihren „Walkern“ – so nennen sie liebevoll ihre Rollatoren – kämen sie nicht mehr weit.

Die anderen Leute am Tisch kannten die beiden Frauen vor dem Abend nicht, doch kamen sie heute mit ihnen schnell ins Gespräch. „Es ist erstaunlich, wie gut Menschen beim Essen miteinander in Kontakt kommen“, staunt Jeanette Nold, die Leiterin des Begegnungszentrums.
Auch sie diagnostiziert dem Viertel geringen sozialen Zusammenhalt. Als Grund dafür sieht sie den schlechten Ruf des Quartiers: „Es gibt eine große Scheu, aufeinander zuzugehen. Das Essen soll hier als Medium dienen, Vorbehalte abzubauen.“

Daher ist das Menü bewusst günstig gehalten. Die Schwelle, hier herzukommen, soll tief liegen. Im September wurde in dem Zentrum schon einmal das „Restaurant im Stadtteil“ veranstaltet. Das nächste ist für Februar geplant. Auch wenn immer fast alle Plätze besetzt waren, fehlen unter den Gästen bisher noch junge Gesichter. Um das zu ändern, hoffen die Veranstalter zukünftig unter anderem auf eine Zusammenarbeit mit dem nahe gelegenen Jugendhaus.

Zubereitet werden die Speisen stets ehrenamtlich von einem Altenheimkoch des Frankfurter Verbandes. Die Kosten wurden über Spenden finanziert, unter anderem durch 3000 Euro von der Altenhilfe der Frankfurter Rundschau.

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