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Teams United/Aumühle Gemeinsam stark

Zwei vom Schlappekicker unterstützte Fußball-Mannschaften unterstreichen die soziale Kraft des Sports.

14.11.2018 12:23
Schlappekicker
Starker Zusammenhalt: Das Team Aumühle vor einem Spiel in Darmstadt-Wixhausen. Foto: Rolf Oeser

Der Erste kommt schon anderthalb Stunden, bevor es losgeht. Doch den Jungen im roten Stuttgart-Trikot scheint es nicht zu stören, dass er erst einmal ganz alleine auf dem Kunstrasen steht. Er läuft an, nimmt Maß, ruft: „Mario Gomez!“, und jagt den Ball in den Winkel. Es dauert nur ein paar Minuten, ehe der Nächste angeschlendert kommt. Doch der junge Mann im Dortmund-Dress hat ein Problem. „Bruno, ich hab meine Sportbrille zu Hause vergessen, ich hab nur eine normale dabei“, sagt er. „Dann heute keine Kopfbälle“, ermahnt Bruno Pasqualotto. 

Pasqualotto ist der Trainer des Team United in diesem Jahr, der inklusiven Fußballmannschaft der SV Teutonia Köppern. Jeden Freitag kommt die bunte Truppe auf dem Kunstrasenplatz der Teutonia zusammen, dazu dienstags in der benachbarten Halle. Ob Kleinwüchsigkeit, Down-Syndrom, halbseitige Lähmung oder gar keine Behinderung – das spielt beim Team United keine Rolle. „Die Jungs sind einfach happy, Fußball zu spielen“, sagt Pasqualotto. Der Schlappekicker, die Hilfsaktion der FR, unterstützt das Team United mit 2000 Euro. 

Pasqualotto, seit mehr als 40 Jahren im Verein aktiv, hat die inklusive Mannschaft 2013 ins Leben gerufen. Auf die Idee brachte ihn damals ein Junge, der zum Training der D-Jugend kam, die Pasqualotto bis heute coacht. Der Bub, vielleicht zehn oder elf, hatte eine Lern- und Entwicklungsverzögerung und fand deswegen keinen Verein. „Er wurde überall ausgelacht“, berichtet Pasqualotto. „Wir haben einfach gesagt: Wir probieren das. Und die D-Jugend-Jungs haben ihn ganz toll aufgenommen, das war sensationell.“ 

So entstand die Idee, eine neue Mannschaft zu gründen, in der jeder mitspielen kann, der mag. Egal, wie er aussieht, wie alt er ist oder was er kann. Vor dem ersten Training sei er durchaus nervös gewesen, gibt Pasqualotto zu. Doch das Projekt stieß schnell auf Zuspruch. Zum ersten Training kamen fünf, nach einem halben Jahr 20, mittlerweile sind über 50 da. Rund ein Viertel der Spieler hat keine Behinderung, die Altersspanne reicht von zwölf bis 41. „Dass es so gewachsen ist, damit hat keiner gerechnet“, sagt Pasqualotto. „Jetzt sind wir die größte Mannschaft im Verein.“

Seit 2017 tritt das Team United in der inklusiven Fußball-Liga des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands an und konnte in der ersten Saison gleich die Meisterschaft feiern. Dazu reisen die Kicker aus Köppern zu Freundschaftsspielen und Turnieren, im Sommer gibt es ein inklusives Trainingscamp, eine zusätzliche Blindenfußball-Mannschaft befindet sich derzeit im Aufbau. Und offen für neue Gesichter ist das Team United jederzeit. Wer mag, kann ohne Anmeldung dazustoßen. „Einfach vorbeikommen, mitmachen und das miterleben“, rät Pasqualotto. 

Als echte Institution des Behindertensports kann man derweil ein Projekt bezeichnen, das 50 Kilometer weiter südlich beheimatet ist. Idyllisch zwischen Bach und Wiesen liegt sie, die Aumühle im südhessischen Wixhausen, eine Einrichtung, die 170 Menschen mit Behinderung eine Arbeitsstelle und 110 von ihnen dazu ein Dach über dem Kopf bietet. Auch zur Freizeitgestaltung gibt es hier ein großes Angebot: Tanzen, Bowling, Musik machen, Kochen – und natürlich Fußball. „Wir müssen die Menschen begeistern können“, sagt Marion Ploner, Leiterin der Aumühle. „Mit Fußball kriegt man sie.“ 

Training auch ohne Trainer

Schon seit über 20 Jahren gibt es die Fußballmannschaft der Aumühle. So viel Konstanz unterstützt der Schlappekicker 2018 ebenfalls mit 2000 Euro. Einmal in der Woche wird trainiert, im Sommer auf dem Sportplatz der TSG Wixhausen, im Winter in der Halle. 16 Männer und zwei Frauen gehören der Gruppe an, alle sind sie in der Aumühle tätig, arbeiten dort in der großen Gärtnerei, der Wäscherei oder vernichten Akten.

Regelmäßig treten die Aumühlen-Fußballer bei Turnieren an, meist geht es gegen die Teams anderer Behinderten-Werkstätten, ab und zu reist die Gruppe auch mal übers Wochenende ins Trainingslager. 2016 trat die Auswahl aus der Aumühle bei den Special Olympics an, einer weltweiten, vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannten Wettkampfserie für Menschen mit Behinderung, und holte im Fußball-Wettbewerb die Goldmedaille. „Das war ein ganz besonderes Erlebnis“, sagt Ploner. 

Aktuell steht die Fußballmannschaft der Aumühle jedoch vor einer Herausforderung. Rainer Lutz, der die Mannschaft aufbaute und 20 Jahre lang ehrenamtlich trainierte, verstarb im Frühjahr, sein Nachfolger, ein Aumühlen-Mitarbeiter, verließ die Einrichtung im Spätsommer. Seitdem versucht Ploner, einen neuen Trainer zu finden. Gar nicht so leicht. „Es muss passen“, sagt sie. 

Denn für die Aumühlen-Bewohner ist der Fußball mehr als nur ein Hobby. „Sie lernen dadurch so viel“, sagt Ploner: „Sportsgeist, Zusammenhalt, Fairness, Regeln, Niederlagen aushalten, Siege feiern.“ Wie wichtig ihnen der Fußball ist, zeigt das folgende Beispiel: Auch wenn die Mannschaft der Aumühle zurzeit keinen Trainer hat – zum gemeinsamen Kick trifft sie sich trotzdem so gut wie jede Woche.

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