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Schlappekicker-Preis Gemeinsam Grenzen überwinden

Der hessische Fußballklub 1. FC Eschborn erhält für seine beispielhafte Arbeit mit Migranten und Kriegsflüchtlingen den Schlappekicker-Preis 2014.

30.11.2014 14:46
Ein eingespieltes Team: Kalos Kirenge (li.) und Marcus Klandt. Foto: Monika Müller

Die ganze Welt spielt Fußball. Meist geht es dabei um Sieg oder Niederlage, Meisterschaften und Pokaltriumphe, Auf- oder Abstieg. Doch sehr viel wichtiger als der Kampf um Punkte ist wohl ganz etwas anderes: Dass sich nämlich über alle Landesgrenzen hinweg eine wahre Gemeinschaft bildet. Im Idealfall führt der Sport in der Tat Menschen aus aller Herren Länder zusammen.

Gerade im Fußball gibt es heutzutage im Grunde keine internationale Spitzenmannschaft, die ohne ausländische Kicker auskommt. Das ist auch in den unteren Ligen der Fall, wie beispielsweise beim 1. FC Eschborn, wo, wie Vorstandsmitglied Denis Biesold ausführt, eine „gesunde Mischung“ aus Spielern verschiedener Sprachen und Kulturen versammelt ist.

Schon seit langer Zeit legen die Eschborner sehr viel Wert darauf, Menschen mit Migrationshintergrund in den Fußballklub und mithin auch in die Gesellschaft zu integrieren. Marcus Klandt bringt es auf den Punkt: „Das soziale Miteinander ist für uns ganz wichtig“, sagt der Sportliche Leiter des Hessenligisten – ein beispielhaftes Engagement, das nun entsprechend belohnt wird: Heute Abend erhält der Fünftligist im Frankfurter Römer den mit 5000 Euro dotierten Schlappekicker-Preis der Frankfurter Rundschau.

Dass sich die Jury in diesem Jahr für den 1. FC Eschborn entschieden hat, hat einen guten Grund. Denn noch immer ist die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund nicht zur Selbstverständlichkeit geworden. Tatsächlich ist die Frage nach Toleranz heute genauso aktuell wie vor wenigen Jahren. So hat erst kürzlich eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aufgezeigt, dass 44 Prozent der Deutschen Vorbehalte gegenüber Asylbewerbern haben, wie die FR berichtete.

Besonders im Main-Taunus-Kreis finden viele Migranten eine neue Heimat. Ob aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan – die Stadt Eschborn hat eine große Zahl von Flüchtlingen aufgenommen. In dieser Situation sei es für einen Verein wie den 1. FC Eschborn eine Selbstverständlichkeit, im Rahmen seiner Mittel zu helfen, sagt Biesold: „Wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben, hier bei uns Fußball zu spielen. Sie müssen ja auch mal raus aus ihrem Alltag.“ Für die Umsetzung dieses Projekts zeichnet ein Tandem verantwortlich: Jörg Fries vom Vereinsvorstand des 1. FC Eschborn und Thomas Ulshöfer, Vorsitzender des Pastoralausschusses der Katholischen Kirche.

Das Angebot wird dankend angenommen – ob barfuß, in ausgelatschten Schlappen oder auch in Fußballstiefeln: 20 bis 25 Migranten und Kriegsflüchtlinge treffen sich seit Sommer 2013 einmal pro Woche auf der Heinrich-Graf-Sportanlage, wo sie sich mit dem Fußballspielen ein wenig von ihren persönlichen Sorgen und Nöten in ihren Heimatländer ablenken können.

Natürlich wird auch innerhalb der Gruppe die Integration großgeschrieben. Obwohl dort viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, ist durch das regelmäßige Zusammensein inzwischen eine verschworene Gemeinschaft entstanden – ein besseres Beispiel für die völkerverbindende Kraft des Fußballs kann es kaum geben. Auch helfen manche der dort betreuten Menschen mittlerweile beim Verein mit, zwei Kinder spielen in Jugendmannschaften. Und da den Migranten aufgrund ihrer finanziellen Situation ein Besuch eines Fußballspiels normalerweise versagt bleibt, lädt der 1. FC Eschborn sie gerne dazu ein.

Dort können sie dann auch einen 20-jährigen Nachwuchskicker aus dem ostafrikanischen Tansania beobachten: Kalos Kirenge. Der 1,90 Meter große Innenverteidiger ist seit dem 1. Juli 2014 in Eschborn aktiv. Die Verbindung zu Kirenge ist über Jürgen Seitz entstanden, der mit seiner im Jahr 2009 gegründeten „TSC Sports Academie“ in Armut lebende Kinder unterstützt. 2013 entwickelte Seitz dann das Folgeprojekt FELS („Football, Education, Life Skills“), das den Grundgedanken des Vorläufers fortsetzt: den Jugendlichen eine Zukunft zu ermöglichen.

Visum bis zum Sommer 2015

So erhalten die talentiertesten Fußballspieler eine Berufsperspektive in Deutschland, wo sie sich als erste tansanische Profifußballer außerhalb Tansanias durchsetzen können. Andere Jugendliche werden in Tansania bei der Arbeitssuche unterstützt und erhalten Stipendien für Berufsschule und Universität. In Zusammenarbeit mit dem FELS-Projekt bietet nun auch der 1. FC Eschborn Kirenge die Möglichkeit, sich entsprechend in Deutschland weiterzubilden. Tagsüber besucht der talentierte Kicker eine Sprachschule, ehe er abends die Trainingsklamotten auspackt und dem Ball nachjagt.

„Er wird langsam an das Leben in Deutschland herangeführt“, sagt Klandt. Das ist aufgrund der kulturellen Unterschiede nicht immer ganz so einfach. „Da ist natürlich schon eine Hemmschwelle vorhanden“, so Klandt. „Wir bieten hier einen entsprechenden Zugang.“ Tatsächlich ist Kirenge, der sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Mannschaft schon zum Einsatz gekommen ist, inzwischen voll integriert. Jetzt wird der nächste Schritt geplant: Kirenge soll auch in die Jugendarbeit miteinbezogen werden und dort ein Traineramt übernehmen. Sein Visum läuft noch bis zum 30. Juni 2015. Ob es darüber hinaus verlängert wird, ist noch offen.

Mit seinem Engagement beweist der 1. FC Eschborn jedenfalls, dass sich der Fußball geradezu ideal dafür eignet, Menschen in die Gesellschaft zu integrieren – und das ist letztlich sehr viel wichtiger als Sieg oder Niederlage.

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