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Schlappekicker Eine Sportart macht Schule

Kim-Chi Wiesbaden erhält den mit 5000 Euro dotierten Schlappekicker-Preis.

30.11.2018 09:59
Judo-Club Kim-Chi Wiesbaden
Talentförderung und Integration: Nachwuchstraining beim Kim-Chi Wiesbaden. Foto: Rolf Oeser

Bei Kim-Chi Wiesbaden ist immer was los. Sportlich sowieso, wie die deutschen Meistertitel für die U16-Juniorinnen (2016) und die U14-Junioren (2017) eindrucksvoll beweisen. Doch mindestens genauso viel Wert legt der 1999 gegründete Verein auf das gesellschaftliche Miteinander. Der Zweite Vorsitzende Siegbert Geuder setzt in dieser Hinsicht keine Prioritäten: „Wir wollen beide Dinge gleichermaßen fördern: den Leistungsgedanken und das Soziale.“

Die Arbeit, die der Judoklub leistet, ist in der Tat vorbildlich. Als Zeichen der Anerkennung erhält der Verein für sein „ganzheitliches Konzept“, wie Geuder das Angebot des Vereins bündig bezeichnet, in diesem Jahr den mit 5000 Euro dotierten Schlappekicker-Preis der Frankfurter Rundschau, der seit 1998 an Vereine, Initiativen oder eine Person aus dem Rhein-Main-Gebiet vergeben wird, die sich in besonderer Weise gesellschaftlich und damit für die sozialen Aspekte in ihrem sportlichen Alltag engagieren.

Die Idee für das Konzept lag im Grunde schon vor Gründung des Vereins in der Schublade. Denn schon damals sah sich Geuder vor die Frage gestellt, wie man Kinder und Jugendliche am besten für den Vereinssport begeistern könne. Ein Problem, mit dem inzwischen im Grunde alle Sportvereine konfrontiert sind. Da Kinder durch die heutige Ganztagsbetreuung sehr viel Zeit an der Schule verbringen, muss ein Verein schon mit den Schulen kooperieren, um die Schüler und mithin potenzielle Mitglieder zu erreichen. „Wir dürfen nicht warten, bis die Kinder zu uns kommen“, sagt Geuder. „Wir müssen selbst auf sie zugehen und dort hingehen, wo sie zu Hause sind.“

Die Idee war so einfach wie genial: Kim-Chi Wiesbaden wandte sich an die Kitas und Schulen in der Stadt, um gerade in den Vororten und Randbezirken der Stadt den Kindern mal eine andere Sportart als Fußball näherzubringen und quasi vor Ort kennen zu lernen. Das gelingt in Wiesbaden über die Maßen gut. Vor allem erschließen sich den Jungen und Mädchen auf diese Art neue soziale Kontakte, die gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund oder Kindern aus sozial benachteiligten Familien enorm wichtig sind. „Sport ist ideal, um Menschen zu integrieren. Es gibt nichts Besseres“, sagt Geuder, dem vorschwebt, in Wiesbaden eine Art Willkommenskultur zu schaffen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Judo besonders gut geeignet sei, „Jungs und Mädchen verschiedenster ethnischer und sozialer Herkunft gleichermaßen anzusprechen“.

Denn Judo ist die bisher einzige Sportart, die sich sogenannte (Judo-)Werte auferlegt hat, nach denen die Sportart gelebt, ausgeführt und natürlich auch den Kindern vermittelt werden soll. Dadurch eignet sich der Sport besonders, soziale Werte in der Gemeinschaft zu erlernen und Respekt, Fairplay und gegenseitige Toleranz zu leben. Aus mehr als 35 verschiedenen Ländern kommen die vom Verein betreuten Kinder. „Sie wissen, dass sie sich gegenseitig brauchen, gerade bei den Mannschaftsmeisterschaften und sich auf einander verlassen müssen, will man gemeinsam erfolgreich sein“, sagt Geuder. „Das ist gelebte Integration.“

Ein wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit besteht außer in der Integration auch in der Gewaltprävention. Die Schüler sollen zu einem gewaltfreien Umgang miteinander erzogen werden und Fairness und Kooperation vermittelt bekommen. Das Sportangebot an den kooperierenden Grundschulen sorgt deshalb nicht zuletzt für eine konfliktfreie Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund und begleitet sie auf dem Weg in die Zukunft. Gerade in den sozialen Brennpunkten von Wiesbaden ist Judo eine Sportart mit hohem sozialem Wert. Zum Gesamtkonzept gehört auch das Projekt „Schulwegsicherung“, bei dem das Kollegium der jeweiligen Kita und Schule und die Eltern der Kinder mit eingebunden werden. Kinder auf Gefahren hinzuweisen und sie zu schulen, wie man sich in Gefahrensituationen auf dem täglichen Schulweg verhält, gehört zu den Aufgaben, die sich Kim-Chi Wiesbaden zu Herzen genommen hat.

Integration von Flüchtlingen

Inzwischen kooperiert der Verein mit 24 verschiedenen Wiesbadener Grundschulen in nahezu allen Vororten von Wiesbaden sowie 15 Kindertagesstätten, die in der Nachbarschaft der Grundschulen angesiedelt sind, um ganz bewusst den Übergang von Kita zur Grundschule mit den verschiedenen Projekten zu begleiten und zu erleichtern. Genau kann man die Zahl zwar nicht nennen, aber zwischen 1500 und 2000 Kinder und Jugendliche betreut der Verein insgesamt. Man könnte auch sagen: Eine Sportart macht Schule.

Ein Blick auf das ambitionierte Zweitligateam zeigt, wie hervorragend diese Grundlagenarbeit, die über das sogenannte Budo-Turnen in den Kitas und der Judo-AG an einer Grundschule in den Verein und mitunter in die Leistungsspitze führt, bei KimChi Wiesbaden funktioniert. Immerhin stammen sämtliche Bundesligakämpferinnen aus dem eigenen Nachwuchs, alle sind über die Schule in den Verein gekommen, so beispielsweise auch Angelina Klemm, die überdies nun sogar als eine von drei hauptamtlichen Trainerinnen bei Kim-Chi Wiesbaden tätig ist.

Zum Betreuerstab gehören zudem auch noch ein Integrationsbeauftragter, ein Gewaltpräventionspädagoge, zwei weitere, lizenzierte Gewaltpräventionstrainer sowie 15 qualifizierte und lizenzierte Übungsleiter. In den Schulkursen sind oft auch Sozialarbeiter mit eingebunden, die besonders bei der Integration von Flüchtlingskindern immer häufiger mit vor Ort sind. „Die Schulen sind sehr dankbar für das Angebot“, sagt Geuder, der allen anderen Sportvereinen ein ebensolches Engagement nur ans Herz legen kann: „Die Arbeit lohnt sich auf alle Fälle.“ Das alles kann aber nur der machen, der auch über die entsprechenden Ressourcen verfügt. Hier macht sich die Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Landessportbund, der Sportjugend Hessen oder dem Schul- und Sozialamt Wiesbaden bezahlt. Und natürlich ist nun auch das Geld des Schlappekicker-Preises eine enorm wichtige Hilfe für den Verein.

Die Auszeichnung macht es dem Judoklub jedenfalls noch ein bisschen leichter, sein langfristiges Ziel zu verwirklichen. In den nächsten Jahren will Kim-Chi Wiesbaden sein Projekt nämlich flächendeckend in ganz Wiesbaden auf alle 38 Wiesbadener Grundschulen ausweiten, damit alle Kinder (etwa 10 000 Grundschüler) in Wiesbaden ohne großen logistischen und finanziellen Aufwand die Möglichkeit erhalten, die Sportart Judo auszuprobieren. Sollte das klappen, dürfte der Erfolg bei Kim-Chi Wiesbaden garantiert sein, im Sport genauso wie beim gesellschaftlichen Miteinander. Ein lohnenderes Ziel kann es wohl nicht geben.

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