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FR-Hilfsaktion Auf Tuchfühlung mit der Historie

Ein Abend im Museum: Was Eintracht Frankfurt mit dem Schlappekicker verbindet.

10.10.2018 15:05
Schlappekicker-Veranstaltung im Eintracht-Museum
Neuzugang im Eintracht-Museum: FR-Chefredakteur und Schlappekicker-Vorsitzender Arnd Festerling (r.) schenkt Eintracht-Vorstand Axel Hellmann (m.) ein historisches Schlappekicker-Trikot - das freut auch Museumsleiter Matthias Thoma. Foto: Rolf Oeser

Wie so oft im Fußball spielte auch bei dieser Begebenheit die Rivalität eine entscheidende Rolle. Es war im Sommer 1925 als Walter Neumann und Hugo Reiss entschieden: So darf es nicht weitergehen. Der FSV Frankfurt hatte es bis ins Finale um die Deutsche Meisterschaft geschafft und nur knapp gegen Nürnberg verloren, und ihr Verein des Herzens, die Eintracht, dümpelte so vor sich hin. Das konnte ja nicht so bleiben. Also machten sie sich ans Werk, um die SGE nach ganz oben zu führen.

So beginnt die spannende Geschichte zweier Freunde, die Matthias Thoma am Dienstagabend im Eintrachtmuseum erzählte – und damit die Frage beantwortete, in deren Zeichen der ganze Abend stand: Was verbindet die Eintracht und den Schlappekicker, die Hilfsaktion der FR? Das könnte wohl kaum jemand besser erläutern als der Museumsdirektor, der sich ja mit der Geschichte der Eintracht so gut auskennt wie kaum ein Zweiter. Und so klebten rund 50 Gäste an Thomas Lippen, darunter Eintracht-Präsident Peter Fischer, der stellvertretende Eintracht-Aufsichtsrat Philip Holzer, Eintracht-Ex-Nationalspieler Friedel Lutz, der auch Mitglieder der 59er-Meistermannschaft war, FSV-Trainer Alexander Conrad, der frühere FSV-Manager Bernd Reisig und viele weitere Schlappekicker-Mitglieder und -Spender.

Werner Neumann, verriet Thoma also, war seinerzeit Mitinhaber der großen Schuhfabrik J. & C.A. Schneider in der Mainzer Landstraße (im Volksmund „der Schlappe-Schneider“), Hugo Reiss dort als Einkaufschef, Betriebsleiter und Prokurist angestellt. Was sie einte, war die Liebe zur Eintracht. Die Firma begann, den Klub finanziell zu unterstützen, fast alle Spieler bekamen einen Nebenjob in der Schuhfabrik – und goldene Uhren als Siegprämie. „Quasi eine versteckte Werksmannschaft“, so Thoma. Reiss wurde Schatzmeister bei der Eintracht, Neumann zog im Hintergrund die Fäden, galt als inoffizieller Präsident. Und das Engagement zeigte Wirkung: 1930 wurde die Eintracht Süddeutscher Meister, 1932 stand sie im Finale um die Deutsche Meisterschaft (0:2 gegen Bayern München). Bald sprach man nur noch von den „Schlappekickern“.

Der geflügelte Begriff diente 1951 auch dem damaligen FR-Sportchef Erich Wick zur Inspiration, als er die Schlappekicker-Stiftung ins Leben rief. Seinen Nachfolger Bert Merz verband indes eine eher düstere Erinnerung mit den Frankfurter Schlappekickern und ihren Förderern: Er hatte die Reichskristallnacht im November 1938 auf dem Gelände des „Schlappe-Schneider“ erlebt, wo er eine Ausbildung machte und als Teil einer Betriebswehr bereit stand, um das Grundstück ntotfalls zu verteidigen. Neumann und Reiss, beide jüdischer Herkunft, waren da längst nach England und Chile geflohen.

Eintracht-Fans mit Leib und Seele blieben sie und ihre Familien dennoch, wie ein rührender Brief von Neumanns Ehefrau Lotte belegt, den Thoma vorlas. Das Schreiben schickte die Witwe 1950 aus Blackburn, nachdem ihr Mann verstorben war und die Eintracht ihr die Festschrift zum 50-jährigen Bestehen und eine goldene Ehrennadel hatte zukommen lassen: „Beim Lesen Ihrer Festschrift kamen so viele frohe und vergnügte Erinnerungen zurück, dass die schlimmsten Jahre momentan unwirklich erscheinen. Möge der Sport wie in der Vergangenheit völkerversöhnend wirken.“

Erfolgreicher Neustart 2017

Der stellvertretende Schlappekicker-Vorsitzende Harald Stenger ließ anschließend die Nachkriegsjahre Revue passieren und berichtete über die aktuelle Entwicklung. Er erinnerte an die legendären Schlappekicker-Weihnachtsfeiern im Henninger-Turm und zuletzt im Bürgerhaus Nordweststadt, bei denen sich von Fritz Walter bis Franz Beckenbauer unzählige Fußballgrößen die Ehre gaben, von der finanziellen Krise der FR Anfang der 2000er, die beinahe das Ende des Schlappekickers bedeutet hätte, und vom erfolgreichen Neustart 2017 mit neuem Vorstand und vielen neuen Förderern. „Die Sanierung“, so Stenger, „ist gelungen.“

Zum Abschluss blickte Eintracht-Vorstand Axel Hellmann im Gespräch mit FR-Sportchef Jörg Hanau dann noch auf die zurückliegenden, ereignisreichen Monate zurück. Er sprach über den Pokalsieg im Mai („Das hat immer noch was Surreales“), die monatelange Siegestour mit dem Pott durch die ganze Stadt („Wenn wir schon mal so ein Ding holen, dann darf ihn auch jeder anfassen“), die Europa League („Der Frankfurter liebt das Reisen und das Internationale“) und die Zukunft („Wir werden bei einer Politik der kleinen Schritte bleiben“). Auch das verbindet die Eintracht und den Schlappekicker: Bei beiden ging es zuletzt wieder ziemlich bergauf.

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