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Zum Abschied von Hans Bachl Der ruhige Richter

Die Wände sind schon weiß. Das letzte Bild im Büro ist abgehängt. Das letzte Urteil ist gesprochen. Einer der prominentesten Juristen Frankfurts verabschiedet sich in den so genannten Ruhestand. Von Stefan Behr

Wenn das Fernsehgericht in den Saal geholt wurde, wurde er fuchsig: Richter Hans Bachl. Foto: FR/Chris Hartung

Die Wände sind schon weiß. Das letzte Bild im Büro ist abgehängt. Das letzte Urteil ist gesprochen. Neun Jahre und drei Monate wegen versuchten Mordes? Schwang da Wehmut mit? Manchmal kann Hans Bachl, Vorsitzender der 22. Großen Strafkammer, auch die komplexesten Sachverhalte ganz ruhig, kalkuliert und sachlich zusammenfassen: "Ja!"

Bachl verabschiedet sich in den Ruhestand. Nicht aus eigenem Antrieb, aber der 65. Geburtstag rückt gnadenlos näher, und irgendwann muss ja auch mal Schluss sein, aber trotzdem verlieren irgendwie alle was. Bachl eine Arbeit, die er liebt, die Frankfurter Justiz einen ihrer profiliertesten Richter. Bachl hat Prozesse geführt, die noch lange im Bewusstsein der Stadt nachhallen werden. Etwa den gegen Magnus Gäfgen, den Entführer und Mörder des Bankierssohns Jakob von Metzler. Es war sein wohl aufsehenerregendster Fall. Und einer, der einen typischen Bachl zeigte. Während die Volksseele hochkochte und so mancher Prozessbeobachter Mühe hatte, seinen Ekel vor dem Angeklagten nicht laut Luft zu machen, blieb Bachl höflich, ruhig und zu jeder Sekunde korrekt.

Lebenslang für Magnus Gäfgen

Dann kam das Urteil, und das Gericht stellte bei Gäfgen die besondere Schwere der Schuld fest und verurteilte ihn zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Nur zwischen den Zeilen der Urteilsbegründung meinten manche lesen zu können, dass Bachl vielleicht doch wenig Zuneigung für den Angeklagten empfunden habe. Davon will Bachl aber nichts wissen. "Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, solche Gefühle hochkommen zu lassen." Vielleicht liegt das auch an seinem Sohn. "Schrei nicht so, Papa", hat der mal gesagt, als Bachl vor vielen Jahren mal die Fassung verlor, "das ist lächerlich." Bachl hat sich das zu Herzen genommen.

Er kann aber auch anders. "Wenn das Fernsehgericht in den Gerichtssaal geholt wird", dann wird er fuchtig. So geschehen beim Mörder der 16-jährigen Schülerin Beatrix Scheible, der sich mehr als 20 Jahre nach der Tat vor der 22. Strafkammer verantworten musste. Ein DNA-Test hatte ihn überführt, und alles lief auf die Frage Mord oder Totschlag hinaus. Totschlag wäre verjährt gewesen. Das Gericht urteilte: Es war Mord. Und in die spontanen Bravo-Rufe, die nach dem ersten Satz des Urteils im Publikum zu hören waren, hielt Bachl eine kurze Ansprache an die Anwesenden, die zeigte, dass der alte Spruch "Fürchte den Zorn eines ruhigen Mannes" keine Binsenweisheit ist. Danach war´s jedenfalls mucksmäuschenstill im Saal.

Seit 1975 ist der im Sudetenland geborene und im Tiroler Inntal aufgewachsene Bachl beim Frankfurter Landgericht. Hat dort alles Mögliche gemacht, war auch mal Jugendrichter. Und bestätigt als alter Fahrensmann das, was viele seiner jüngeren Kollegen oft als mediale Sinnestäuschung geißeln: "Hang und Bereitschaft zur Brutalität haben zugenommen. Wo man früher einem auf die Nase gehauen hat, wird heute das Messer gezückt." Die Erfahrung habe er aber eher als Jugendrichter gemacht. Mord und Totschlag gingen weiterhin in zeitloser Unschönheit einher.

Die juristische Bühne, die Bachl, dem Theatralik im Gerichtssaal zuwider ist, nie als Bühne betrachtet hat, muss er jetzt notgedrungen anderen überlassen. Um Bachl im Ruhestand muss man sich aber keine Sorgen machen. Er hat sich in seiner aktiven Zeit keine Prozesse der Kollegen angesehen, er hat das auch in Rente nicht vor. Er hat einen Sohn und eine Tochter nebst drei Enkelkindern. In zwei Laienorchestern spielt er die Violine. Und er fährt Ski wie wohl nur einer Ski fahren kann, der in Tirol aufgewachsen ist. Jetzt macht er sich erst einmal auf ins Wallis. "Und wenn meine Freunde sagen: ,Wir müssen nach Hause´, dann kann ich sagen: ,Ich nicht!´" Und dann erzählt er von seinen Lieblingspisten, was selbst einem passionierten Hobby-Skifahrer die Schamesröte ins Gesicht treiben kann, weil das die Sorte Pisten ist, die man sich mit 20 Jahren nicht runtergetraut hat. Und auf die Frage, ob er denn irre sei, sich im Rentenalter sowas runterzustürzen, fragt Bachl ganz ruhig, kalkuliert und sachlich zurück: "Warum? Ist doch schön."

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