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Wohnen in Hessen Im Bauwagen zu Hause

Auf fünf Plätzen leben in Darmstadt Menschen dauerhaft in Bauwagen. Sie tun es aus ökologischer Überzeugung und wollen damit ein politisches Statement abgeben.

Wohnen in Darmstadt
Im selbst gezimmerten Bauwagen von Jilly Latumena: Das Bett verschwindet tagsüber unter einem Podest und schafft so mehr Raum auf 20 Quadratmetern. Foto: Michael Schick

Mitten in Darmstadt leben sie fast wie in der Wildnis: Zwischen Eichen und Mirabellenbäumen, Brennnesseln, Goldruten und Bambus stehen verborgen die Bauwagen der Siedlung Diogenes. Das etwa 840 Quadratmeter große Gelände hinter der Lichtenbergschule hat der Verein von der Stadt gepachtet. Es ist eines von drei städtischen Grundstücken, die an jeweils einen Wagenplatzverein verpachtet sind.

Diogenes ist im Vergleich zur allerersten Siedlung Klabauta bei Kranichstein eher klein: Während auf Klabauta rund 25 Personen wohnen, leben hier nur acht Erwachsene und zwei Kinder. Ihr Anspruch: „Wir wollen so autark wie möglich sein“, sagt Jilly Latumena, die als Sprecherin der Darmstädter Bauwagenvereine fungiert. Die 33-jährige Steinmetzin und Bildhauerin unterrichtet an der Handwerkskammer Mainz. Sie lebt im dritten Jahr auf dem Wagenplatz und kann sich kein anderes Leben mehr vorstellen. „Es ist ein Privileg hier zu wohnen“, sagt sie. Auch wenn es manchmal beschwerlich ist.

Zwar gibt es einen Starkstromanschluss mit Zähler von der Stadt, jedoch versuchen die Bewohner, ihren Strom größtenteils über Solarzellen und Windräder zu erzeugen. Sie sammeln Regenwasser und beziehen Trinkwasser im Sommer aus einer benachbarten Kleingartenanlage. Im Winter, wenn dort die Leitung wegen Frostschutz abgedreht wird, müssen sie es mit Kanistern von der Lichtenbergschule holen. Denn das Gelände ist kein Bauland und nicht erschlossen. Ihr Abwasser müssen sie zu einer Sammelstelle bringen, die vom städtischen Eigenbetrieb EAD geleert wird. „Da überlegt man es sich dreimal, ob man wegen vier Kaffeetassen spült oder noch mehr Geschirr zusammenkommen lässt“, sagt Gabrielle Fend. Die 58-Jährige lebt schon seit 2003 im Bauwagen. Als Einzige besitzt sie zwei Wagen – einen zum Leben und einen zum Arbeiten. „Das ist Luxus“, weiß sie. Und die absolute Ausnahme. Für gewöhnlich steht jedem Bewohner nur ein Wagen zu. Bei Familien werden mehrere miteinander verbunden. Dazu kommen ein gemeinschaftlicher Hygienewagen, eine überdachte Gemeinschaftsküche im Freien und eine Bühne für Veranstaltungen.

Gabrielle Fend hat als Studentin an der Hochschule Darmstadt die Anfänge der Bauwagensiedlungen in Darmstadt miterlebt, die 1990 aus der Hausbesetzerszene hervorgegangen sind.

Die ersten Verträge mit den Wagensiedlungen wurden auf Initiative der Grünen geschlossen, wie Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) sagt. „Es war eine Bedingung für die Wiederauflage der rot-grünen Koalition.“ Auch für den Stopp der damals bereits begonnenen Räumung hätten die Grünen gesorgt.

Fend zog es schon damals auf den Platz, aber sie konnte es aus familiären Gründen nicht realisieren. Auch heute sieht sie ihre Zukunft im Bauwagen: „Ich will hier leben.“ Dafür fährt sie täglich einfach 50 Kilometer zu ihrer Arbeitsstelle in Michelstadt, wo sie als Berufsschullehrerin im Fachbereich Sozialwesen tätig ist. An diesem Morgen hat sie frei. Auch die meisten anderen Bewohner gehen einer ganz normalen Berufstätigkeit nach. Dass es in Wagensiedlungen per se chaotisch zugeht, ist laut Latumena ein Klischee. Auf Diogenes jedenfalls seien Ordnung und Strukturiertheit wichtig. Für alle Aufgaben gibt es Verantwortliche. In der Gemeinschaft wird geklärt, wer sich um was kümmert oder auch, welches Duschgel man nutzen sollte, um sich ökologisch zu verhalten. Denn ganz wichtig ist den Bewohnern der schonende Umgang mit Ressourcen. Dazu gehört nicht nur die Wurmkiste, in der Nahrungsabfälle in Erde verwandelt werden, sondern auch ein Kompostklo, aus dem über ein System von drei Kammern, die immer wieder umgeschichtet werden müssen, aus Ausscheidungen Erde wird. Gespült wird nicht mit Wasser, sondern mit Sägespänen. „Zur Durchlüftung“, erklärt Fend, die für das Funktionieren der Toilette verantwortlich ist. Schon der Weg die steile Treppe hoch in den Holzturm ist ein Erlebnis. Ein Windrad auf dem Dach sorgt für Strom. „Hier ist auch unsere Nachrichtenzentrale untergebracht“, sagt Fend.

An den Wänden sind Postkarten und Besuchs- und Aufgabenpläne festgepinnt, über Zettel informieren sich die Bewohner gegenseitig über Neuigkeiten oder laden zum gemeinsamen Kochen ein. Unter dem Holzturm stehen der Gemeinschaftsbriefkasten und eine Paketstation. Gleich daneben der Traktor, mit dem die Wagen bewegt werden können.

Zum Leben im Bauwagen gehört auch Müll zu vermeiden. Jilly Latumena zum Beispiel kauft meist im Unverpacktladen ein und bezieht Obst, Gemüse und Kartoffeln aus solidarischer Landwirtschaft. Sie ist Foodsaferin und verschenkte kürzlich Mirabellen, die vor ihrem Bauwagen in Massen lagen.

Vieles, was sonst benötigt wird, etwa einen Holzkachelofen für ihren Bauwagen, hat sie über die Initiative „Free your stuff“ geschenkt bekommen. Auch die schwere Eichenholztür, die den Eingang zu ihrer Behausung schmückt, hat sie über das Internet kostenlos bekommen. Den Bauwagen hat sie selbst gebaut. „Ich habe Bautechnik studiert und Spaß am Bauen“, sagt sie. Er verfügt über Achsen und Räder und darf auf der Straße fahren. Wichtig sei eine gute Dämmung, denn jedes Scheit Buchenholz, dass Latumena in ihrem Ofen verbrennt, muss sie selbst hacken und heranschaffen.

Der 20 Quadratmeter große Wohnraum ist heimelig gestaltet: Indische Tücher an der Decke, Masken, Bilder und Figuren an den Wänden. Eine winzige Küchenzeile auf einer kleinen Terrasse davor mit Zweiplattenkocher, Arbeitsfläche und Regalen für Lebensmittel genügt ihr. Von hier schaut Latumena auf das Gehege ihrer drei Hühner, die die meiste Zeit frei über das Gelände streifen. Ein Stromzaun schützt sie nachts gegen den Fuchs. Der ist nicht das einzige wilde Tier, mit dem es die Bewohner zu tun bekommen: Auch Wildschweine seien schon gekommen, um die Eicheln zu fressen, die überall herumliegen, erzählt Gabrielle Fend. Außerdem gebe es Fledermäuse und Blindschleichen, man höre Uhu, Nachtigall und Rotkehlchen. Natur pur – und sehr beliebt: An die 25 Anfragen im Jahr müssen auf den Wagenplätzen in Darmstadt abgelehnt werden, weil die Kapazitäten ausgeschöpft sind, wie Jilly Latumena sagt.

Deswegen hat sie 2016 „Wohnwerk Darmstadt“ als potenziell vierten Wagenplatz gegründet. Sieben Mitglieder habe der Verein bereits. Doch nun geht es darum, ein Grundstück zu finden. Es gibt in Darmstadt zwar auch noch zwei weitere private Wagenplätze, doch Latumena findet es wichtig, dass die Stadt als Schirmherrin auftritt: „Je mehr Wagenplätze es gibt, desto besser“, sagt sie. „Wir sind ein Teil der Stadt“. Und je mehr Plätze es gebe, desto schwerer sei es, sie zu verdrängen. Denn die Angst, dass ein Platz geräumt werden könnte, etwa wenn die Nutzung der Fläche sich im Zuge von Bebauungsplänen ändert, ist allgegenwärtig. Deswegen gehört es zur Wagenpolitik, sich mit Stadt und Nachbarn gut zu stellen. Dafür versuchen sie auch ein kulturelles Programm zu bieten, wie etwa kürzlich das gut besuchte Figurentheater. Für den vierten Wagenplatz schwebt Latumena ein Repaircafé vor.

Doch noch ist kein Gelände in Sicht. Zwar ist laut OB Partsch Darmstadt „bundesweit eine Vorzeigestadt“ in puncto Bauwagensiedlungen und man sei „prinzipiell dafür offen“. Aber es herrsche eine große Nutzungskonkurrenz um freie Flächen.

Wie auf vielen Wagenplätzen gibt es auch auf Diogenes einen Gästewagen, in dem man für mehrere Wochen ins Bauwagenleben reinschnuppern kann. Vor dem Hintergrund aktueller Wohnungsnot und unbezahlbarem Wohnraum ist es auch „ein politisches Statement, hier zu wohnen“, sagt Latumena. Allerdings vermisst sie unter den zahlreichen Interessenten für das Gästewohnen diejenigen, die das Leben auf dem Wagenplatz nicht nur als Abenteuer betrachten, sondern es aus politischer oder ökologischer Überzeugung wünschen. „Die Intention ist heute eher privater, individueller“ Art, sagt Gabrielle Fend. Oftmals stehe der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum im Vordergrund. „Früher ging es mehr darum, ökologische und politische Verantwortung zu übernehmen.“

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