Lade Inhalte...

Wohnen in Hanau Kritik am Umgang mit Mietern

Die Siedlung der Nassauischen Heimstätte an der Hahnenstraße in Hanau soll Neubauten weichen. Acht Mieter haben noch keine neue Bleibe.

Hahnenstraße
Der Abriss der 50er-Jahre-Häuser ist ein Politikum, auch weil nebenan bereits günstige städtische Wohnungen abgerissen wurden. Foto: Rolf Oeser

Bald ist die Siedlung der Nassauischen Heimstätte (NH) mit dem markanten Laubenganghaus an der Hahnenstraße Geschichte: In diesem Sommer sollen dort sowie an der Französischen Allee und Gärtnerstraße die Abrissbagger anrollen, um mitten in der Innenstadt Platz für Neubauten mit insgesamt 150 Wohnungen und einer Tiefgarage mit 162 Stellflächen zu machen. Laut NH leben von einst etwa 100 Mietparteien noch 21 dort, 13 davon ziehen bald um.

Acht Mieter haben noch keine neue Bleibe, mit ihnen muss sich die NH bis 30. Juni einigen. Einer von ihnen sagt, er stehe in einem sehr guten Dialog mit dem Unternehmen, das mehrheitlich dem Land Hessen gehört. Die Mitarbeiter gäben sich viel Mühe, etwas Passendes für ihn zu finden. Der Mann fügt aber hinzu, dass er nie ausziehen wollte. Mit knapp 4,50 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sei seine Wohnung günstig – und in einem guten Zustand.

Ein anderer übt scharfe Kritik an der NH: „Die wollen uns rausschmeißen, auf unsere Kosten Geld machen.“ Die ihm angebotenen Wohnungen seien viel teurer und inakzeptabel, in einem schlechten Umfeld. Er fordert eine angemessene Entschädigung, etwa für seine Küche, was ihm bislang verweigert werde.

Der Bewohner gehört zu denen, die einen offenen Brief von „Mieter helfen Mietern“ (MhM) an die NH unterstützen. Darin heißt es: „Ihr Unternehmen will möglichst günstig, zügig und hochpreisig bauen.“ Das alles geschehe zulasten der Mieter, sie stünden enorm unter Druck. „Warum waren Sie bisher nicht bereit oder nicht in der Lage, allen Betroffenen geeigneten Ersatzwohnraum anzubieten?“ MhM kritisiert besonders, dass die NH – anders als angekündigt – alles auf einmal abreißt. Wegen der Tiefgarage, mit der die Stadt Hanau unbedingt weiteren Parkraum gewinnen wolle. Damit werde den Mietern „aus wirtschaftlichem Eigeninteresse“ von Stadt und NH die Möglichkeit genommen, vorübergehend in eine andere Wohnung zu ziehen und in der Siedlung zu bleiben. Die NH beteilige sich an einer „rapiden Gentrifizierung der Hanauer Innenstadt“.

Künftig sollen die Mieten im frei finanzierten Bereich (80 Prozent der Wohnungen) 9,50 Euro betragen, im geförderten 6,67 Euro (20 Prozent).

Die NH weist die Vorwürfe entschieden zurück. Sprecher Jens Duffner sagt, die geförderten Wohneinheiten „kommen gerade den Geringverdienern zugute“, auch die frei finanzierten lägen unter der ortsüblichen Vergleichsmiete. Und „alle Mieter, die ihre Wohnungen für den Neubau verlassen mussten, haben ein uneingeschränktes Vorzugsrecht beim Erstbezug der Neuwohnungen“. Laut Gutachten wäre eine Sanierung nicht wirtschaftlich gewesen. Mehrere Bauabschnitte seien wegen der Tiefgarage, die notwendig sei, schlicht nicht möglich, so Duffner. Die Fläche müsse aus technischen Gründen in einem ausgehoben werden.

Die NH kümmere sich um die Bewohner. 28 Mietparteien sei eine Wohnung in der Innenstadt vermittelt worden, 17 im Stadtteil Lamboy/Tümpelgarten, sechs in Steinheim und vier in Kesselstadt. Einige Mietparteien seien selbst fündig geworden. Bei den vermittelten Wohnungen, die der NH gehören, liege die Durchschnittsmiete unter dem Mietspiegel. Genauere Angaben macht Duffner auf Nachfrage nicht: Zu einzelnen Höhen dürfe die Nassauische aus rechtlichen Gründen keine Details nennen. Die Zusage, dass alle mit alternativen Wohnungen versorgt würden, gelte weiter. Die NH sei hoffnungsvoll, dass sie sich auch mit den letzten Mietern einige, die bisher gar nicht oder ablehnend reagiert hätten.

Einer der Verbliebenen sagt, Menschen mit wenig Geld seien im Zentrum nicht mehr erwünscht. Ältere Leute müssten nun ihr gewohntes Umfeld verlassen, und er könne sich die neuen Wohnungen nicht leisten. Wenn ihm das Unternehmen keine gute Ersatzwohnung besorge, „werde ich nicht freiwillig gehen“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen