Lade Inhalte...

Winzer im Rheingau Farbe macht den Weingeschmack

Seit Jahren verblüfft der Rheingauer Winzer Ulrich Allendorf seine Gäste mit einem Farbraum in seiner "Weinerlebniswelt". Dass die Farbe des Lichts den Geschmack eines Weines verändern kann, bestätigen nun auch Forscher.

06.01.2010 00:01
Gisela Kirschstein (ddp)
Selber Wein, unterschiedlicher Geschmack. Foto: ddp

Der Riesling aus dem Jahr 2008, Marke Festival, ist ein leichter Schoppenwein, geradlinig, mit Geschmack nach Zitrone, ein wenig mineralisch - ein typischer Rheingauer Riesling eben. Dann wechselt das Licht, Rottöne erfüllen den Raum - und plötzlich schmeckt derselbe Wein im Glas voller, verströmt mehr Süße und Aromen wie rote Cranberrys.

"Farbe ist ein Filter", sagt Ulrich Allendorf, Winzer in Oestrich-Winkel im Rheingau. Seit sechseinhalb Jahren verblüfft er seine Gäste mit einem Farbraum in seiner "Weinerlebniswelt".

In dem komplett weißen Raum mit großem Spiegel kann Allendorf das Umgebungslicht verändern, wahlweise zu Rot, Blau, Gelb oder Grün. Bei grünem Licht entfaltet derselbe Wein im selben Glas auf einmal Aromen wie grüner Apfel und Gras und schmeckt zitronig-herb, während er bei blauem Licht nur noch wie Wasser schmeckt. Es ist das Licht in der unmittelbaren Umgebung, das die Veränderungen bewirkt, haben Wissenschaftler nun auch statistisch nachgewiesen.

"Unter rotem Licht schmeckte der Wein anderthalb mal süßer als unter weißem oder blauem Licht", berichtet Daniel Oberfeld-Twistel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Mainz. Der Effekt sei auch im normalen Leben zu beobachten, etwa wenn man die gewohnte Farbe von Lebensmitteln verändere: "Der grüne Ketchup auf dem Kindergeburtstag schmeckt komisch", sagt Oberfeld-Twistel.

Rotlicht öffnet die Geldbörse

Eine abschließende Erklärung für den Effekt habe die Wissenschaft noch nicht. Es gebe aber "Verschaltungen in unserem Gehirn - Neurone, die reagieren, wenn Signale aus verschiedenen Sinneskanälen kommen", sagt der Psychologe. Bei dem Test wurden 500 Versuchsteilnehmer in mehreren Teilstudien befragt, wie ihnen ein bestimmter Wein schmeckt - und wie viel Geld sie dafür ausgeben würden. Ergebnis: Die Versuchspersonen seien bereit gewesen, über einen Euro mehr für eine Flasche Riesling zu zahlen, wenn er ihnen bei rotem statt bei grünem Licht angeboten wurde, sagt Oberfeld-Twistel.

Bei Allendorfs geht es allerdings nicht um den Preis. Der ist bei allen Flaschen Festival-Riesling gleich, egal in welchem Licht er verkauft wird. "Wir wollen den Menschen Spaß am Wein machen", sagt Allendorf.

Vor neun Jahren kam er auf die Idee mit der Weinerlebniswelt, als er eines Nachts nicht schlafen konnte, wie er erzählt. In einem ehemaligen Packlager richtete der Winzer, der 1996 nach dem Tod des Vaters zusammen mit seiner Schwester das Weingut übernahm, Stationen zum Riechen und Schmecken von Wein ein. Ein Freund schlug vor, "mal was mit Farben zu machen". Allendorf bestellte bei einer Fernsehtechnikfirma eine überdimensionale Leuchtwand.

Rund 25000 Euro kostete die Leuchtinstallation, beim Test in der Firma allerdings "passierte erst mal gar nix", sagt Allendorf: Am Wein war kein Unterschied festzustellen, der erwartete Effekt blieb aus. Der Grund: In der Firma war die angrenzende Wand schwarz, das schluckte den Effekt. Aber auf dem Weingut, im eigens eingerichteten weißen Raum, "hat es richtig gepfeffert, das war der Hammer", berichtet Allendorf.

Das war am 24. April 2003, seitdem haben rund 100000 Gäste die Erlebniswelt auf Allendorfs Weingut besucht. Der Farbeffekt funktioniert fast immer - nur nicht bei Blinden, Farbenblinden oder Menschen, die nichts riechen können.

Allendorfs Erklärung für den Effekt: "Wir reagieren sehr stark auf äußere Einflüsse: Sonnenuntergang oder Novembergrau - der Urlaubseffekt eben", weiß der Winzer. 80 Prozent der menschlichen Wahrnehmung seien vom Sehen geprägt. Ein Riesling habe aber zwischen 800 und 850 verschiedene Inhaltsstoffe, und deren Zusammenspiel mache erst das Besondere eines Weines aus. Die Farbe der Umgebung funktioniere dann wie ein Filter, der den Gaumen auf ganz bestimmte Bestandteile des Weins hinweise.

Der Wein, wie man ihn wahrnehme, entstehe so eigentlich erst im Mund des Verkosters. "Deshalb ist bei Wein jeder subjektive Eindruck objektiv richtig", sagt Allendorf. Rechtlich gesehen sei Wein lediglich vergorener Traubensaft. "Aber letztlich", fügt Allendorf hinzu, "ist Wein eben vor allem Emotion."

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum