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Wiesbaden Willkommen bei den Storchs

Ein kleiner Verein kümmert sich seit 1972 in Schierstein um die Ansiedlung der Störche – mit großem Erfolg.

21.04.2017 13:41
Storch in Schierstein
In und über Schierstein fühlen sich die eleganten Vögel besonders wohl. Foto: Michael Schick

Ein Holländer gastiert derzeit auf dem Wasserwerk-Gelände von Hessenwasser im Wiesbadener Vorort Schierstein. Dass der Gast aus den Niederlanden angereist ist, erkennt Hubertus Krahner nicht etwa an einem außergewöhnlichen Dialekt beim Klappern. Ein Ring um das Storchenbein verrät die Herkunft von Meister Adebar.

31 Storchenpaare brüten auf dem Wasserwerk-Gelände unweit des Rheins – so viele wie noch nie, sagt Krahner und deutet auf die großen, zehn bis zwölf Zentner schweren Nester. Acht Horste haben Krahner und seine Mitstreiter von der Storchengemeinschaft Schierstein selbst angelegt, und die sind bei den Gästen schwer beliebt. Auch in diesem Jahr hat es nicht lange gedauert, bis die Herbergen komplett ausgebucht waren. Und wer keinen Platz im gemachten Nest fand, wurde selbst aktiv: In Bäumen und Strommasten haben die Vögel ihre Zelte beziehungsweise ihre Nester aufgeschlagen und warten seitdem auf ihren Nachwuchs.

Seit 1972 kümmert sich Krahner um die Wiederansiedlung und Verbreitung der Schreitvögel, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr in Schierstein brüteten. Die Idee, die Vögel wieder in Wiesbaden heimisch werden zu lassen, sei am Stammtisch entstanden, erklärt Krahner. Ein Arbeitskreis bildete sich, das Gelände für das Projekt war schnell gefunden. Doch während die Schiersteiner sich begeistert engagierten, gab es seitens der Politik keine Unterstützung: „Auf ein Schreiben kam damals aus dem Ministerium die Antwort: ,Macht, was ihr wollt. Das ist ein Versuch ohne Bedeutung‘.“

Hätten sich Krahner und seine Mitstreiter damals von dem Schreiben beeindrucken lassen – Wiesbaden wäre heute um eine Besonderheit und die Welt um viele Störche ärmer. Die Anfangsjahre gestalteten sich zunächst zäh. Ein Arzt hatte zwar zwei Störche gekauft und Krahner und Co. geschenkt. Doch auf Nachwuchs wartete man einige Zeit vergebens. „Die beiden Störche waren männlich, was man am Anfang nicht wusste, weil man das Geschlecht nicht am Aussehen erkennen kann.“ Als jedoch klar wurde, dass die beiden keine fruchtbare Verbindung eingehen würden, tauschte man schließlich ein Männchen gegen ein Weibchen. Und 1975 kamen die ersten Jungen in Schierstein zur Welt.

Zahlreiche weitere sollten folgen. „Während dieser 45 Jahre sind etwa 1100 Jungvögel in Schierstein geschlüpft.“ Jedes Jahr sammeln sich die Jungstörche im August und September in einem Pulk und fliegen dann los in Richtung Süden und Westen. Da die Tiere beringt sind, erhält der Verein ab und an auch Rückmeldung, wo die Schiersteiner Störche gelandet sind. Viele fliegen nach Portugal und Spanien, es gibt aber auch einige, die es bis nach Mali oder Mauretanien gezogen hat. „Störche können bis zu 12 000 Kilometer weit fliegen.“

Viele der Tiere verbringen mittlerweile jedoch den Winter in der Nähe. „Sie fliegen nicht wegen der Kälte weg, sondern weil es nicht mehr genügend Nahrung gibt“, erklärt Krahner. Da es in Deutschland im Laufe der Jahre ein Umdenken in Sachen Natur- und Umweltschutz gegeben habe, zum Beispiel Biotope angelegt werden, bleiben die Tiere im Winter auch durchaus in Deutschland. Und das erkläre unter anderem, weshalb es mehr Störche gebe. „Die Tiere müssen nicht weit reisen und sind so weniger Gefahren ausgesetzt.“

Während Krahner erzählt, ertönt auf einmal lautes Geklapper. Ein fremder Storch fliegt über einen Horst, in dem ein Pärchen gerade brütet und dem Überflieger entrüstet klar macht, dass er dort nichts zu suchen hat. „Störche klappern entweder zur Begrüßung oder eben, wenn sie sich bedroht fühlen“, sagt Krahner.

So friedlich wie in diesem Moment bleiben die Auseinandersetzungen nicht immer.  Einmal sei ein Storch nach einem Schnabelkampf mit einem Kontrahenten von einem Schornstein gefallen und gestorben. Keine Gnade kennen die Vögel auch, wenn es um ihren Nachwuchs geht. „Ist das Nahrungsangebot zu knapp, kommt es schon mal vor, dass Eltern ihre schwächsten Sprösslinge aus dem Nest werfen, oder dass sie anderen Eltern die Jungen wegnehmen und als Futter verwenden.“

Im Normalfall fressen Störche jedoch Insekten, Mäuse – etwa 20 vertilgt ein Jungstorch am Tag –, aber auch mal Kleintiere und somit die Nahrungsgrundlage für andere Tiere, weshalb die Vögel auch kritisch gesehen werden. „Manch einer macht sie für den Rückgang einiger Arten verantwortlich“, sagt Krahner. So gibt es am Wasserwerk mittlerweile weniger Kiebitze oder Pirole. „Das hat jedoch andere Ursachen.“

Überall auf dem Gelände kreucht und fleucht es – für Krahner einer der Hauptgründe, weshalb sich die Störche in Schierstein so wohlfühlen. „Außerdem ist das Areal abgeschottet, hier kann niemand unbefugt herein. Das heißt, die Tiere haben absolute Ruhe.“ Nur manchmal trotten ein paar Wildschweine, die sich bei Hessenwasser ebenfalls heimisch fühlen, über die Wiesen und pflügen sie um. „Aber das finde ich ganz gut, so kommen die Störche leichter an Würmer und Insekten“, sagt Krahner.

Theoretisch könnten die Vereinsmitglieder die Tiere füttern und so dafür sorgen, dass die Population weiter ansteigt. „Aber das wollen wir nicht. Wir wollen der Natur ihren Lauf lassen. Wir greifen nur dann ein, wenn ein Elternteil stirbt und das Junge droht zu verhungern“, sagt Krahner. Oder wenn ein Tier schwer verletzt ist. „Dann habe ich es auch schon einmal mit nach Hause genommen und in der Badewanne aufgepäppelt.“

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