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Wiesbaden Vergangenheit vergeht nicht

Ein neues Stück des Freien Theaters befasst sich mit Schuld.

Freies Theater
Drei Schauspieler begeben sich auf eine Reise in das Leben der Generationen aus der Nazizeit und danach. Foto: Monika Müller

Dauernd stehen die Kartons im Weg. Egal, wohin die Frau und die beiden Männer sie räumen. Und immerzu tauchen noch weitere Kisten auf. Schließlich öffnen die drei welche, holen alte Briefe, Akten und Kladden heraus und beginnen vorzulesen. Einer der Männer erzählt, wie er als Sozialarbeiter in anderen immer das Gute gesucht habe, weil er glauben wollte, dass auch in seinem Vater etwas Gutes gewesen sei. Der war bei der SS und nahm an Massenerschießungen teil: „Einmal zielte er zu hoch und traf die Kinder nicht.“

Den anderen verfolgt die Schuld seiner Eltern, die nach dem Krieg nach Südamerika gingen, wo sie weiterhin als Herrenmenschen auftreten. Er selbst bleibt kinderlos: „Irgendwann muss Schluss sein mit dem Bösen.“ Die Frau wäre gern Jüdin, dann könnte sie trauern. Stattdessen klagt sie darüber, dass „von den Sozis“ Flüchtlinge in die Wohnung ihrer „gütigen Großmutter“ einquartiert wurden und die Großmutter in die Kammer ziehen musste, „weil Opa in der Partei war“.

Im neuen Stück „Am Ende bleibt Schweigen“ des Freien Theaters Wiesbaden geht es um das Tragen und Ertragen der Schuld, persönlich-individuell aber auch gesellschaftlich. Ein Erbe, das den Nachkriegsgeborenen in Deutschland mit auf den Weg gegeben wird und tiefe Spuren in ihnen hinterlässt. „Viele Geschichten in unseren Familien in der Zeit des Zweiten Weltkriegs bleiben in einem diffusen Schatten“, sagt die Theatermacherin Barbara Klaukien. „Wir packen auf der Bühne die authentischen Geschichten anderer Menschen aus.“

Entstanden ist das Stück, das nun im Kulturpalast Premiere feierte, als Folge der Produktion „Widerstand“ im Jahr 2016. Bei vielen Zuschauern bestand Redebedarf, sie erzählten ihre eigenen Familiengeschichten, berichtet Klaukien, die das Stück geschrieben und inszeniert hat. Es wurde von der Crowdfunding-Initiative der Aventis Stiftung und des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main ausgezeichnet.

Die Liebe zum Theater kam bei Barbara Klaukien nicht gleich zum Tragen, zunächst machte sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Grundstücks- und Wohnungswirtschaft. Ein Schicksalsschlag 2003 ließ sie ihren Weg in Frage stellen. „Ich wollte etwas machen, das Menschen berührt und zum Nachdenken bringt“, sagt die heute 43-Jährige. Sie absolvierte eine theaterpädagogische Ausbildung, arbeitete im Konflikttheater mit Jugendlichen und im Kindertheater und spielte im Theater Lunel.

2008 lernte sie ihren Ehemann, den Schauspieler Oliver Klaukien kennen. Als Kunststudent in Hamburg fand er über ein Kunstprojekt den Weg zum Theater und ließ sich in Frankreich zum „Mime et Clowne“ ausbilden. In Wiesbaden führt er seit vielen Jahren als „Dostojewski“ Einheimische und Touristen durch die Stadt.

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